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Fono Forum

Rezension Fono Forum Mai 2012 | Friedrich Sprondel | 1. Mai 2012 Wege zu Bach

Die Britin Margaret Philips bringt ihre Bach-Gesamteinspielung in Doppelfolgen heraus; jede Scheibe ist dabei einem prominenten Instrument gewidmet. In Folge sechs ist das, neben der neuen Aubertin-Orgel der Pariser Kirche St Louis en I' Île, die legendäre Müller-Orgel der Bavokerk in Haarlem; Folge sieben wurde an der Hildebrandt-Orgel von 1728 in Sangerhausen und an der grandiosen Silbermann-Orgel der Freiberger Petrikirche aufgezeichnet. Philips spielt tadellos und mit sicherem Geschmack in Tempo und Registerwahl. Interessant ist, welche der großen Orgelwerke sie welchem Instrument zuweist. So erklingen in Folge sechs die großen Präludien und Fugen in e- und h-Moll BWV 548 und BWV 544 an der monumentalen Haarlemer Orgel, Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 und die frühe Toccata E-Dur BWV 566 am eleganten Aubertin-Instrument; Folge VII bringt das lebhafte G-Dur-Werkpaar BWV 541 und das "Grossomogul"-Concerto nach Vivaldi an der farbenfrohen Sangerhauser Orgel, und dem 32-Fuß-Klang in Freiberg vertraut Philips die beiden großen c-Moll-Zyklen an, Präludium und Fuge BWV 546 und die Passacaglia. Möglicherweise lassen sich die Instrumente tontechnisch noch charakteristischer abbilden; in puncto Stilistik und Lebendigkeit macht Margaret Philips aber keiner etwas vor.

Das kann auch für den Leipziger Thomasorganist Ullrich Böhme gelten. Zuletzt hat er sich die großen Orgelchoräle vorgenommen, die Bach in seinen späten Leipziger Jahren in einer Sammelhandschrift zusammenfasste. Jedem Choral stellt Böhme einen Bach'schen Choralsatz voran, gespielt auf der kleinen Hildebrandt-Orgel von 1723 in Störmthal, einem kraftvoll-herben Instrument, das Bach bekannt war. Den jeweiligen Orgelchoral – oder die zugehörige Werkgruppe – spielt Böhme dann auf der großen "Bachorgel" der Leipziger Thomaskirche, die Gerald Woehl im Bachjahr 2000 fertigstellte. Beide Instrumente wurden mit vorteilhafter Direktheit aufgenommen und die farbenreiche, klangmächtige neue Orgel kann neben der charakterstarken alten gut bestehen. Ein Vergnügen aber ist, zu erleben, wie die "Bachorgel" den Thomasorganisten offenbar inspiriert. Er artikuliert und registriert, bei straffen Tempi und absoluter Klarheit, mit umwerfender Spielfreude. Die höchst anspruchsvolle Sammlung wird in ihrem stilistischen Reichtum unmittelbar erlebbar: als packende Musik.

Martin Neu möchte in seinen beiden Einspielungen Bach aus der Perspektive der nord- und süddeutschen Orgelkunst des 17. Jahrhunderts sichtbar machen. Er hat sich stilistisch adäquate Instrumente ausgesucht: Die Ahrend-Orgel in Herzogenaurach überzeugt mit warm-artikuliertem Klang und gibt dem norddeutschen Repertoire – hier beschränkt auf Bachs unmittelbare Bekanntschaften Böhm und Buxtehude – lebhafte Farbigkeit; beim süddeutschen – Kerll, Muffat, Froberger und Pachelbel – nutzt Neu die intensiv strahlende Metzler-Orgel in Obertürkheim für Pedaliter-Kompositionen, die Bernauer-Orgel in Laufenburg von 1776 mit ihrem satt-obertönigen Klang für die Manualiter-Musik. Hörbar inspiriert vom lebendigen Klang der Instrumente, spielt Neu stilistisch angemessen, übertreibt weder Tempi noch Artikulation und registriert oft betont schlicht, aber dank charaktervoller Einzelstimmen musikalisch sehr ergiebig. Die suggerierte Abhängigkeit begründet Neu im Booklet-Text einleuchtend; doch wird vor allem deutlich, wie stark Bach das Aufgenommene jeweils um- und sich anverwandelte.

