Rezension
Pizzicato 12/2008 | Rémy Franck | 1. Dezember 2008
Psychedelisch!
Galt bisher die Gesamtaufnahme der Sonaten durch Igor Shukow als Referenz, muss man nicht neben, sondern vor diese Einspielung jetzt auch diese neue stellen, gespielt von dem russischen Pianisten und Dirigenten Vladimir Stoupel, der 1985 französischer Staatsbürger wurde und heute in Berlin lebt.
Hier passiert tatsächlich etwas, wenn man eine der CDs in den Player legt (und ich habe bewusst nicht mit der ersten Sonate begonnen, sondern mich gleich in die mystischeren späten Sonaten vertieft). Der erste Eindruck kam vom Klavierklang. So einen wohlproportionierten, natürlichen und den Hörer unmittelbar in Scriabins Welt versenkenden Sound hört man nicht oft. Das Klavier hüllt den Hörer sozusagen ein, nimmt ihn in sich auf, wird eins mit ihm, eine Wirkung, zu der natürlich die rauschhafte, psychedelische Musik Scriabins beiträgt. Man braucht nur die Augen zu schließen, und dann ist man in jenem irrealen Ambiente, in dem die Musik die perfekte Sinnestäuschung vollzieht, Körper und Geist leicht macht und uns durch Eis und Schnee, durch Feuerbälle und Lichtbögen jagt, durchs Dunkel wie durchs Sonnenhelle, wo nichts mehr greifbar wird und alles entschwindet. Stoupel bringt uns das gewaltige Herz des Komponisten so nahe wie sonst selten ein Pianist, mit einer Expressivität, der keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen, mit pianistischen Mitteln, die vom Flüstern bis zum erregten Schrei reichen, mit Lyrismus wie mit Perkussion jene unendlichen Räume der Musik durchfliegen, die sich längst von der gemarterten Welt gelöst haben, Räume, wo nichts mehr greifbar ist, wo wir transzendiert die Särge der Wahrheit einer längst ausverkauften Erde hinter uns lassen.