Ihre Suchergebnisse (9970 gefunden)

Fono Forum

Rezension Fono Forum April 2016 | Michael Kube | 1. April 2016 Nach fast anderthalb Jahren setzt das Label audite seinen Schumann-Zyklus mit...

Nach fast anderthalb Jahren setzt das Label audite seinen Schumann-Zyklus mit einer Doppelfolge fort. Aufgrund der Besetzung und der Werke fraglos ein Kraftakt für alle Beteiligten – doch mit einer anhaltenden Poesie verbunden, die einem Schumann, seine vielfach als problematisch eingeredete Instrumentation und sein Spätwerk näher als zuvor erscheinen lassen. War dies schon bei den Sinfonien und dem Cellokonzert zu erfahren, die Heinz Holliger ohne die seit über einem Jahrhundert gepflegten aufführungspraktischen Retuschen mühelos zu verblüffender Lebendigkeit erweckt hat, so stellen er und das WDR-Sinfonieorchester sich nun in den Dienst der übrigen konzertanten Werke.

Wie so oft erweist sich alles nur als eine Frage der Interpretation – von der Verständigkeit gegenüber dem Notentext über das aufmerksame Zusammenwirken bis hin zur passgenauen Artikulation und das rechte Tempo. In diesem Sinne gelingt es Holliger und seinen Solisten mit den Konzertstücken für Klavier op. 92 und op. 134 (Alexander Lonquich) sowie der Violin-Fantasie op. 131 tatsächlich zu überzeugen: Man hört einen Komponisten, dem das virtuose Element eigentümlich fremd und doch so nah war, dem am Ende aber der poetische Gedanke mehr zählte als jede leere Phrase. Hier begegnen sich über mehr als 150 Jahre hinweg die Komponisten Schumann und Holliger auf ästhetischer Ebene – der Dirigent Holliger aber weiß, wie auch der rechte Tonfall in einer klanglich agilen, in nahezu jedem Moment die Aufmerksamkeit bannenden Aufnahme festzuhalten ist. Umso mehr muss der stark aufgeraute, bisweilen kantige Zugriff von Patricia Kopatchinskaja im Violinkonzert verstören, der nicht gerade vor wohliger Wärme sprüht; das kühle Solo des langsamen Satzes lehrt einen gar das Frösteln. Daneben vermag Dénes Várjon im delikat angegangenen Klavierkonzert mit seinem eher vorsichtigen, keineswegs griffigen Forte nicht vollständig zu überzeugen.
Fono Forum

Rezension Fono Forum April 2016 | Michael Kube | 1. April 2016 Nach fast anderthalb Jahren setzt das Label audite seinen Schumann-Zyklus mit...

Nach fast anderthalb Jahren setzt das Label audite seinen Schumann-Zyklus mit einer Doppelfolge fort. Aufgrund der Besetzung und der Werke fraglos ein Kraftakt für alle Beteiligten – doch mit einer anhaltenden Poesie verbunden, die einem Schumann, seine vielfach als problematisch eingeredete Instrumentation und sein Spätwerk näher als zuvor erscheinen lassen. War dies schon bei den Sinfonien und dem Cellokonzert zu erfahren, die Heinz Holliger ohne die seit über einem Jahrhundert gepflegten aufführungspraktischen Retuschen mühelos zu verblüffender Lebendigkeit erweckt hat, so stellen er und das WDR-Sinfonieorchester sich nun in den Dienst der übrigen konzertanten Werke.

Wie so oft erweist sich alles nur als eine Frage der Interpretation – von der Verständigkeit gegenüber dem Notentext über das aufmerksame Zusammenwirken bis hin zur passgenauen Artikulation und das rechte Tempo. In diesem Sinne gelingt es Holliger und seinen Solisten mit den Konzertstücken für Klavier op. 92 und op. 134 (Alexander Lonquich) sowie der Violin-Fantasie op. 131 tatsächlich zu überzeugen: Man hört einen Komponisten, dem das virtuose Element eigentümlich fremd und doch so nah war, dem am Ende aber der poetische Gedanke mehr zählte als jede leere Phrase. Hier begegnen sich über mehr als 150 Jahre hinweg die Komponisten Schumann und Holliger auf ästhetischer Ebene – der Dirigent Holliger aber weiß, wie auch der rechte Tonfall in einer klanglich agilen, in nahezu jedem Moment die Aufmerksamkeit bannenden Aufnahme festzuhalten ist. Umso mehr muss der stark aufgeraute, bisweilen kantige Zugriff von Patricia Kopatchinskaja im Violinkonzert verstören, der nicht gerade vor wohliger Wärme sprüht; das kühle Solo des langsamen Satzes lehrt einen gar das Frösteln. Daneben vermag Dénes Várjon im delikat angegangenen Klavierkonzert mit seinem eher vorsichtigen, keineswegs griffigen Forte nicht vollständig zu überzeugen.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Musikforum am 24.01.2014, 22.00 Uhr | Marcus Stäbler | 24. Januar 2014 BROADCAST Musikforum: Beethoven aus italienischer Sicht

Nach dem Ende des Quartetto Italiano im Jahr 1980 gab es lange Zeit kein italienisches Streichquartett von internationalem Rang. Doch das hat sich geändert: Das Quartetto di Cremona, Anfang des Jahrtausends gegründet, sorgt mit seinen Konzerten und Aufnahmen nicht nur in der Heimat für Furore. Beim deutschen CD-Label Audite entsteht derzeit eine Gesamteinspielung aller Beethoven-Quartette, deren erste Folge vom BBC Music Magazine für ihre "phänomenale Energie" gelobt und mit der Maximalpunktzahl von fünf Sternen bewertet wurde. Marcus Stäbler hat das Quartetto di Cremona getroffen und mit den beiden Gründungsmitgliedern Cristiano Gualco und Simone Gramaglia über die Aufnahme gesprochen. Im "Musikforum" denken sie über die zeitlose Größe der Beethoven’schen Quartette nach und erläutern die kulturpolitische Bedeutung des Großprojekts.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 15.07.2012 | Rainer Baumgärtner | 15. Juli 2012 BROADCAST Die neue Platte: Eine Liebeserklärung an die Posaune

Wer eine Liste beliebter Instrumente des Frühbarock erstellt, der wird bei Laute, Cembalo und Violine beginnen. Auf zwei neu erschienenen CDs mit Musik aus dem 17. Jahrhundert darf nun einmal ein deutlich weniger populäres Instrument im Mittelpunkt stehen, die Posaune.