Carsten Wiebusch geht einen Schritt weiter, indem er sich vornimmt, Bach gleichsam durch die Ohren eines anderen zu präsentieren: Er hält sich an die Ausgaben, die der Brahms-Zeitgenosse William Thomas Best mit Spielanweisungen für den modernen Konzertorganisten und seine technisch fortgeschrittene Orgel versehen hatte. Wiebusch präsentiert damit jene Klangressourcen, die die Klais-Orgel der Karlsruher Christuskirche hinzugewann, als sie kürzlich renoviert wurde. Dabei wurde die schlanke Sechziger-Jahre-Disposition um romantische Farben erweitert, die sich in der gelungenen Aufnahme durch große Intensität nachdrücklich bemerkbar machen. Schärfe und Fülle zusammen ergeben eine expressive Klangpalette, die Wiebusch nutzt, um den Best'schen Interpretationen dramatisches Profil zu verleihen – auch den Überraschungen, die in pièces de résistance wie der Passacaglia und der d-Moll-Toccata auf den Hörer warten. Dabei spielt Wiebusch selber überaus charakteristisch: Er meidet schwülstiges Romantisieren, artikuliert deutlich und lässt auch über die Tempobeugungen hinweg den rhythmischen Fluss nie abreißen. Wiebuschs Bach holt sich letztlich bei W. T. Best die Lizenz für ein expressiv gesteigertes Bach-Spiel – das als solches zweifellos überzeugt.
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Rezension Fono Forum Mai 2012 | Götz Thieme | 1. Mai 2012 Pfundiges Erbe

Es war die Schallplatte, die von ihm nicht sehr geliebte, die nach Wilhelm Furtwänglers Tod 1954 den Ruhm des Dirigenten am Leben hielt. Die ans Licht kommenden inoffiziellen Konzertmitschnitte mehrten die Legendenbildung, dokumentierten genauer Furtwänglers Größe. Die Studiobedingungen bei den kommerziellen Aufnahmen waren Furtwängler unbehaglich, es fehlte das Publikum, mit dem er den Austausch fand.

Noch zu Furtwänglers Lebzeiten kam auf LP der nicht autorisierte Mitschnitt eines Radiokonzerts mit Beethovens Dritter heraus, 1944 in Wien entstanden. Der erboste Dirigent klagte erfolgreich gegen das amerikanische Label Urania. Das war gewissermaßen der Beginn des Furtwängler-Platten-Kults; heute erzielt ein gut erhaltenes Exemplar dieser "Eroica" mehr als 1.500 US-Dollar – seltsam, dass Furtwängler sich gegen die Veröffentlichung aussprach, denn von seinen Aufnahmen ist sie wohl die überzeugendste. Nach seinem Tod änderte sich einiges. Die Witwe Elisabeth Furtwängler war großzügig bei der Freigabe von Live-Dokumenten. Begehrt waren bald die Konzertmitschnitte der Kriegszeit, vor allem die in Berlin entstandenen, nachdem Furtwängler 1947 wieder zu seinen Philharmonikern zurückgekehrt war. Die Übertragungen, meist vom RIAS, wurden in vielen Fällen von den Furtwängler-Gesellschaften auf Vinyl veröffentlicht.

Ein Coup gelang dem Label Audite 2009 mit der 12-CD-Edition "Live In Berlin" mit den kompletten Konzerten von Furtwängler und den Berliner Philharmonikern, die im RIAS-Archiv überdauert hatten, entstanden 1947 bis 1954 (siehe FONO FORUM 9/09). Der Tonmeister Ludger Böckenhoff konnte überwiegend auf die erhaltenen Originalbänder mit schnellerer Bandgeschwindigkeit (76 cm/s) zurückgreifen. Der Gewinn war bemerkenswert: Stabilität des Klangbildes, erweiterte Frequenzgänge und eine bessere Dynamik. Bald erreichten das Detmolder Audite-Team vor allem aus Japan und Korea Anfragen nach einer LP-Edition: Das Label war in bester Erinnerung mit seiner ausgezeichneten LP-Edition der Münchner Mahler-Aufnahmen von Rafael Kubelik.

