Rezension
orpheus Heft 9+10 / September/Oktober 2010 | Gerhard Eckels | 1. September 2010
Ausgeprägte Gestaltungskraft
So lange ist die erste Aufnahme der Schönen Müllerin von Matthias Goerne noch nicht her (2002 mit Eric Schneider), da gibt es nun im Rahmen seiner auf zehn CDs angelegten Schubert Edition bei harmonia mundi (HMC 901995) die nächste, diesmal mit dem kongenialen Christoph Eschenbach. Die ausgeprägte Gestaltungskraft der beiden Künstler hat hohes Niveau; so finden die traurigen Erfahrungen des tragisch endenden Müllerburschen eine stark beeindruckende Interpretation. Die im Laufe des Zyklus wechselnden Stimmungen von Hoffnung über angebliche Liebes-Gewissheit und bange Zweifel bis zu bitterer Resignation und Schwermut entstehen stets gut nachvollziehbar, seien es dramatische Ausbrüche oder die wunderbar ruhig ausgekosteten lyrischen Passagen – eine sehr zu empfehlende Aufnahme.
Längst gehört Werner Güra in die erste Reihe der Liedinterpreten; da war es nur eine Frage der Zeit, wann er sich Schuberts Winterreise annahm. Etwas Besonderes an der auch bei harmonia mundi (HMC 902066) erschienenen Aufnahme ist das vom versierten Christoph Berner gespielte Rönisch-Pianoforte von 1872, das mit seinem etwas trockenen Klang zum hellen, klaren Tenor Güras und seiner pointierten Ausdrucksweise aufs Beste passt. Der expressive „Zyklus schauerlicher Lieder“ (Schubert) erfährt durch die perfekt aufeinander abgestimmten Künstler eine sehr gelungene Ausdeutung, die mit ihrer Plastizität, großem Farbenreichtum und bemerkenswerter Intensität überaus starken Eindruck hinterlässt.
Volume II der bei audite (95.600) herausgekommenen Lied-Interpretationen von Dietrich Fischer-Dieskau enthält Lieder von Hugo Wolf, die der bedeutende Sänger im November 1948 mit Walther Welsch (drei geistliche Lieder aus dem Spanischen Liederbuch), im Juli 1949 mit Rudolf Wille (fünf Goethe-Lieder) und im Dezember 1953 mit Hertha Klust (elf weltliche Lieder aus dem Spanischen Liederbuch) aufgenommen hat. Insbesondere letztere zeigen, dass die beispielhafte Interpretationskunst Dieskaus gerade aus seinen frühen Jahren nach wie vor unerreicht erscheint. Die Textausdeutung ist vorbildlich, und phasenweise schwingt sein klarer Bariton geradezu belkantesk aus. Wie schön, dass man sein herausragendes Gestaltungsvermögen in technisch ordentlichen Wiedergaben nachvollziehen kann, die alles andere als verstaubt oder „nur“ historisch wirken.
Unter dem Titel „The Color of the Word“ präsentiert das amerikanische Label Bridge (BRIDGE 9268) Vertonungen („Masterpieces of Text-Setting“) verschiedener Komponisten. Die amerikanische Sopranistin Georgine Resick und ihr souveräner Begleiter am Klavier Warren Jones durchmessen gestaltungssicher die sehr unterschiedlichen Lieder von Hugo Wolf (u.a. „Nimmersatte Liebe“, „Auf einer Wanderung“, „Mein Liebster ist so klein“), des Debussy-Freundes André Caplet (stimmlich farbenreiche Lafontaine-Fabeln mit aberwitzigen Intervallen), Mussorgski (u.a. aus den Liedern und Tänzen des Todes), Debussy (Chansons de Bilitis) und Purcell (dabei dessen letztes Lied „From Rosy’s Bow’rs“ aus Don Quixote) – eine arg bunte Mischung.
In eine ganz andere Welt führt die Einspielung schottischer und anderer Volkslieder von Joseph Haydn und Beethoven durch Daniela Bechly und das Trio Kairos (Solveigh Rose/Violine, Bettina Barbara Bertsch/Cello, Christiane Behn/Klavier). Die hauptsächlich von George Thomson aus Edinburgh in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts gesammelten Lieder erklingen in passend schlichten, hübsch charakterisierenden Arrangements der beiden Klassiker. Die Sängerin bietet die Lieder mit feinem Sopran in bester Diktion und abgerundeter Stimmführung dar; das Klaviertrio musiziert dezent begleitend und profiliert sich mit dem Klaviertrio d-Moll, Hob.XV.23 von Joseph Haydn, eine insgesamt gut gelungene Aufnahme (musicaphon M 56880).
Seit es den Tonfilm und damit Filmmusik gibt, ist das Melodram, eine stets umstrittene Musikgattung, völlig verschwunden. Bei Ars (ARS 38 482) ist unter dem bezeichnenden Titel „Minne, Mord und Meuchelei – Schaurige Melodramen der Romantik“ eine Sammlung der bekanntesten Melodramen, dabei einige Erstaufnahmen, erschienen. Sie enthält das einzige Melodram Schuberts (Abschied von der Erde), zwei von Schumann und reicht von Werken heute völlig vergessener Komponisten wie Martin Roeder (1851-1910) und Philipp Gretscher (1859- 1937) über Wilhelm Kienzls „Brautfahrt“ (J. v. Eichendorff ) und Max von Schillings‘ ausladendes „Hexenlied“ bis zum „Schloss am Meer“ (Ludwig Uhland) von Richard Strauss. Der jeweils anspruchsvolle Klavierpart ist bei Katrin Düringer in guten Händen, Thomas Rübenacker deklamiert mit eindringlicher Intensität.