Auf der CD "Mehrchörige Meisterwerke von den vier Emporen der Klosterkirche Muri" sind bis zu sechs Posaunisten im Einsatz. Im Zusammenwirken mit den anderen Instrumentalisten des Ensembles Les Cornets Noirs und mit den Vokalisten von der Cappella Murensis führen sie klangprächtige Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Heinrich Schütz auf. Anders ist der Ansatz der vom Ensemble Oltremontano vorgelegten Neuaufnahme mit dem Titel "Trombone grande": Zwar sind auch hier insgesamt drei Posaunisten beteiligt, doch im Kern geht es um ein einzelnes Mitglied der Posaunenfamilie, um die Bassposaune.

Die Anfänge des Instrumentes liegen weitgehend im Dunkeln. Höchstwahrscheinlich wurde seine charakteristische Bauart mit dem U-förmigen Doppelzug in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Burgund erfunden. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die Posaune in ganz Europa verbreitet und wurde an Höfen und in Stadtpfeiferkapellen gespielt.

Zu Beginn existierte sie in nur einer Größe in Tenorlage, doch bald schon wurden auch Alt- und Bassposaunen gebaut, entsprechend der Gepflogenheit in der späten Renaissance, ganze Instrumentenfamilien zu spielen.

Wim Becu, der belgische Leiter des 1993 gegründeten Ensembles Oltremontano, ist einer der weltweit führenden Interpreten auf der Barockposaune. Welch erstaunliche Virtuosität man auf dem Bassinstrument entwickeln kann, das stellt er nun auf der CD "Trombone grande" eindrucksvoll unter Beweis.

"1) Giovanni Martino Cesare, La Hieronyma alla quinta bassa (München/1621)"

Dies war "La Hieronyma" vom Udineser Giovanni Martino Cesare, der 50 Jahre lang als Posaunist und Zinkenist am Münchener Hof diente, mit Wim Becu und der Harfenistin Ellen Schafraet. Das Werk, eine Huldigung an Graf Hieronymus Fugger, ist eine von lediglich zwei bekannten Solokompositionen des 17. Jahrhunderts für Posaune!

Beim Rest der CD "Trombone grande" behalf sich Wim Becu damit, dass er für andere Instrumente vorgesehene Stücke für seine Bassposaune transkribierte; zum Teil begnügte er sich auch mit Werken, in denen er nur eine wichtige Nebenstimme übernahm. Insbesondere der Zink nimmt dabei mehrmals die Hauptrolle ein. Am Ende ist eine Aufnahme herausgekommen, die die diversen Facetten der "großen Pohsaun" mittels abwechslungsreicher Kombinationen von Instrumenten exemplarisch beleuchtet.

Auf ein paar Tracks der CD ist auch die ganze Familie versammelt, Alt-, Tenor- und Bassposaune, beispielsweise bei der folgenden vierstimmigen Motette des Polen Nikołai Zieliński, bei der die Diskantstimme auf einem Zink ausgeführt wird. Die Verzierungen aller Stimmen stammen vom Komponisten selbst, der sie in einer Alternativfassung auch drucken ließ.

"2) Nikołai Zieliński, Viderunt omnes à 4 (Motette, Venedig/1611)"

Dies war eine instrumentale Realisation der Motette "Viderunt omnes" von Nikołai Zieliński mit Mitgliedern des Ensembles Oltremontano unter der Leitung des Bassposaunisten Wim Becu. Ein so renommierter Interpret wie Wim Becu ist natürlich auch als Lehrer gefragt und er unterrichtet in Köln und Bremen. Insgesamt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der Qualität der Nachbauten historischer Posaunen und auch bei deren Spielern ein enormer Sprung vollzogen.

Inzwischen kann man in Europa an einer Reihe von Hochschulen Barockposaune studieren, wobei es im Vergleich zu den meisten anderen Instrumenten bei der Posaune viele Musiker gibt, die sowohl auf barocken wie auf modernen Instrumenten spielen.

Die große Zeit der Posaunen war von etwa 1550 bis 1650. Die Komponisten waren damals dabei, eine autonome Instrumentalmusik für Ensembles zu entwickeln und unter anderem schrieben sie für die vorhandenen höfischen und städtischen Bläsergruppen. In denen gaben Zink und Posaune den Ton an, nachdem sie die klanglich weniger flexiblen Instrumente Schalmei und Dulzian an den Rand gedrängt hatten.

Ein herausragendes Zentrum, in dem die Emanzipation von der Vokalmusik vorangetrieben wurde, war Venedig. Am dortigen Markusdom kam noch ein weiteres, klanglich sehr relevantes Phänomen hinzu, die Mehrchörigkeit. Besonders Giovanni Gabrieli brachte dieses Kompositionsprinzip zur Vollendung, indem er Musikergruppen auf den verschiedenen Emporen von San Marco platzierte und in seinen Werken mit den dabei möglichen Raumeffekten experimentierte. Sein deutscher Schüler Heinrich Schütz baute auf Gabrielis Errungenschaften auf und adaptierte sie zusammen mit dem neuen konzertierenden Stil für seine geistliche Vokalmusik.