Jetzt ist eine Auswahl der Furtwängler-Edition auf vierzehn LPs erschienen; 180-Gramm-Pressungen aus der Diepholzer Pallas-Manufaktur, beinahe vier Kilo bringt die Box auf die Waage. Der Handhabungsgrund und der Preis (um die 250 Euro) erklären, warum nicht alle Aufnahmen berücksichtigt wurden, was besonders bedauerlich bei den Violinkonzerten von Beethoven und Fortner mit Yehudi Menuhin respektive Gerhard Taschner ist, denn das analoge Medium schlägt gerade bei der Wiedergabe des Obertonspektrums deutlich die CD. Schade, dass Hindemith, Blacher und Strauss aussortiert wurden, der erschütternd schwarze Trauermarsch aus der "Götterdämmerung" und Furtwänglers sonnigste Version des "Meistersinger"-Vorspiels (beide von 1949): Sie sind Höhepunkte seiner Diskographie.

Doch die meisten Kunden wünschten sich vor allem die Sinfonien von Beethoven, Bruckner, Brahms und Schubert, heißt es bei Audite. Die Investition muss sich gelohnt haben, die Erstauflage, deren Zahl manche heutige Rattle-EMI-Produktion übersteigt (über genaue Zahlen schweigt man sich aus), ist ausverkauft, es wird nachgepresst. Eine Anmerkung für Puristen: Die Grundlage für die LP-Edition ist das digitale Master der CD. Anders hätte er beispielsweise Gleichlaufschwankungen nicht ausgleichen können, erklärt Ludger Böckenhoff.

Im Zentrum stehen Bruckners achte Sinfonie, Schuberts achte und neunte Sinfonie sowie je zwei Versionen von Beethovens dritter, fünfter, sechster Sinfonie und Brahms Dritter. Ein Vergleich der Medien bietet sich an, ist aber weniger erhellend, da die Grundcharakteristik durch die identische Masterquelle sich gleicht. Wie immer bei Vinyl verbinden sich die musikalischen Ereignisse zu einem flüssigeren Verlauf, andererseits erscheint die Zeitwahrnehmung verdichtet gegenüber der CD; ein Nebeneffekt der LP: Verzerrungen und Übersteuerungen wirken gemildert wie etwa zu Beginn des vierten Satzes der Dritten von Brahms, 1949 mitgeschnitten. Interessanter ist die Gegenüberstellung mit der LP-Ausgabe in der "Dacapo"-Reihe von Electrola, herausgekommen in den siebziger Jahren. Erstaunlich ist deren Klangbild: Die durchgängig analoge Kette und das 30 Jahre jüngere Bandmaterial machen sich bemerkbar. Die Berliner klingen körperhafter, das etwas dumpfere Timbre und der offenkundig zugefügte Hall stören nicht. Die EMI-Ausgabe ist atmosphärischer und mehr "live" – und das nicht nur wegen der Huster. Tritt Furtwängler hier als fesselnder Erzähler auf, ist er bei Audite mehr Berichterstatter. Ähnlich der Fall beim "Tristan"-Vorspiel: Auf der LP der deutschen Furtwängler-Gesellschaft sind die Instrumentalfarben gesättigter, der Hörer bekommt eine Vorstellung von der trockenen Akustik des Titania-Palastes. Bei Brahms Dritter von 1954 (gemessener gegenüber der nervösen fünf Jahre früher) punktet die Audite-Edition: Über der Deutsche-Grammophon-Ausgabe von 1976 liegt ein Schleier, das Klangbild ist muffig.

