Rezension
Fono Forum September 2013 | Marcus Stäbler | September 1, 2013
Jugendlicher Überschwang
Das Label Audite, das im Juni sein 40-jähriges Bestehen feierte, präsentiert neben Eigenproduktionen immer wieder Aufnahmen aus deutschen Rundfunkarchiven. Eine äußerst verdienstvolle Schatzsuche, die schon viele großartige Tondokumente zu Tage gefördert hat. Viele stammen vom Berliner RIAS. Dessen legendäre Musikchefin Elsa Schiller hatte gute Kontakte und einen hervorragenden Riecher für Talente. Den bewies sie auch, als sie schon 1950 - nur drei Jahre nach dessen Gründung - das junge Amadeus-Quartett ins Studio nach Berlin holte. Dort war das Ensemble bis 1969 regelmäßig zu Gast und bannte einen Großteil seines Repertoires auf Band, darunter auch fast alle Beethoven-Quartette.
Die sind nun - klangtechnisch wie immer hervorragend aufbereitet - als Box bei Audite erschienen. Sie geben einen spannenden Einblick in die interpretatorische Handschrift und die Entwicklung des Amadeus-Quartetts.
Die früheste der Beethoven-Aufnahmen stammt von 1950 und ist dem Quartett op. 18,6 gewidmet. Schon im ersten Satz, einem munteren Allegro, zeigt sich die schäumende Energie der Streicher, die damals Mitte/Ende 20 waren. Der jugendliche Überschwang ist mit einer großen artikulatorischen Sorgfalt gepaart. Diese Verbindung prägt fast alle der frühen Einspielungen, ebenso wie der unverkennbare Ton von Norbert Brainin. Vor allem in den langsamen Sätzen spielt der Primarius mit jener beseelten Wärme, die gerne als "Wiener Espressivo" bezeichnet
wird. Wunderbar etwa das Adagio affettuoso ed appassionato aus dem 1951 aufgenommenen Quartett op. 18,1. Beeindruckend auch die spieltechnische Souveränität des Ensembles. Anders als heute üblich wurden die Sätze damals in einem Take aufgenommen. Gemessen daran ist die geringe Pannenquote verblüffend.
Mitunter musste sich das Amadeus-Quartett allerdings den Vorwurf der Glätte gefallen lassen. Wie der zustande kam, lässt sich etwa anhand der Einspielung des "Rasumowsky-Quartetts" op. 59,1 durchaus nachvollziehen (die ulkigerweise genau 1959 entstanden ist). Der Cellist Martin Lovett spielt das eröffnende Thema mit einem supersahnigen Legato ohne Ecken und Kanten, wie ein Sänger, der die Konsonanten weglässt. Solche Passagen sind ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, und springen umso mehr ins Ohr, als der unwiderstehliche Elan der frühen Aufnahmen gelegentlich einer staatstragenden Gesetztheit weicht. Im Adagio von op. 59,1 wirkt das Tempo beispielsweise etwas starr; wie in manchen langsamen Sätzen.
Dort entsteht der Eindruck, als bleibe die Beethoven-Sicht des Amadeus-Quartetts ein wenig an der Oberfläche des Notentextes kleben. Auch und gerade in den späten Werken verströmt das Ensemble einen unbekümmerten musikantischen Charme. Der hat zwar fraglos seinen Reiz, wird aber der emotionalen Vielschichtigkeit der Musik nicht immer gerecht. Dass hier existenzielle Konflikte des Menschseins verhandelt werden, ist zu selten zu spüren.
Gleichwohl eine äußerst spannende Begegnung mit dem Amadeus-Quartett, das fraglos zu den größten Kammermusikensembles des 20. Jahrhunderts gehörte.