Auf ihrer neuen CD haben die Cappella Murensis und das Ensemble Les Cornets Noirs mehrchörige Musik von Gabrieli und Schütz kombiniert. Aufgenommen haben sie die Platte in der Klosterkirche Muri im Schweizer Kanton Aargau, dem Sitz des zehn Jahre alten professionellen Vokalensembles Cappella Murensis. Noch fünf Jahre länger existiert die in Basel beheimatete Formation Les Cornets Noirs, die sich inzwischen einen internationalen Ruf erworben hat. Analog zur Situation in San Marco haben die beiden Ensembles bei ihrer Neuaufnahme die vier Emporen der Kirche in Muri genutzt, um eine Einspielung von enormer Klangpracht zu erzeugen.

"3) Giovanni Gabrieli, Canzon primi toni a 8 (Venedig/1597)"

Les Cornets Noir, hier bestehend aus vier Posaunen sowie je zwei Zinken, Violinen und Orgeln, führten die zweichörige "Canzon primi toni" von Giovanni Gabrieli auf. Auch wenn sie nicht die Melodie vorgaben, waren die Posaunen unerlässlich, um eine imposante Klangwirkung zu erzielen. Es ist keine leichte Aufgabe, in einer Kirche aufzunehmen, in der die Musiker in zwei oder in allen vier Ecken platziert sind. Das Aufnahmeteam des Labels audite entschied sich, für seine Super Audio CD ganz auf Stützmikrofone zu verzichten und nur ein Mikrofon vor jeder Empore einzusetzen.

Ziel war es, das Klangbild möglichst unverfälscht abzubilden. Die im Vergleich etwa zum Markusdom geringeren Dimensionen der Klosterkirche Muri erleichterten dieses Vorgehen. Daraus resultierte ein sehr präsenter Sound, in dem die einzelnen Stimmgruppen gut zu unterscheiden sind.

Auf der von Johannes Strobl, Kirchenmusiker in Muri, geleiteten Aufnahme wechselten sich Instrumentalwerke von Gabrieli mit mehrchörigen Vokalkompositionen von Heinrich Schütz ab. In dessen Werk "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" aus dem 1650 veröffentlichten dritten Teil der "Symphoniae Sacrae" ist eine ähnliche Instrumentalbesetzung wie bei der gerade erklungenen Canzon im Einsatz. Hinzu kommen der aus sechs Sängern bestehende Favoritchor sowie je zwei Posaunen, Truhenorgeln und Violonen.

"4) Heinrich Schütz, Saul, Saul, was verfolgst du mich? (SWV 415, Dresden/1650)"

Mit der Cappella Murensis und Les Cornets Noirs unter der Leitung von Johannes Strobl und einem Werk von Heinrich Schütz ging die Sendung "Die Neue Platte" im Deutschlandfunk zu Ende, in der heute der Klang der Barockposaune im Zentrum stand. Die CD mit mehrchörigen Meisterwerken von Schütz und Giovanni Gabrieli ist beim Label audite erschienen, die CD "Trombone grande" mit dem Ensemble Oltremontano hat das von Note 1 vertriebene Label Accent herausgebracht. Am Mikrofon verabschiedet sich Rainer Baumgärtner.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 29.04.2012 | Ludwig Rink | 29. April 2012 BROADCAST Die neue Platte: Vorkämpfer einer musikalischen Romantik

Zu Lebzeiten wurde Eduard Franck als Pianist geschätzt. Als Komponist hinterließ er neben einer Vielzahl von Werken für sein Instrument Beiträge zu fast allen Gattungen. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen bringt die Werke dieses Romantikers wieder ins Bewusstsein.

Wenn ich Ihnen gleich die Ouvertüre "Der römische Carneval" von einem Komponisten namens Franck ankündige, vermuten Sie vielleicht einen Irrtum, denn den römischen Karneval in einer fulminanten Ouvertüre zu schildern, das war doch, wie wir wissen, die geniale Idee von Hector Berlioz. Und wenn Sie nun, einmal gedanklich in Frankreich unterwegs, an den Komponisten César Franck denken, gehen Sie erneut in die Irre, denn die Rede ist von Eduard Franck, geboren 1817 in Breslau, verstorben 1893 in Berlin. Die Werke dieses heute kaum noch bekannten Romantikers wieder ins Bewusstsein zu bringen – dieser Aufgabe widmet sich schon seit Längerem das Plattenlabel audite, das jetzt mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen weitere Orchesterwerke Eduard Francks produziert hat. Und eben auch dessen Ouvertüre "Der römische Carneval.

Eduard Franck wurde mit 17 Jahren Privatschüler von Felix Mendelssohn Bartholdy, der als Pianist und Komponist sein Vorbild wurde. In seiner Heimatstadt Breslau gehörte Franck zu einem Kreise Gleichgesinnter, die sich als Vorkämpfer einer musikalischen Romantik verstanden. Ab 1846 arbeitete er in Berlin als Lehrer und Virtuose, ab April 1851 lebte er sechs Jahre lang in Köln, wo er zusammen mit Ferdinand Hiller am dortigen Konservatorium als Dozent für Klavier und Theorielehre sowie als Pianist bei den Gürzenich-Konzerten und als Chordirigent wirkte. Dann erfolgte die Berufung an die Schweizer Musikschule in Bern, wo er auch zum Doktor h.c. der Universität ernannt wurde. Mit 50 Jahren folgte er einem Ruf nach Berlin als erster Klavierlehrer am Sternschen Konservatorium. Er wurde zum Professor ernannt und beendete seine Lehrtätigkeit erst im Alter von 75 Jahren.