Alles in allem hat Audite ein Sammlerschmuckstück vorgelegt, das vieles erhellt, aber ebenfalls nicht erklärt, was die Größe dieses Dirigenten ausmacht. Wirkliche Größe sei ein "Mysterium", stellt Jakob Burckhardt in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" fest. So ist es.
Reutlinger Generalanzeiger

Rezension Reutlinger Generalanzeiger 16.12.2011 | akr | 16. Dezember 2011 Orgelmusik der Barockzeit

Natürlich ist Bach der große Monolith, andererseits ist es gerade auch...
Pizzicato

Rezension Pizzicato N° 222 - 4/2012 | RéF | 1. April 2012 Für Feinschmecker

Zwischen den zwei Streichquintetten von Eduard Franck (1817-1893) liegen 25 Jahre. Das erste entstand um 1845, das zweite um 1870. Veröffentlicht wurden beide erste viele Jahre nach der Komposition. Das Opus 15 des Mendelssohn-Schülers beginnt mit einem ausladenden, kraftvoll und melodiös fließenden ersten Satz: ein Winner ist dieses Stück, wenn es so packend musiziert wird wie hier. Das charakteristische Scherzo mit seinem Pizzicato-Trio ist eine fesche Musik, die einem ausdrucksvollen Andante vorausgeht, während ein verspielt-drolliges Finale, leicht zigeunerhaft angehaucht, das Werk beendet.

Das zweite Quintett beginnt mit einem ebenfalls fast viertelstündigen Satz, der mit einem Zitat aus dem langsamen Satz von Beethovens 'Pathetique' überrascht. Hier steht das Andante dann an zweiter Stelle, vor einem seltsam nervösen Menuett, worauf ein umso bedächtiges und fein entwickeltes Variationen-Andante das anspruchsvolle Werk beschließt, das vielleicht nicht ganz so eingänglich ist wie das erste, sich aber bei mehrmaligem Hören sehr reizvoll öffnet.

Das musizierende Quintett ist mit viel Hingabe dabei und macht die Musik zum wirklichen Hörvergnügen. Eine exzellente Kammermusik-CD für Feinschmecker.
Pizzicato

Rezension Pizzicato N° 222 - 4/2012 | RéF | 1. April 2012 Für Sammler Pflicht

Die hier von Audite vorgelegten Aufnahmen von 29 Bach-Kantaten waren Teil eines Projekts, das Karl Ristenpart 1947 beim RIAS Berlin initiierte: die Einspielung aller Kantaten. Als der Dirigent 1953 zum Saarländischen Rundfunk wechselte, waren freilich nicht alle Kantaten aufgenommen. Dennoch sind diese Tondokumente wichtig, zeigen sie doch ein damals zukunftsweisendes Bach-Ideal: kleine Besetzung bei Chor und Orchester, eine Auswahl von Solisten, die sich als Bach-Sänger einen Namen machten. Trotz aller Unterschiede zum heutigen Bach-Stil ist dies ganz klar ein Vorläufer der historischen Aufführungspraxis! Und als das muss es auch angesehen werden. Ristenpart erreichte freilich hier noch nicht das interpretatorische Niveau, das er später im Saarland erzielen sollte. Musikalisch ist nicht alles optimal, zumal die ungenügend für dieses Vorhaben ausgebildeten Solisten mit Ristenparts Auffassungen nicht alle wirklich klarkamen. Dennoch gibt es in der Box auch höchsten Ansprüchen genügend Gesang, und da ist Dietrich Fischer-Dieskau, der in mehr als der Hälfte der hier aufgenommenen Kantaten mitsingt, die Leitfigur. Allein um ihn singen zu hören, lohnt sich der Ankauf dieser Box, die, wie man das bei Audite gewohnt ist, höchsten editorischen Anforderungen gerecht wird. Neben dem Booklet gibt es im Internet hoch interessantes Informationsmaterial.

Für Bach-, Ristenpart- und FischerDieskau-Sammler ist diese Veröffentlichung ein Pflichtkauf.

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