Das steht wohl außer Zweifel: Die Dirigenten-Legende Hans Knappertsbusch (l888-l965), liebevoll von seinen Fans „Kna“ genannt, wahrte stets eine persönliche Note, ließ Charisma spüren. Von welchem Dirigenten lässt sich da heute noch behaupten? Von Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Simon Rattle, Riccardo Muti, Mariss Jansons, Lorin Maazel, Christian Thielemann, Riccardo Chailly oder Pierre Boulez? Musikfreunde verehren diese Magier des Taktstocks. Orchesterleute äußern sich auch kritisch über sie. Also typische Charismatiker? Das ist weniger eine Frage der Objektivität, sondern jeher eine des individuellen Geschmacks, ob einer in selbstvergessener Gefühlsseligkeit ausschwelgt, das Stöckchen unwiderstehlich in Schwung setzt, sich in rabiater Hektik austobt, olympische Hochsprünge praktiziert oder die Noten einfach mechanisch herunter schlägt. Die Unverwechselbarkeit, die Identität der musikalischen Resultate spielt eine entscheidende Rolle, weniger das optische Erscheinungsbild am Pult.
Für Knas dirigentisches Profil liefert der rührige auf Remastering von Originalbändern aus den Rundfunkarchiven spezialisierte Ludger Böckenhoff vom audite Label glänzende Belege. Fakt ist jedenfalls, dass Anfang der Fünfzigerjahre, noch vor der Zeit als Herbert von Karajan zu seinen Höhenflügen ansetzte, Hans Knappertsbusch für einen kurzen Zeitraum am Pult der Berliner Philharmoniker stand. Die Früchte dieses künstlerischen Wirkens dokumentierte RIAS Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in Live-Mitschnitten und in Studioproduktionen. Als Tonträger dienten Analogbänder, die mit einer Bandgeschwindigkeit von bis zu 76 cm/sec. höchst beachtliche Mono-Qualitäten zu Tage fördern.
Hans Knappertsbusch verkörperte den Typ eines „urdeutschen Kapellmeisters“, der sozusagen von der Pike auf, beginnend im provinziellem Umfeld, sich hochdiente bis hin zu generalmusikdirektorialen Ehren - auf Lebenszeit wie l922 in München geschehen. Mitte der dreißiger Jahre belegten ihn die Nationalsozialisten mit dem Bann eines Auftrittsverbotes. Denn er hegte wenig Sympathien für das Regime. Nach dem Krieg kehrte der Dirigent nach München zurück, bekam ein zweites Mal, diesmal von den Alliierten, Dirigierverbot, weil den Besatzungsmächten nicht bekannt war, dass einer profilierter Künstler trotz Auftritte im Dritten Reich nicht automatisch als Mitläufer gelten muss. 1948 dirigierte Knappertsbusch die Walküre im Prinzregententheater. Doch für einer Position als Chefdirigent zeigte der keine Ambitionen. Die Statistik vermeldet, dass er an rund 1200 Abenden in der Bayerischen Staatsoper fünfzig verschiedene Werke dirigierte. Weitere Wegmarken seiner Laufbahn waren die Bayreuther Festspiele. Wagner bedeutete ihm eine ganze Menge. Nach der Wiedereröffnung des Bayreuther Festspielhauses l951 drückte Knappertsbusch bis l964 nahezu in jedem Jahr dem „geliebten“ Parsifal seine unverwechselbare Handschrift auf – eine Prägung besonderer Art, würdevoll, abgeklärt, ruhevoll. Mit unendlicher Langsamkeit enthüllte der Dirigent am Pult des Festspielorchesters Wagners tiefster und rätselhaftester Partitur ihren ganzen Reichtum an harmonischen Härten und enharmonischen Wendungen. Der „Kna“ kultivierte die wohl langsamste Version des Weihefestspiels, obgleich Arturo Toscanini und später James Levine (er machte gegenüber Knappertsbusch ca. 7 Minuten gut) mit „gemäßigter Langsamkeit“ ihm nicht allzu viel nachstanden. Mit einem wunderbaren Gefühl für klangliche Proportionen wurde das Geheimnisvoll-Mystische ausgeleuchtet, besonders die Blechbläser-Sequenzen im ersten Akt.
1964 dirigierte Knapperstbusch zum letzten Mal den Parsifal in Bayreuth (Orfeo C 690 074 4 CDs, Mono). Er starb ihm Oktober l965 in München. Wer den „Kna“- Parsifal in Stereo genießen will, greife zur legendären Einspielung von Philips, live mitgeschnitten in Bayreuth l962 (Philips 416 842-2).
