Einen schönen Nachmittag, meine Damen und Herren. Vor wenigen Tagen gab es bei den Salzburger Festspielen einen bemerkenswerten Konzertzyklus. Das Mandelring Quartett hat an zwei Tagen sämtliche Streichquartette von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch aufgeführt. Das waren 2 Konzerttage voller Intensität und sie haben die Gelegenheit geboten in die Tiefe dieser 15 Quartettkompositionen einzutauchen. Besonders spannend ist es, den musikalischen Zusammenhang dieser Werke hörbar nachvollziehen zu können. Gerade im Bereich der Streichquartette ist das bei Schostakowitsch von großer Bedeutung, wurden sie doch mit einem „Tagebuch innerer Entwicklung“ verglichen.
Tatsächlich hatte die Hinwendung Schostakowitschs zur Kammermusik zunächst eine Art Rückzugscharakter. Nachdem er 1936 Angriffen der sowjetischen Kulturpropaganda ausgesetzt war, begann er zwei Jahre später mit der Komposition von Streichquartetten. Betrachtet man die Entstehung der 15 Quartette im Zusammenhang mit den Sinfonien, so entsteht ein sehr kontrastreiches Bild. Der geforderten Großform wird die Intime gegenübergestellt. Dass sich eine Kongruenz der Anzahl der Werke ergeben hat, war jedenfalls nicht geplant. Ganz im Gegenteil, eigentlich war ein Zyklus von 24 Quartetten intendiert. Durch sämtliche Tonarten, so wie Schostakowitsch das bereits in seinen 24 Präludien getan hat.
1.Hörbeispiel: Präludium in Es-Dur Nr. 19 CD2/Cut 21 (1.30)
Margarethe Babinsky spielte das Präludium in Es-Dur aus dem op. 34 von Dmitri Schostakowitsch.
Dieses Präludium steht in derselben Tonart wie das Hauptwerk unserer heutigen Sendung, das Streichquartett Nr. 9. Es ist eine Tonart, die keineswegs schwermütig erscheint und von Schostakowitsch auch bewusst eingesetzt wurde. Das 9. Streichquartett, entstanden 1964, ist seiner 3. Frau Irina Antonova Supinskaya gewidmet und markiert einen weiteren wichtigen Schritt der Verdichtung des kompositorischen Schaffens.
Und das sind auch die beiden Anknüpfungspunkte für unsere Annäherung an das Quartett.
Einerseits der kompositorische Ansatz einer zyklischen Verdichtung, darauf werde ich später noch genauer eingehen. Andererseits ist der biographische Zusammenhang von Bedeutung, denn Schostakowitsch hatte 1954 seine erste Frau Nina Wassiljewna verloren. Zwei Jahre nach ihrem Tod war er dann eine Ehe eingegangen, die rasch wieder geschieden wurde. Erst danach ist das 7. Quartett entstanden, das dem Andenken seiner ersten Frau gewidmet wurde.
Außerdem war er selbst nicht nur in eine Schaffenskrise geraten, sondern auch krank geworden, sodass sich eine Art „Requiemsgedanke“ breit gemacht hat, der Niederschlag in seinem 8. Streichquartett gefunden hat.
Das 7. und 8. Quartett sind die Bezugspunkte für unser Hauptwerk und stehen zueinander – man könnte sagen – wie Leben, Tod und Auferstehung.
2. Hörbeispiel: Schostakowitsch Str.qu. Nr. 7, 1. Satz CD 3/ Cut 4 (3.35)
Das Mandelring Quartett spielte den 1. Satz aus dem Streichquartett Nr. 7 in fis-Moll op. 108 von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.
Das kurz danach entstandene 8. Streichquartett ist vielleicht das bekannteste von allen. Es erscheint wie eine Zusammenfassung. Eine Zusammenfassung, die gleichzeitig den Absprung in neue Regionen ermöglicht. Durch seine selbstreferenzielle Konzeption ist es ein extrem persönliches Werk. Schostakowitsch integriert darin nicht nur eine ganze Reihe Zitate eigener Stücke, sondern er eröffnet das Quartett mit der Tonfolge d-es-c-h, sozusagen seinem klingenden Monogramm. Und unter anderem wird dieses Namenssigle zu einem wichtigen musikalischen Verbindungsglied der einzelnen Sätze.
In gewisser Weise ist das 8. Streichquartett ein Versuch der Spurensicherung des eigenen Werkes, getragen von der Angst des Vergessenwerdens und der bedrohlichen Nähe des Todes.
3.Hörbeispiel: Schostakowitsch Str.qu. Nr. 8, 4. Satz CD 2/Cut 13 (4.16)
Den 4. Satz aus dem Streichquartett Nr. 8 in c-Moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch spielte das Mandelring Quartett.
