Rezension
RBB Kulturradio Fr 14.08.2015 | Peter Uehling | 14. August 2015
Tientos y glosas
In der späten Renaissance- und frühen Barock-Zeit stand Spanien auf dem Höhepunkt seiner Macht. In dem reichen Land blühten auch die Künste, die Malerei eines Diego Vélazquez oder Francisco de Zurbarán, die Literatur von Miguel de cervantes oder Baltasar Gracián – und die Musik? Kaum einer kennt sie. Martin Neu, Organist in Reutlingen und bislang durch zwei CDs zu den nord- und süddeutschen Einflüssen auf Johann Sebastian Bach hervorgetreten, präsentiert auf "Tientos y Glosas" spanische Orgelmusik des Goldenen Zeitalters. Die Komponisten sind heute höchstens Orgelexperten bekannt, damals aber genossen Francisco Correa de Arauxo aus Sevilla oder Miguel Rodrigues Coelho aus Portugal hohes Ansehen, was sich an den Drucken ablesen lässt, die von ihrer Musik erhalten sind.
Großer Reichtum, kleiner Mangel
Die Grundformen der spanischen Orgelmusik sind Tiento und Glosa – dabei ist das Tiento eine freie Form, während die Glosa gregorianische Choräle oder Hymnen instrumental bearbeitet. Insofern gibt es in Spanien die gleiche Aufteilung wie in Deutschland zwischen Präludien, Toccaten und Fantasien einerseits und Choralbearbeitungen andererseits. In Spanien nimmt die Musik bauartbedingt zuweilen eine spezifische Form an: das Tiento de medio registro, in dem auf einem Manual durch Teilung der Lade zwei verschiedene Registrierungen möglich sind – natürlich auch auf dem 1735 gebauten Instrument von San Hipólito in Cordoba, das Martin Neu auf dieser Aufnahme spielt. Mystisches, Spielfreudiges, Strenges, aber auch Zupackendes findet sich auf dieser CD, ein großer Reichtum an Formen und Klängen, von Martin Neu stilistisch kundig eingespielt. Zu bemängeln wäre nur, dass sich die Auswahl auf drei Komponisten beschränkt und das ensemble officium, das zu den choralgebundenen Glosas die Hymnen singt, intonatorisch matt auftritt und einen anderen Stimmton wählt als die Orgel, was zuweilen irritiert.