Zu Lebzeiten wurde Franck als Pianist geschätzt. Bei seinen Interpretationen bewunderte man die klassische Ruhe, ein Schweizer Kritiker sprach gar von einem "Zauberspiel" wie auf einer "Äolsharfe oder Glasharmonika". Als Komponist hinterließ er neben einer Vielzahl von Werken für sein Instrument Beiträge zu fast allen Gattungen mit Ausnahme großformatiger Vokalmusik, also Orchesterwerke, Solokonzerte, Kammermusik von Sonaten für Violine und Klavier über Klaviertrios, Streichquartette, Quintette bis zum Sextett, außerdem Stücke für Cello und Klavier oder Klavierlieder. Gerühmt wurde dabei weniger sein Einfallsreichtum als vielmehr seine Kombinationsgabe, sein großes Geschick und handwerkliches Können bei der Themenverarbeitung. Welchen Platz der Komponist Eduard Franck im Umfeld der um 1850 beginnenden ideologischen Spaltung der deutschen Musikkultur ungefähr einnimmt – dies schildert der sehr lesenswerte Booklet-Text dieser Neuveröffentlichung. Die Musikkritik hatte stark an Bedeutung gewonnen, und in den Fachzeitschriften tobte der Streit zwischen den "Neudeutschen" auf der einen und den "Klassizisten" auf der anderen Seite, zwischen den "fortschrittlichen" Komponisten um Liszt und Wagner und den eher "konservativen" um Schumann und Brahms. Dem Starkult eines Liszt, dem auch noch aus Skandalen Gewinn schlagenden Showtalent eines Wagner stand ein feinfühliger und eher im Stillen wirkender Musiker wie Eduard Franck mit Skepsis gegenüber. Er respektierte bestimmte Erwartungen des bürgerlichen Publikums, warf die klassischen Formen nicht einfach über Bord, sondern versuchte ihnen immer wieder neue Ausgestaltungen und Varianten abzugewinnen. So entstanden gehaltvolle, handwerklich gediegene Kompositionen, die uns heute einen guten Einblick in das musikalische Denken und Können einer Epoche vermitteln, in der – ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg – Avantgarde und Konservative in heftigem Streit um die "richtige" Richtung liegen.

Einmal mehr ist es nicht eins der großen, berühmten Orchester, das sich hier der Aufgabe widmet, vergessenes Repertoire wieder auszugraben. Das Wagnis unternimmt die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Ola Rudner, einem schwedischen Dirigenten, der hier seit vier Jahren die künstlerische Leiter innehat. Dieses Orchester wurde 1945 aus der Mitte der Reutlinger Bürgerschaft gegründet in dem Bewusstsein, dass Kultur und Musik den Menschen so wichtig sind wie Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Von diesem Impuls weiter getragen, wandelte es sich vom Schwäbischen Symphonieorchester zur Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der Wille zur künstlerischen Weiterentwicklung und die fortdauernde bürgerschaftliche Unterstützung ermöglichten 1998 die Umwandlung in eine Stiftung. Das Orchester fühlt sich den Menschen in Reutlingen und Baden-Württemberg verbunden und versteht sich bei seinen Gastspielen in den Philharmonien von Berlin, Köln, München, Salzburg oder Amsterdam oder auf seinen diversen Tourneen bis hin nach Japan auch als deren Botschafter. Ola Rudner und seine Musikerinnen und Musiker hauchen den nicht zum üblichen Repertoire gehörenden Werken von Eduard Franck neues Leben ein – mit viel Einfühlungsvermögen, solidem instrumentalen Können und großer Musikalität. Nur wenn die interpretatorische Qualität so wie hier stimmt, kann es übrigens gelingen, bisher stiefmütterlich vernachlässigtes Repertoire wieder nachhaltig im Bewusstsein der Musikliebhaber zu verankern.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 17.10.2010 | Norbert Hornig | 17. Oktober 2010 BROADCAST Die neue Platte: Historische Schätzchen

[...] In Deutschland sind es vor allem die Label Orfeo und Audite, seit einigen Jahren auch Profil Edition Günter Hänssler und Hänssler Classic, die in Koproduktion mit den Rundfunkanstalten deren Archive auswerten und künstlerisch besonders wertvolle Interpretationen auf CD veröffentlichen. Zusammen mit dem Österreichischen Rundfunk hat Orfeo in der Reihe "Festspieldokumente" seit den 80er-Jahren annähernd 200 CDs mit Live-Mitschnitten von den Salzburger Festspielen veröffentlicht. Fast alle Künstler mit Rang und Namen in der Welt der klassischen Musik sind hier vertreten. Mit einem ganzen Stapel von Neuveröffentlichungen weckt Orfeo in diesem Herbst die Neugier von Sammlern, die das Besondere suchen, die vielleicht sogar das ein oder andere hier dokumentierte Konzert in Salzburg selbst miterlebt haben - etwa eines der Orchesterkonzerte mit Bruno Walter, Leonard Bernstein, Raffael Kubelik oder Lorin Maazel, einen der Liederabende mit Nicolai Gedda oder Elisabeth Schwarzkopf, vielleicht auch einen der bejubelten Auftritte der Pianisten Edwin Fischer oder Géza Anda.

Anda eröffnete das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele 1965 mit einem außergewöhnlichen Chopinabend. Er spielte alle Préludes op. 28 sowie die Etüden op. 10 und op. 25. In den Salzburger Nachrichten war danach unter anderem zu lesen:

"Dieser Chopin-Abend brachte es insgesamt - mit den stümrisch erklatschten Encores - auf über fünfzig Kompositionen des Meisters. So bleibt zu guter Letzt nur noch einmal den Hut zu ziehen vor seinem Interpreten. Géza Anda ist einer der großen Chopin-Spieler und die Geschichte wird ihn nach Cortot als solchen annehmen."

