Rezension
Fono Forum Februar 2014 | Stephan Schwarz | February 1, 2014
Nebenstimmen
Das sinfonische Werk Schumanns schien gut erschlossen. Und doch freut man sich, dass sich in letzter Zeit bedeutende Klangkörper und Dirigenten seiner Orchesterkompositionen in überzeugenden Deutungen angenommen haben. Mit einer Gesamtaufnahme des sinfonischen Schaffens geht nun auch das WDR-Sinfonieorchester aus Köln an den Start, angeführt von Heinz Holliger; und schon die erste Folge mit der "Frühlingssinfonie" sowie der Originalfassung der d-Moll-Sinfonie, die als zweite entstanden und schließlich als Nummer vier in Schumanns Sinfonien-Katalog aufgenommen wurde, zeigt, dass hier eine Edition im Entstehen ist, die sich nicht nur in Fragen der musikalischen Interpretation erschöpft.
Schon lange bindet den Komponisten Holliger eine enge Beziehung an den Komponisten Schumann. Diesen in seinem Inneren zu verstehen, ihm gewissermaßen ins Hirn zu schauen ist ein Teil seiner Arbeit als Dirigent. Exemplarisch für die Akribie, mit der Holliger dieses Ansinnen verfolgt, ist die erste Sinfonie, die hier an vielen Stellen ganz auf den Kopf gestellt zu sein scheint. Takt für Takt erkundet Holliger die Partitur auf ihre eigentliche Handlung. Gerade so, als käme sie bei einer Explosion desselben direkt aus Schumanns Kopf geschossen, stürzt schon die Einleitung über den Hörer hinweg, und man merkt sofort, worauf es dem Dirigenten ankommt: Es sind die Nebenstimmen. Der erste Satz wird wunderbar widerborstig durch sie, neurotisch wuselnd bringen sie eine befremdliche Unruhe in den zweiten, und die koboldhaften Skurrilitäten des vierten sind wundervoll hervorgehoben. Dass dabei manches auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar ist, wie etwa die seltsam breit gewalzten Töne im ersten Trio des Scherzo, ist bei einem solch eigenwilligen Zugriff nicht verwunderlich. Aber wie modern klingt dieser Schumann, auch in der seltener aufgeführten "Dreiviertelsinfonie", "Ouvertüre, Scherzo und Finale" und der d-Moll-Sinfonie, die hier viel von ihrer schwarzen Melancholie verliert.