Wenn ein weltberühmtes Streichquartett von der kammermusikalischen Bühne Abschied nimmt, dann stimmt das doch ein wenig wehmütig. Nun war das Schicksal der Amadei unabwendbar durch den Tod des Bratschers Peter Schidlof 1987. Das bedeutete unweigerlich das Ende des Amadeus Quartetts.
Nahezu vierzig Jahre blieb das Quartett in seiner ursprünglichen Besetzung zusammen, und zwar so lange wie nur ganz wenige Quartette diese zeitliche Dimension für sich in Anspruch nehmen können. In dieser künstlerischen Ehe vermochten Norbert Brainin, Siegfried Nissel, Peter Schidlof und Martin Lovett durch ausdrucksvolle Interpretationen zu fesseln. Den lebhaften orchestral-fülligen Ensembleklang, den erwärmenden vibratoreichen Ton des Teams, bewahren zahlreiche Platteneinspielungen auf, insbesondere der erste Beethoven-Zyklus bei der Deutschen Grammophon (1963), der mit einer Reihe von Schallplattenpreisen ausgezeichnet wurde. Zwischen 1977 und 1981 kam es zu einer Neuaufnahme der späten Quartette Beethovens op. 127, 130-133 und 135, die mit dem Ende des Exklusivvertrages zusammenfallen. An die Stelle der bisherigen Exklusivbindung sollten einzelne Werkverträge treten. Kompetent und mit bewundernswerter Intensität musizierte das Team zum Auftakt eines bei der Decca geplanten neuen Beethoven-Zyklus die „mittleren“ Quartette Nr. 9 und 10, op. 59,3 und op. 74. Diese Aufnahmen bedeuteten nicht nur Abschied, sondern Vermächtnis zugleich. Sie bekräftigten zum letzten Mal den Rang als eine Vereinigung der wohlkalkulierten Emotionalität.
Nur den Insidern der Kammermusik-Freunde dürfte wohl bekannt sein, dass das Amadeus Quartett, seit Mitte der 1950-er Jahre zum Hausensemble der Deutschen Grammophon Gesellschaft avancierend, um das komplette Kernrepertoire der Gattung Streichquartett einzuspielen, auch Karriere im Hörfunk beim Rundfunk im amerikanischen Sektor in Berlin (RIAS) machte. Jahr für Jahr war das Team Gast im Berliner Aufnahmestudio in der Siemensvilla im Berliner Stadtteil Lankwitz. Nach einer Aufnahmetätigkeit von neunzehn Jahren entstanden im Archiv des RIAS (heute Archiv Deutschlandradio Kultur) Einspielungen des in den Jahren zwischen 1950 bis 1969 vom Amadeus Quartett gepflegten Repertoires. Sieben CDs präsentieren die Repertoiresäule der Interpreten, den nahezu komplett aufgenommenen Quartettzyklus von Ludwig van Beethoven. Für das nicht aufgenommene „Harfenquartett“ op. 74 erscheint als „Ersatz“ auf CD 7 das Streichquintett op. 29 – Beethovens einziger originale Beitrag für die Gattung Quintett. Im interpretatorischen Ansatz sind sich die Londoner Musiker mehr oder weniger treu geblieben.
Voller Überraschungen steckt die Wiedergabe der frühen sechs Quartette aus op. 18, die ja auf Grund ihrer stilistischen Problematik zu den vertracktesten des Quartett-Zyklus gehören. In den straff genommenen Tempi kommt das Team den Metronomangaben Beethovens recht nahe. So flitzen die schnellen Sätze als wahre Kabinettstückchen spieltechnischer Akkuratesse vorüber. Auffallend ist die Behandlung der dynamischen Komponente. Genau wird zwischen den Lautstärkegraden unterschieden. Etwa zehn Jahre später führt dies zu einer modifizierteren Gewichtung. Jetzt reagiert das Viererteam durch Druck des Bogens und durch Artikulation auf Stimmungsumschwünge. So wachsen die dynamischen Komponenten organischer aus dem musikalischen Geschehen. Die Wiedergabe der Quartette aus op.18 weckt nicht nur den Geist Haydns und Mozarts, sondern lässt auch den mittleren und späten Beethoven wetterleuchten. So gerät das heikle Quartett op. 18,5 (Aufnahme November 1962) zum spannungsgeladenen Akt für eine fein ziselierte, nervig rhythmisierte Quartettkunst, während die frühen Einspielungen etwa Quartett op. 18,6 (aufgenommen 9.6.1950) und Quartett op. 18,1 (24.4.1951) die Kontraste schroffer abbilden und von einem Hauch von Nervosität verraten. Das gewonnene Selbstbewusstsein, der Zuwachs an Souveränität und Reife, zeitigt Spuren in der Werkgruppe 59, im Besonderen im e-Moll Quartett Nr. 2 (Aufnahme 8.12.1960) – in den gestalterischen Anforderungen ein eminent schweres Prüfstück, vor allem für den Primarius. Hut ab vor dieser brillanten Auslegung. Als wahres Akrobatenstück erweist sich die Fuge aus dem dritten Quartett von op. 59 – welch rasender Furor, welche Hetzjagd nach Noten.