Die Etüden op. 10 hat Géza Anda übrigens nie in einer Studioaufnahme vorgelegt. Dieser Mitschnitt aus Salzburg von 1965 ist seine einzige Aufnahme des Zyklus', die hier erstmals auf CD erscheint:

"Frédéric Chopin
Etüde op. 10 Nr. 5 Ges-Dur
Géza Anda (Klavier)
LC 08175 Orfeo CD C 824 102 B"

In seiner historischen Reihe "Legendary Recordings" hat das Label Audite in den vergangenen Monaten erneut eine ganze Reihe von künstlerisch wertvollen Aufnahmen aus Archiven des ehemaligen RIAS auf CD herausgebracht, unter anderem Orchesterlieder von Richard Wagner und Richard Strauss mit Kirsten Flagstadt sowie rare Klavieraufnahmen mit den Pianisten Solomon Cutner und Wilhelm Backhaus. Von besonderem Interesse ist ein diskografisches Großprojekt, das dem Dirigenten Hans Knappertsbusch gewidmet ist. Auf fünf CDs liegen bei Audite jetzt sämtliche Aufnahmen vor, die der Dirigent Anfang der 50er-Jahre mit den Berliner Philharmonikern für den RIAS einspielte. Einige dieser Aufnahmen kursieren bereits als nicht autorisierte Raubpressungen. Für die Veröffentlichungen von Audite wurden ausschließlich die Originalbänder verwendet und mit größter Sorgfalt digitalisiert. So sind diese Aufnahmen in einer nie dagewesenen Klangqualität zu hören. Anfang der 50er-Jahre, vor der Ära Karajan, arbeitete Knappertsbusch noch einmal intensiver mit den Berliner Philharmonikern zusammen. Die RIAS-Aufnahmen zeigen ihn als souveränen Sachwalter der großen Sinfonik von Haydn, Beethoven, Schubert und Bruckner, aber auch als einen genussvollen Dirigenten von leichterer Musik, etwa von Johann Strauss. Die Edition erlaubt außerdem einen interessanten Interpretationsvergleich der 9. Sinfonie von Anton Bruckner, die in einer Studio- und in einer Live-Einspielung dokumentiert ist:

"Anton Bruckner
Aus: Sinfonie Nr. 9
2. Satz: Scherzo (Bewegt, lebhaft)
Berliner Philharmoniker
Leitung Hans Knappertsbusch
CD 1 Track 002
LC 04480 Audite CD 21405"

Die Neue Platte im Deutschlandfunk - Es wurden Veröffentlichungen aus dem Bereich "Historische Aufnahmen" vorgestellt, die bei EMI Classics, Sony Music, West Hill Radio Archives, Orfeo und Audite erschienen sind. Die Sendung ging zu Ende mit einem Ausschnitt aus dem Scherzo der Sinfonie Nr. 9 von Anton Bruckner in einer Einspielung mit den Berliner Philharmonikern unter Hans Knappertsbusch. Die Sinfonie ist bei Audite in einer Editon sämtlicher Aufnahmen erschienen, die Orchester und Dirigent Anfang der 50er-Jahre für den RIAS einspielten.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 27.12.2009 | Norbert Hornig | 27. Dezember 2009 BROADCAST Die neue Platte: Zurück in die Vergangenheit

[…] Haben große Schallplattenfirmen wie EMI, Sony oder Deutsche Grammophon bereits einen großen Teil ihrer diskografischen Schätze gehoben und auf CD zugänglich gemacht, schlummern in den Archiven der Deutschen Rundfunkanstalten weiterhin historische Aufnahmen in ungeahntem Umfang. Vor allem kleinere Labels wie Orfeo, Hänssler Classic oder Audite haben es sich zur Aufgabe gemacht, künstlerisch besonders wertvolle Einspielungen in Kooperation mit den Rundfunkanstalten wieder zugänglich zu machen.
Audite hat seinen Katalog mit historischen Aufnahmen aus Rundfunkarchiven auch in diesem Jahr mit vielen Highlights bereichert und etwa die Editionen mit den Dirigenten Karl Böhm, Ferenc Ficsay und Igor Markewitsch weiter ausgebaut. Für besonderes Aufsehen sorgten aber die Veröffentlichungen sämtlicher RIAS-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler und die Aufnahmen, die der junge Friedrich Gulda zwischen 1950 und 1959 für den RIAS Berlin machte. In einem vielgestaltigem Programm begeistert Gulda dabei nicht nur mit Werken von Beethoven, Debussy, Ravel und Prokofieff, sondern auch als raffinierter Chopin-Interpret:

"05. MUSIK: Frédéric Chopin
Prélude Nr. 3 G-Dur (Vivace)
Friedrich Gulda (Klavier)
LC 04480 Audite 21.404"

Während es sich bei den frühen RIAS-Aufnahmen Friedrich Guldas um Erstveröffentlichungen handelt, sind Wilhelm Furtwänglers RIAS-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, die zwischen 1947 und 1954 entstanden, in Sammlerkreisen weitgehend bekannt, u.a. von nicht autorisierten Raubpressungen. Wie bei allen historischen Veröffentlichungen von Audite wurden für die Digitalisierung nur die Originalbänder verwendet, wobei auch problematische Tonhöhenschwankungen korrigiert wurden. Auf 12 CDs ist hier Furtwänglers Spätstil dokumentiert, wobei die Symphonik von Beethoven, Brahms und Bruckner im Zentrum steht. Aber auch als Dirigent neuerer Werke ist Furtwängler zu erleben, mit einem Repertoire, dass man mit seinem Namen nicht unmittelbar in Verbindung bringt, etwa die "Concertante Musik für Orchester" von Boris Blacher:

"06. MUSIK: Boris Blacher
Concertante Musik für Orchester op. 10 (Ausschnitt)
Berliner Philharmoniker
Leitung: Wilhelm Furtwängler
LC 04480 Audite 21.403 "
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 27.12.2009 | Norbert Hornig | 27. Dezember 2009 BROADCAST Die neue Platte: Zurück in die Vergangenheit

