​Er ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei galt André Cluytens in den 1950er und 1960er Jahren neben den älteren Kollegen Charles Münch und Ernest Ansermet sowie dem etwas jüngeren Jean Martinon als der bedeutendste Dirigent für das französische Repertoire. Ein «Spezialist» war er dennoch nicht. Im Gegenteil: Repertoire-Vielfalt und die Neugier auf Unbekanntes waren typisch für Cluytens. 1955 dirigierte er als erster Franzose in Bayreuth (lange vor Pierre Boulez). Zwischen 1957 und 1960 kam er Herbert von Karajan zuvor, als er mit den Berliner Philharmonikern deren erste Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien realisierte. 

Zwei erstmals veröffentliche Live-Mitschnitte von den Internationalen Musikfestwochen Luzern (dem heutigen Lucerne Festival) erinnern an den in Belgien geborenen Wahlfranzosen. Im Sommer 1954 entlockte Cluytens am Pult des Philharmonia Orchestra der d-Moll-Sinfonie von César Franck ein Maximum an Farben und Stimmungen und sorgte mit unsentimentalen Tempi für ein packendes sinfonisches Drama. Außerdem traf er auf den erst 23-jährigen Geiger Igor Oistrach, der mit Aram Chatschaturjans Violinkonzert eines der Zugstücke seines Vaters und Lehrers David Oistrach interpretierte: mit schwindelerregender Präzision, sprachnaher Gestaltung der lyrischen Themen und einer eigenen großen Solokadenz, die Chatschaturjans Original, aber auch die üblicherweise gespielte Kadenz des Vaters an technischen Herausforderungen noch übertrifft. 

Beide Live-Mitschnitte sind Erstveröffentlichungen. Das 32-seitige, dreisprachige Booklet enthält ein Porträt des Dirigenten von Michael Struck-Schloen und zeigt bislang unveröffentlichte Fotos aus dem Festival-Archiv.  

In Kooperation mit audite präsentiert Lucerne Festival in der Reihe «Historic Performances» herausragende Konzertmitschnitte prägender Festspielkünstler. Ziel der Edition ist es, bislang weitgehend unveröffentlichte Schätze aus den ersten sechs Jahrzehnten des Festivals zu heben, dessen Geburtsstunde 1938 mit einem von Arturo Toscanini geleiteten «Concert de Gala» schlug. Die Tondokumente werden klanglich sorgfältig restauriert und durch Materialien und Fotos aus dem Archiv von Lucerne Festival ergänzt: eine klingende Festspielgeschichte.