Welche Einsichten vermitteln die Mono-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern? Knappertsbusch ein Meister der Langsamkeit? Dass er die klangliche Verläufe akkurat, mit beispiellosem Feinsinn und fast durchwegs mit gemessenen Tempi zu inszenieren verstand, ist hinlänglich bekannt. Ebenso die Tatsache, wie Knappertsbuschs große improvisatorische Begabung ihm immer wieder zum spontanen Gestalten verhalf. So nimmt es nicht Wunder, dass Werke, die er an zwei Tagen hinter einander dirigierte, unterschiedlich klingen konnten. Der Vergleich zwischen Live-Mitschnitten und Studioaufnahmen aus Berlin zeigt, dass die objektivierende Situation der Studioaufnahme strengere, weniger spontan wirkende Konstellationen evoziert als der Mitschnitt aus dem Titania-Palast in Berlin. (Vgl. Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9, Studioproduktion vom 28.1.l950, live mitgeschnitten im Konzert am 30.1.l950). Ähnliches signalisieren die Aufnahmen von Franz Schuberts h-Moll Sinfonie, die Unvollendete (gleiche Daten wie bei Bruckner 9). Aus der momentanen Gefühlsstimmung heraus geboren, erreicht der Live Mitschnitt oft eine größere Spontaneität, wirkt frischer, im Ausdruck prägnanter durchgeformt. Da mögen auch momentane Gefühlsstimmungen eine Rolle spielen, und es könnte durchaus sein, dass Knappertsbusch plötzlich die Lust überkam, kompositorische Gebilde oder Strukturen etwas anders zu akzentuieren als am Tag vorher. Dass die Form trotz agogischer Flexibilitäten gewahrt wird, dafür sprechen auch die Spielzeiten: so dauert Franz Schuberts Achte, aufgenommen im Titania-Palast, 23:19, während sich der Dirigent live (ebenfalls Titania-Palast) 24:11 Zeit nimmt. So mögen Dehnungen in der Live-Aufnahme von Bruckners Neunter (Titania-Palast 30.1.l950 Spieldauer 57:19) die Abweichungen im Vergleich zur Produktion im Studio (55:46) erklären.
Inwieweit Knappertsbusch nun wirklich der zum Maestro des Langsamen geziehene Pultstar war, bleibe dahin gestellt. In flüssigen Tempi baut er jedenfalls die gigantische Architektur in Bruckners Achter (aufgenommen in der Jesus-Christus-Kirche Berlin, 8.1.l951), und zwar mit einer Spieldauer von 78:39. Und der gar nicht als orthodoxer Bruckner-Apostel agierende Herbert von Karajan benötigt für diese großbogige angelegte Aufnahme (in DG 429 648 mit Berliner Philharmoniker) 82:00. Dass der eigenwillige, beim Publikum wie bei Musikern als sympathisch angesehene „Kna“ es mit der Treue zum Werk nicht so ernst genommen haben soll, lässt sich daraus keinesfalls folgern, auch nicht aus der Tatsache seiner sprichwörtlichen Aversion gegen Proben mit dem Orchester. Zur Vermeidung von Missverständnisse: Sicher sind Tempi nicht die einzigen Kriterien, um das künstlerische Profil einer Interpretation zu qualifizieren. Doch die Geschlossenheit der Bruckner Einspielungen beeindruckt, ebenso das detailfreudige Formen der Stimmverläufe, die dramatischen Klangschübe und die leidenschaftlichen Ausdruckskraft. Da wird man sicherlich nicht auf die Waagschale legen, wenn sich im dritten Satz der neunten Sinfonie von Anton Bruckner (live wie im Studio) der furchterregende Eindruck des Nonenakkords durch übertriebenes Pointieren unnötig aufplustert, zu wenig organisch aus den Abläufen herauswächst. Bedeutende Wagner-Dirigenten wie Günter Wand, Bernard Haitink oder der unvergessene Carlo Maria Giulini formen diese Stellen klanglicher schärfer. Inwieweit man die Gemächlichkeit der Tempi in Beethovens achter Sinfonie gutheißt, auch die in puncto Geschwindigkeiten erheblichen Differenzen zwischen Studio- und Live-Mitschnitt von Franz Schuberts h-Moll Sinfonie (die Unvollendete), mag der Hörer nach eigenem Empfinden entscheiden. Immerhin öffnen diese Vergleiche aber reizvolle Perspektiven für die Subjektivität und ästhetische Spannweite des Dirigenten Hans Knappertsbusch.
Was er auch immer dirigierte und in seinen Konzertprogrammen den Zuhörern anbot, bewegte sich in der Regel im eng abgegrenzten Rahmen des zentraleuropäischen Repertoires. Dazu zählten Kompositionen von Beethoven, Brahms, Bruckner, allerdings nie Rossini. Auch fanden bei ihm die Impressionisten keine Sympathien. Umso mehr galt Richard Wagner seine große Liebe. Aber es fand auch „leichte Ware“ Eingang in seine Programme – etwa Tschaikowskys mit Raffinement instrumentierte Nussknacker-Suite, ferner einige Sträuße, last but not least der unwiderstehlich mit augenzwinkernden Charme aufs Parkett gelegte Walzer „Bad’ner Mad’ln von Karel Komzák. Welch ein Blockbuster in dieser mit so viel Sorgfalt editierten 5 CD-Hardcoverbox von audite. Zum kostenlosen Downloaden gibt es noch allerhand Wissenswertes zum Remastering. Für historisch ambitionierte Fans sind die durchwegs beeindruckend gut klingenden Monaufnahmen eine Trouvaille. Das Booklet informiert eingehend über die allzu kurze Verweildauer des Dirigenten bei den Berliner Philharmonikern (l950 – l952).