[…] Haben große Schallplattenfirmen wie EMI, Sony oder Deutsche Grammophon bereits einen großen Teil ihrer diskografischen Schätze gehoben und auf CD zugänglich gemacht, schlummern in den Archiven der Deutschen Rundfunkanstalten weiterhin historische Aufnahmen in ungeahntem Umfang. Vor allem kleinere Labels wie Orfeo, Hänssler Classic oder Audite haben es sich zur Aufgabe gemacht, künstlerisch besonders wertvolle Einspielungen in Kooperation mit den Rundfunkanstalten wieder zugänglich zu machen.
Audite hat seinen Katalog mit historischen Aufnahmen aus Rundfunkarchiven auch in diesem Jahr mit vielen Highlights bereichert und etwa die Editionen mit den Dirigenten Karl Böhm, Ferenc Ficsay und Igor Markewitsch weiter ausgebaut. Für besonderes Aufsehen sorgten aber die Veröffentlichungen sämtlicher RIAS-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler und die Aufnahmen, die der junge Friedrich Gulda zwischen 1950 und 1959 für den RIAS Berlin machte. In einem vielgestaltigem Programm begeistert Gulda dabei nicht nur mit Werken von Beethoven, Debussy, Ravel und Prokofieff, sondern auch als raffinierter Chopin-Interpret:

"05. MUSIK: Frédéric Chopin
Prélude Nr. 3 G-Dur (Vivace)
Friedrich Gulda (Klavier)
LC 04480 Audite 21.404"

Während es sich bei den frühen RIAS-Aufnahmen Friedrich Guldas um Erstveröffentlichungen handelt, sind Wilhelm Furtwänglers RIAS-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, die zwischen 1947 und 1954 entstanden, in Sammlerkreisen weitgehend bekannt, u.a. von nicht autorisierten Raubpressungen. Wie bei allen historischen Veröffentlichungen von Audite wurden für die Digitalisierung nur die Originalbänder verwendet, wobei auch problematische Tonhöhenschwankungen korrigiert wurden. Auf 12 CDs ist hier Furtwänglers Spätstil dokumentiert, wobei die Symphonik von Beethoven, Brahms und Bruckner im Zentrum steht. Aber auch als Dirigent neuerer Werke ist Furtwängler zu erleben, mit einem Repertoire, dass man mit seinem Namen nicht unmittelbar in Verbindung bringt, etwa die "Concertante Musik für Orchester" von Boris Blacher:

"06. MUSIK: Boris Blacher
Concertante Musik für Orchester op. 10 (Ausschnitt)
Berliner Philharmoniker
Leitung: Wilhelm Furtwängler
LC 04480 Audite 21.403 "
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 25.07.2004 | Norbert Ely | 25. Juli 2004 BROADCAST Die neue Platte: Entdeckungen aus dem Bereich der Kammermusik

Am Mikrofon begrüßt Sie Norbert Ely. Herzlich willkommen zu zwanzig Minuten mit Entdeckungen aus dem Bereich der Kammermusik. Die Geigerin Christiane Edinger hat sich in den letzten Jahren immer wieder um das Werk des Brahms-Zeitgenossen Eduard Franck verdient gemacht. So spielte sie vor einiger Zeit das schöne D-dur-Violinkonzert ein, und ihr eigenes Quartett nahm im Sendesaal des Deutschlandfunks Kammermusik von Franck auf. Nun hat das Edinger-Quartett, entsprechend erweitert, bei dem Label audite zwei staunenswerte Streichsextette des späten Romantikers herausgebracht. In beiden Fällen handelt es sich um Ersteinspielungen. Dafür sind der Bratschist Leo Klepper und der Cellist Mathias Donderer zum Ensemble gestoßen; beide gehören dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin an.

Sowohl das Sextett Es-dur op. 41 aus dem Jahr 1882 als auch das D-dur-Werk mit der Nummer 50, dessen Entstehungsjahr unbekannt ist, stehen auf rätselhafte Weise außerhalb ihrer Zeit. Eduard Franck gehörte zu jenen Komponisten, bei denen die Zeitgenossen den Eindruck hatten, sie hätten sich eben doch schon zu Lebzeiten überlebt. Er stand fest auf dem Boden der Mendelssohn-Tradition. Aber - und das ist gerade bei den Sextetten das Aufregende - er entwickelte die immanenten formbildenden Tendenzen des Mendelssohn-Stils sehr konsequent weiter und fand so zu einer konservativen Alternative zur Linie Schumann-Brahms. Natürlich war das altmodisch. Doch heute erkennt man rückblickend, wie sehr dies durch einen eminent geistvollen Umgang mit der Form legitimiert wird. Und zugleich übertrifft die Musik Francks die der meisten akademischen Konkurrenten eben doch auch an Tiefe der Empfindung. Das hört man vor allem auch einem Satz wie dem Andante aus dem Sextett D-dur op. 50 an.

• Musikbeispiel: Eduard Franck - 2. Satz 'Andante’ aus dem Streichsextett D-dur op. 50

Das war der zweite Satz aus dem Streichsextett D-dur op. 50 von Eduard Franck in der Ersteinspielung durch das verstärkte Edinger Quartett. Nicht zu überhören ist, dass sich die Primaria Christiane Edinger eben doch schon seit längerer Zeit mit dem Oeuvre Francks auseinandergesetzt hat. Die spezifische Tonsprache des gebürtigen Breslauers, der etliche Jahr im Rheinischen verbrachte, ist ihr wirklich geläufig; jene Leichtigkeit, die auch im Ernst gewahrt sein muss, geht ihr ebenso sensibel von der Hand wie der Ernst im Leichten - die Scherzi Francks sind von schwererem Blut als die Mendelssohns und längst nicht so wild wie die Brahms’schen. Aber in den manchmal nur angedeuteten Portamenti zum Beispiel spürt man die erfahrene Virtuosin, die vom ersten Pult aus den präzisen und zugleich federnden Sextett-Klang steuert. Erschienen sind die beiden Sextette von Eduard Franck, wie gesagt, bei dem Label audite.

