Er war ein Komponist, der Grenzen sprengen wollte: der Russe Alexander Scriabin. Das traditionelle Schema der Sonate lehnte er ebenso ab wie - in späteren Jahren - die Dur-Moll-Tonalität, die er auf der Suche nach neuen Ausdrucksdimensionen hinter sich ließ. Und so wurde der 1871 geborene Komponist und Pianist einer der zentralen Brückenbauer zwischen Spätromantik und Moderne. Dieser stilistische Weg lässt sich in seinen zehn Klaviersonaten nachvollziehen, die zwischen 1892 und 1913 entstanden. Der russische Pianist Vladimir Stoupel hat sich den gesamten Zyklus vorgenommen und ihn auf insgesamt drei CDs eingespielt.
Alexander Scriabin war wohl einer der größten Exzentriker der Musikgeschichte - und ein unverbesserlicher Egozentriker. In seinen Werken kreist er um sich selbst. Anfangs geht es noch um Erlebnisse wie eine romantische Nacht am Meer, die er in der zweiten Sonate thematisiert.
Doch dann dringt Scriabin immer weiter in sein Innerstes vor. Für Vladmir Stoupel eine große Herausforderung.
"Was macht diese Musik so unglaublich komplex, ist die Tatsache, dass Alexander Scriabin es geschafft hat, sein Unbewusstes in eine sehr strikte musikalische Form zu gießen. Das sind sozusagen Rundgänge durch das Unbewusste."
Die Strukturen der Musik
Die Entwicklung von den frühen spätromantischen Sonaten hin zur Atonalität der späten Sonaten zeichnet Stoupel schlüssig nach. Die Strukturen der Musik werden deutlich, versteckte Melodien hörbar und auch orchestrale Klangfarben lassen sich erkennen. Man spürt, wie eingehend sich Stoupel mit dem Zyklus beschäftigt hat. Dabei hat ihm geholfen, alle Sonaten auswendig zu spielen.
"Für mich spielt das eine sehr große Rolle: wenn man diese Sachen auswendig spielt, dann öffnen sich die Schichten in meinem Unterbewusstsein, die ich mit den Noten nicht öffnen kann."
Technisch sind die Sonaten zum Teil extrem anspruchsvoll. Eine der Schwierigkeiten: Scriabin hatte schon früh eine Verletzung an der rechten Hand. Es heißt, das sei der Grund dafür, dass die linke Hand in seinen Klavierwerken besonders beansprucht wird. Doch Stoupel ist diesem Problem gewachsen:
"Ich bin auch vielleicht in einer etwas besseren Position als manche Kollegen, weil ich ein verkappter Linkshänder bin."
Ein zentrales Thema
Doch mindestens genauso problematisch wie die technische Seite ist die Ausdrucksebene der Sonaten. Ab der sechsten Sonate gab es für Scriabin ein zentrales Thema, das sogenannte "Mysterium". Er glaubte an ein gigantisches Gesamtkunstwerk, einen liturgischen Akt mit seiner Musik: in Indien sollte sich die Menschheit dabei in einem ekstatischen Ritus vereinigen und zu einer höheren Bewusstseinsebene aufsteigen. "Weiße Messe" heißt die 7. Sonate von Scriabin.
"Ich verspüre etwas von diesem transzendentalen Zustand, wenn ich seinen Sonaten spiele. Es ist sehr sehr schwer für einen Interpreten, einerseits in diesen transzendentalen Zustand zu kommen - dieser Zustand kann sehr rauschhaft sein - und gleichzeitig die Kontrolle zu behalten."
Doch zu viel Kontrolle? Die Transzendenz, die Stoupel zu spüren glaubt - sie überträgt sich nicht auf den Hörer. Der Taumel, der auch den Zuhörer erfassen müsste, bleibt aus. Und so wird der ungeheuer überhöhte, überfrachtete Ausdrucksgehalt dieser Musik zwar intellektuell nachvollziehbar, aber nur in Maßen emotional erfahrbar. Es lohnt sich sehr, diese Einspielung zu hören. Aber es bleibt eine Distanz, die bei Skrjabin eigentlich nichts zu suchen hat.