Rezension
Pizzicato 9/2008 | Guy Wagner | September 1, 2008
Wegen der Klavierstücke
Sergey Koudriakov, Schüler des Moskauer Konservatoriums, Gewinner des Géza Anda-Wettbewerbs, hat es sich mit dieser CD nicht leicht gemacht. Er ist ein Suchender, der den Geist und die Seele hinter den Noten herausstellen möchte. Dass er sich dazu Schubert auserwählt hat, wen wundert es? Schubert ist ideal dafür. Koudriakov sieht in ihm den Vollender der klassischen Epoche und vor allem den Impulsgeber für die echte Romantik mit allem, was sie an seelischen Dimensionen auszudrücken versucht hat. Schuberts Musik singt und leidet, lässt in Abgründe hineinsehen und doch schimmert oft noch ein bleicher Hoffnungsstrahl durch die Trauer hindurch. Das ist im Besonderen wahr für die Sonate D-Dur D.850, die so genannte 'Gasteiner', komponiert 1825 zu einem Zeitpunkt als sich Schubert gesundheitlich und seelisch 'etwas besser' fühlte, während die drei Klavierstücke, eigentlich die dritte Reihe der Impromptus, aus dem letzten Lebensjahr 1828, in bis dahin ungekannte musikalische und emotionale Dimensionen vordringen und in jeder Hinsicht mit der Dreieinigkeit der letzten Sonaten (c-Moll D. 958, A-Dur D. 959 und B-Dur D. 960) verglichen werden können.
Während der russische Pianist den einleitenden Allegro vivace-Satz der Sonate benutzt, um das Spektrum seines Könnens deutlich zu machen, – mit einem besondern Akzent auf seinem klaren, präzisen und nuancenreichen Anschlag, sowie auf seinem feinen Sinn für Agogik und Klangfarben –, so gerät ihm der Satz jedoch etwas burschikos. Hingegen versucht er den zweiten Satz (con moto) allzu sehr in die Verträumtheit und Besinnlichkeit zu versenken, wodurch er aber sein inneres Pulsieren verliert. Überhaupt dehnt Koudriakov sein Spiel und das Werk bis zum Äußersten: Von den zehn Aufnahmen dieser Sonate, die ich besitze, ist seine mit 43'43 die langsamste.
Hingegen sind die Klavierstücke im goldenen Mittelfeld angesiedelt und gelingen Koudriakov weitaus besser: Seine diskrete Virtuosität und seine differenzierter Anschlag schaffen hier ganz wunderbare Momente, spannen den emotionalen Bogen sehr weit und berühren tief. So ist es wegen der Klavierstücke D. 946 und insbesondere dem wunderbaren Allegretto, dass diese CD Aufmerksamkeit verdient: Koudriakov macht hier deutlich, dass mit ihm als ernsthaftem Schubert-Interpreten zu rechnen ist.