Seien Sie herzlich willkommen zu neuen Aufnahmen aus dem Genre der Kammermusik. Die zweite CD, über die Sie heute morgen informiert werden sollen, markiert den Beginn eines Projekts. Das Mandelring Quartett hat bei audite Vol. I aller Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch herausgebracht. Nun: Das Schostakowitsch-Jahr ist zwar schon einen guten Monat alt, aber an Einspielungen wird es zu seinem 100.Geburtstag nicht mangeln. Daß sich das Mandelring Quartett dazu hören läßt, kann man nur begrüßen. Wenn ein Ensemble mit so außerordentlicher Klangkultur sich des umfangreichen Quartettschaffens dieses Komponisten annimmt, darf man neue Hörerfahrungen gewärtigen.
Das Mandelring Quartett zeichnet mit seiner ersten CD der geplanten Anthologie sämtlicher Streichquartette Schostakowitschs hingegen einen langsamen und konsequenten Prozess nach. Es ist ein Prozess der emotionalen Verdichtung und zugleich der inneren Befreiung. Die CD, die bei audite erschienen ist, umfaßt die Streichquartette Nr.1 C-dur, Nr.2 A-dur und Nr.4 D-dur, also ein Werk aus der Vorkriegszeit, jedoch nach der ersten Maßregelung des Komponisten durch die „Prawda“, ein Werk aus dem Kriegsjahr 1944 und ein Quartett aus der Zeit nach der zweiten Maßregelung. Natürlich wissen die Mandelrings um die biografischen Zusammenhänge. Aber sie tun das einzige Richtige: sie vertrauen der Musik. Sie spielen Schostakowitsch mit einer Noblesse der Tongebung und einer Delikatesse der harmonischen Beziehungen, als habe sich dieser Komponist in Wahrheit auf der Suche nach der verlorenen Zeit befunden. Und plötzlich atmet diese Musik eine innere Freiheit, gewinnen die Dissonanzen eine klangliche Schönheit, als seien diese Quartette nicht mehr von dieser Welt. Allenfalls ein leiser Grundton von tiefer Trauer zieht sich hindurch.
[Hörbeispiel: D. Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 1 C-dur op. 49, 3. Allegro molto]
Klingt der dritte Satz aus dem ersten Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch in der Neuaufnahme mit dem Mandelring Quartett noch vergleichsweise verbindlich, so setzt die äußerst differenzierte Tongebung bei den Variationen im Finale des zweiten Streichquartetts jene untergründigen und bedrohlichen Energien frei, die sich überall im späteren œuvre dieses Komponisten finden. Auch hier freilich sorgt die ungewöhnlich sensibel ausgehörte Polyphonie für harmonische Beziehungen, die immer wieder von geradezu archaischer Schönheit sind.
[Hörbeispiel: D. Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 2 A-dur op. 68, 4. Thema mit Variationen]
So vollendet das Mandelring das 2.Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch spielt – am eindrucksvollsten gelingt ihm eben doch das vierte Quartett op. 83. Aus der kühneren, drängenden Harmonik entwickelt das Ensemble Klangfarben, die lichter erscheinen als in den Aufnahmen anderer Quartettformationen, reiner und klarer auch, und denen doch nichts an Prägnanz der Aussage, an konsequenter Haltung abgeht. Ein wenig spürt man den historischen Abstand. Aber das hat, wenn die Auseinandersetzung mit Vergangenheit auf einem so hohen instrumentalen und konzeptuellen Niveau erfolgt, durchaus seine Legitimation.
[Hörbeispiel: D. Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 4 D-dur op. 83, 3. Allegretto]
Das war die neue Platte im Deutschlandfunk. Zum Schluß hörten Sie das Mandelring Quartett mit dem dritten Satz, Allegretto, aus dem vierten Streichquartett D-dur op. 83 von Dmitri Schostakowitsch. Die CD ist bei audite erschienen. Am Mikrofon bedankt sich Norbert Ely für Ihre Aufmerksamkeit.