Musik ganz anderer Art gibt es auf einer CD des Cellisten David Geringas zu entdecken. Es handelt sich um Werke litauischer Komponisten, die für Geringas geschrieben wurden, und zwar nach dem Jahr der großen Wende 1989. Geringas stammt ja aus Wilnius, lebt allerdings seit 1970 im Westen. Er selbst gab den fünf Komponisten Barkauskas, Kutavičius, Šenderovas, Balakauskas und Urbaitis die Aufträge. Den größten Teil der Werke spielte er mit seiner Gattin Tatjana Schatz ein, für "Dal vento" von Osvaldas Balakauskas und "Reminiscences" von Mindaugas Urbaitis wählte er den litauischen Pianisten Petras Geniušas zum Partner. Die Aufnahmen entstanden in Wilnius; die CD ist bei dem Label Dreyer-Gaido erschienen. Sie gibt auf beeindruckende Weise Auskunft über die gegenwärtigen intellektuellen und künstlerischen Tendenzen in Litauen. Die Musik ist erstaunlich frei von jeglichem Kalkül. Dafür außerordentlich kraftvoll, gelegentlich ungestüm und nach vorn gewandt. Sie schert sich wenig um Stil-Diskussionen, zitiert gelegentlich unbekümmert und präsentiert gleichzeitig ebenso unbekümmert das große Gefühl.

Das ist natürlich auch alles als Musik für David Geringas gedacht. Die Scheibe trägt den Titel "My Recollections - meine Erinnerungen". Doch ebenso gut könnte sie den Titel tragen "My Visions - meine Visionen." Ein Ausschnitt aus "Dal vento" von Osvaldas Balakauskas, ein Werk aus dem Jahr 1999.

• Musikbeispiel: Osvaldas Balakauskas - Dal vento für Violoncello und Klavier (Ausschnitt)

Das war die neue Platte im Deutschlandfunk. Zum Schluss hörten Sie einen Ausschnitt aus "Dal vento" für Cello und Klavier von Osvaldas Balakauskas, gespielt von David Geringas und Petras Geniušas, entnommen der CD "My Recollections", die insgesamt sechs Werke litauischer Komponisten für David Geringas enthält und die bei dem Label Dreyer-Gaido erschienen ist. Außerdem machten wir Sie heute auf die Ersteinspielung zweier Streichsextette von Eduard Francks aufmerksam; diese CD ist bei audite herausgekommen. Am Mikrofon bedankt sich Norbert Ely für Ihre Aufmerksamkeit.

CD 1:
Titel: "Eduard Franck - String Sextets"
Ensemble: Edinger Quartett, Leo Klepper, Viola/Mathias Donderer, Violoncello
Label: audite
Labelcode: LC 04480
Bestell-Nr.: 97.501

CD 2:
Titel: "David Geringas - My Recollections”
Solisten: David Geringas, Violoncello
Tatjana Schatz, Klavier
Petras Geniušas, Klavier
Label: Dreyer-Gaido
Labelcode: LC 11796
Bestell-Nr.: 21012
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Die neue Platte vom 11.01.2004 | Norbert Ely | 11. Januar 2004 BROADCAST Die neue Platte: Schubert, Wüllner, Haydn

Die drei CDs sind voneinander gründlich unterschieden, und so besteht immerhin die Chance, dass heute für jeden etwas dabei ist. Es geht um eine neue Schubert-CD des Mandelring Quartetts, um Kammermusik des Romantikers und Gürzenich-Kapellmeisters Franz Wüllner und um Feldparthien von Joseph Haydn. Die letzteren zählen nicht mehr zur eigentlichen Kammermusik, sondern sind Freiluftmusiken zum Plaisir der jagenden und sich sonstwie in der Natur ergötzenden Herrschaften, und in früheren Zeiten mussten die Musiker zu diesem Behufe wasser- und schußfest sein, ganz wie die Pferde, denen sie an Wertschätzung bei den Jagdherren nur wenig nachstanden.

Das Mandelring Quartett hat seine neue Produktion bei dem Label "audite" vorgelegt. Eingespielt haben die vier, die nun schon seit geraumer Zeit erfolgreich im Familienverbund streichen, Schuberts Es-dur-Quartett D 87 und das d-moll-Werk D 810, "Der Tod und das Mädchen". Das letztere ist natürlich das Hauptwerk auf dieser Scheibe; die beiden ersten Sätze benötigen zusammen bereits eine halbe Stunde.

Der erste Eindruck: einfach imponierend! Da begegnen einem musikalisches Denken und musikalische Rede par excellence. Die beiden Hauptsätze des d-moll-Quartetts legen die vier an, als gelte es eine Bruckner-Sinfonie - mit ganz weitem, schier unerschöpflichem Atem. Nirgends die gefühligen Ritardandi, mit denen sich sonst auch gute Ensembles mal einen Moment des Verschnaufens gönnen. Das geht zwingend fort und fort, und dennoch klingt es nie gezwungen. Zumal im Kopfsatz, der über eine Viertelstunde in Anspruch nimmt, herrscht ein rascher, leichter, stets zu den fahlen Farben neigender Bogenstrich, der am Anfang des Tons immer einen deutlichen Akzent setzt - man spielt sozusagen Fortepiano. Das bekommt zum einen der Struktur des Satzes, baut zum andern eine unerhörte Spannung auf und bringt ein Moment des Konsonantischen ins Spiel, das wiederum der musikalischen Rede aufhilft.