Die Verwandtschaft der Streichquartette von Schostakowitsch hat vielfältige Ebenen. Da spielt die Wahl der Tonarten ebenso eine Rolle wie übergeordnete biographische Momente. Eine Besonderheit ist aber auch der Aufbau und die Idee einer zyklischen Verknüpfung. Und gerade das sind zwei Punkte, die die Trias der Streichquartette 7, 8 und 9 so spannend machen.
Begibt man sich auf diese Spuren, so wird schnell deutlich, dass sich Schostakowitsch nicht im luftleeren musikalischen Raum bewegt, sondern ganz eindeutige Anknüpfungspunkte vorhanden sind. Ein besonders wichtiger ist Beethoven. An sein Spätwerk gibt es viele Andeutungen und klare Verbindungslinien. Das beginnt bereits beim 2. Streichquartett mit seiner Nähe zu Beethovens op. 131. Die Idee der zyklischen Verknüpfung nimmt hier ihren Ausgangspunkt.
4.Hörbeispiel: Schostakowitsch Str.qu. Nr. 2, 1. Satz CD 1/Cut 5 (7.46)
Das Mandelring Quartett spielte den 1. Satz des Streichquartetts Nr. 2 in A-Dur op. 68 von Dmitri Schostakowitsch.
Ein wichtiger Anknüpfungspunkt an Beethoven war die zyklische Idee um seine Streichquartette in sich zu verdichten. Einerseits findet sich beispielsweise im 7. und 9. Quartett eine Fokussierung auf das Finale. Das ganze Stück wird durch die neuerliche Verarbeitung des musikalischen Materials der vorangegangenen Sätze zusammengehalten.
Andererseits werden die einzelnen Sätze des Werkes miteinander verbunden. Ein Blick in Beethovens Streichquartette dient uns hier als Vorschau auf die Techniken, die Schostakowitsch dafür entworfen hat.
Hören wir zunächst den Übergang vom 3. auf den 4. Satz in Beethovens op. 59, 1.
5.Hörbeispiel:Beethoven Übergang CD2/Cut 3 (12.45)-4 (0.10) (ca. 0.21)
Diesen Ausschnitt aus dem Rasumovsky Quartett op. 59, 1 spielte das Alban Berg Quartett.
Jetzt blicken wir in das 9. Streichquartett von Schostakowitsch. Wie im 7. und 8. werden alle Sätze attaca, also ohne Pause dazwischen, gespielt. Das erlaubt die Ineinanderführung der Sätze. Schostakowitsch verwendet dafür gleichbleibende Noten, aber er verändert Metrum, Rhythmus, Tempo und Dynamik.
Hier der Übergang vom 4. auf den 5. Satz.
Alle Beispiele: CD 3/Cut 7-11
6.Hörbeispiel: Schostakowitsch Str.qu.9 Übergang 4→5 - 0.26 - -8.38
Etwas suggestiver ist der Übergang vom 3. auf den 4. Satz gestaltet.
7.Hörbeispiel:Schostakowitsch Str.qu.9 Übergang 3→4 - 0.20 - -2.40
Und bei der Überleitung vom 2. auf den 3. Satz entsteht das Gefühl, als ob man auf einen rollenden Zug aufspringen würde und froh ist, noch mitgenommen zu werden.
8.Hörbeispiel: Schostakowitsch Str.qu.9 Übergang 2→3 - 0.36 - -3.55
Der letzte noch verbleibende Übergang zwischen 1. und 2. Satz bringt eine raffinierte harmonische Verwandlung.
9.Hörbeispiel:Schostakowitsch Str.qu.9 Übergang 1→2 - 0.29 - -4.09
Es folgt nun das gesamte 9. Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch, gespielt vom Mandelring Quartett.
10.Hörbeispiel:Schostakowitsch Str.qu.9 gesamt CD3/Cut 7-11 (25.00)
Das Mandelring Quartett spielte das Hauptwerk unserer heutigen Sendung, das Streichquartett Nr. 9 in Es-Dur op. 117 von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.
Das war die erste von zwei Kammermusik-Sendungen, die sich dem Streichquartett-Schaffen von Schostakowitsch widmen. Nach dem heutigen 9. Quartett steht in zwei Wochen das 5. auf dem Programm, das wiederum eine andere Annäherung an diese faszinierende Musik ermöglicht.
Apropos Kammermusik hat in den nächsten Wochen eindeutig einen russischen Schwerpunkt. Mit Nikolai Karlowitsch Medtner steht nämlich nächste Woche ein Komponist aus Moskau auf dem Programm. Sein musikalisches Lebenswerk, das Streichquintett in C-Dur, wird Ihnen meine Kollegin Teresa Vogl vorstellen.
Für heute bedanke ich mich sehr herzlich bei Ihnen fürs Zuhören! Nadja Kayali wünscht noch einen anregenden Nachmittag mit Ö1!