Unwirsch springt einen das f-Moll Quartett op. 95 ins Gesicht, was den musikalischen Trotz förmlich auf die Spitze treibt. Im Aufstieg zum großen Quartett-Gipfel Beethovens durchdringen sich Expressivität, Spiritualität und intellektueller Anspruch auf unvergleichliche Weise. So gewinnt im Es-Dur Quartett op. 127 das endlos fließende, durch subtiles Variationenwerk angereicherte Adagio ma non troppo, molto cantabile durch Ausspielen der harmonischen Rückungen besonders an Leuchtkraft. Diese Einspielung, entstanden als Livemitschnitt im März 1967 in der Hochschule für Musik in Berlin, steht am Ende des Zyklus im RIAS, spiegelt auch aufnahmetechnisch durch die stereophon in Tiefe zielende Dimension besondere Transparenz. Die Widerborstigkeit und die Freiheit gegenüber dem Herkömmlichen kommen hier deutlich zur Geltung. Auch im a-Moll Quartett op. 132 (Aufnahme 1956) wird nicht nur auf große Linie musiziert. Vielmehr lässt der interpretatorische Ansatz alle Nuancen deutlich erscheinen, so dass die polyphonen Ereignisse umso lebendiger hervortreten.
Auch stiften die suitenartig aneinander gereihten Abschnitte im cis-moll-Quartett op. 131, die Beethoven ja auf das Komplizierteste nahtlos miteinander verzahnte, in der Wiedergabe durch die Amadei überzeugend Einheit.
Der spezifische Ensembleklang des Amadeus-Quartetts spiegelt sich in den vom Berliner RIAS produzierten Aufnahmen auf unverwechselbare Weise. So gewinnt der Klang des Teams in dem siebzehn Jahre umfassenden Zyklus (1950 bis 1967) an Fülle des Ausdrucks wie an stimmigem Feinschliff. So manches erscheint in den frühen Aufnahmen allerdings unmittelbarer, zupackender, konzessionsloser angegangen. Den Kammermusikfreunden bieten sich perspektivenreiche Einblicke. Siebzehn Jahre blieben die Amadei dem RIAS treu. Produziert wurde in den Aufnahmesessions jeweils in einem Zug. Das mag der Unmittelbarkeit des musikalischen Eindrucks zu gute kommen. Die Aufnahmen eröffnen reizvolle Gelegenheit mitzuerleben, wie ein Quartett von Weltrang sich durch die Dokumentationen im Hörfunk sich den Gipfel im Schaffen Beethovens aneignete. Nach wie vor stehen als Alternativen für eine vergleichende Diskographie die bei der Deutschen Grammophon l963 veröffentlichten Aufnahmen zur Verfügung, ebenso die Zweitaufnahmen der späten Quartette, die zwischen 1977 und 1981 entstanden. Unwiderlegbar bleibt, dass das Amadeus Quartett in aller Klarheit die ganze Fülle an Nuancen und das kompositorische Lineaturen hörbar macht.
Das Booklet informiert ausführlich über die künstlerische Vita des Ensembles, über Karriere im Plattenstudio und über interpretatorische wie werkgeschichtliche Aspekte von Beethovens Quartettschaffen. Freunde der Kammermusik winkt in der Tat ein diskographischer Schatz.