• Musikbeispiel: Franz Schubert - 1. Satz (Ausschnitt) aus: Streichquartett d-moll D 810 ("Der Tod und das Mädchen")

Soweit das Mandelring Quartett mit einem Ausschnitt aus dem ersten Satz des Streichquartetts "Der Tod und das Mädchen” von Franz Schubert. Grandios ist der Variationensatz aufgebaut, der dem Werk den Namen gab. Dunkelste, wenngleich eher verhaltene und diskrete Trauer liegt über dieser Musik, bis sich kurz vor Ende die Spannung in einem wirklich ergreifend desperaten Ausbruch löst. Hier herrscht ein freier, zurückgenommen-singender Bogenstrich.

• Musikbeispiel: Franz Schubert - 2. Satz (Ausschnitt) aus: Streichquartett d-moll D 810 ("Der Tod und das Mädchen")

Diese Schubert-Interpretation des Mandelring Quartetts ist unerhört modern, groß in den Emotionen, wobei diese nie vordergründig zur Schau getragen werden. Man wird an jenen englischen Schauspieler erinnert, der das verzweifelte "Blow, winds, blow" des Lear niemals schrie, sondern fast flüsternd hervorstieß und gerade damit sein Publikum bis in die Tiefen rührte. Erschienen ist die Schubert-CD der Mandelrings bei dem Label "audite".

Musik ganz anderen Zuschnitts ist auf einer CD des Kölner Labels "Verlag Dohr" zu hören. Da geht es um den Brahms-Zeitgenossen Franz Wüllner. Der stammte aus Münster in Westfalen, spielte in Dresden und Berlin eine bedeutende Rolle und war gegen Ende seines Lebens Gürzenich-Kapellmeister in Köln. Auf der CD finden sich eine ausgewachsene Violinsonate in e-moll, Wüllners Opus 30, vierhändige Variationen über ein altdeutsches Volkslied op. 11 und 22 Variationen über ein Thema von Schubert für Klavier und Violoncello. Beteiligt sind an dem Projekt die Geigerin Suyoen Kim, die Pianisten Tobias Bredohl, Alina Kabanova und Ekatherina Titova und der Cellist Konstantin Manaev. Wüllners sehr eigenständigen Stil zu beschreiben, ist nicht ganz einfach. Offenkundig erlag er nicht dem Sog des Zeitgenossen Brahms, sondern ging sehr persönliche Wege. Am ehesten könnte man ihn als Klassizisten bezeichnen und dem großen Camille Saint-Saëns an die Seite stellen. Wüllner setzt das beethovensche Denken fort, nutzt dazu aber die sich verästelnde Formentwicklung der Romantik und orientiert sich in der Harmonik einerseits an Schumann, anderseits an französischen Modellen der 1860er Jahre. Die Themen haben die melodische Eleganz der Oper, werden aber nicht nur höchst geistreich, sondern auch ausgesprochen abwechslungsreich verarbeitet. Will sagen: Wüllner ist nie akademisch. Und dementsprechend wird bei dieser Produktion auch frisch und unmittelbar musiziert. Ein Highlight ist dabei ohne Zweifel der alte Wiener Streicher-Flügel aus dem Jahr 1861 mit seinem unaufdringlichen, singenden Diskant und einer Cellolage wie Samt. Ein Ausschnitt aus dem zweiten Satz der Violinsonate op.30 mit der Geigerin Suyoen Kim und dem Pianisten Tobias Bredohl.

• Musikbeispiel: Franz Wüllner - 2. Satz (Ausschnitt) aus: Violinsonate e-moll, op. 30

Suyoen Kim und Tobias Bredohl mit einem Ausschnitt aus dem zweiten Satz der Violinsonate von Franz Wüllner. Die CD ist beim Kölner Verlag Dohr erschienen und macht, nebenbei bemerkt, Lust darauf, sich mal Noten von Wüllner zu besorgen und das eine oder andere Stück selbst unter die Finger zu nehmen.

Zu unserer letzten Scheibe, die bei Capriccio erschienen ist. Darauf ist das Linos-Ensemble mit fünf Feldparthien von Joseph Haydn zu hören. Das offensichtliche Vergnügen, das die Musiker beim Musizieren empfanden, vermittelt sich ungeteilt. Haydn hat natürlich auch bei diesen Feldparthien wieder nach Herzenslust experimentiert. Die B-dur-Parthie Hob. II:42 ist für 2 Oboen geschrieben, für 2 Klarinetten, die damals brandneu waren, zwei Jagdhörner und 2 Fagotte, zu denen sich noch ein Kontrabass gesellt, der immer schon als hinreichend widerstandsfähig galt, um mit ihm durch Feld und Wald zu streichen. Über das Finale schrieb Haydn schlitzohrig "Allemande". Aber es ist tatsächlich ein ausgemachtes Jagdfinale, fröhlich und ohne jeden Nebengedanken an die Hirsche und Hasen, Sauen und Treiber, die es womöglich dahingerafft hat - einfach nur bestgelaunter Haydn in Erwartung eines guten Bratens. Er sei in diesem Fall nicht nur den Waidwerkern, sondern auch den Musikern von Herzen gegönnt.

• Musikbeispiel: Joseph Haydn - 5. Satz aus: Feldparthie B-dur Hob II:42

Das war die neue Platte. Heute ging es um eine Schubert-CD des Mandelring Quartetts, die bei "audite" erschienen ist, um eine Wüllner-CD aus dem Verlag Dohr und um Feldparthien von Haydn, die vom Linos Ensemble für Capriccio eingespielt wurden. Zum Schluss hörten Sie das Jagdfinale aus der Feldparthie B-dur Hob II:42, und falls Sie heute, sagen wir, Caniglio alla cacciatore auf dem Mittagstisch haben sollten, wünscht Ihnen Norbert Ely am Mikrofon schon jetzt ein genußvolles Schrotkörnerbeißen.

Suche in...

...