Sie beherrschen die intime Kunst des Quartettspiels auf exzellente Weise. Seit einunddreißig Jahren sind die Mandelrings jetzt im Geschäft, und sie zählen längst zur internationalen Garnitur der großen Quartett-Formationen: ein mit vielen Preisen dekoriertes, auch im Plattenstudio gut beschäftigtes Ensemble, das mit Gesamtaufnahmen der Schostakowitsch-Quartette (aud. 21.411 5 CD box), Schubert-Einspielungen (aud. 92.507, 92.524 und aud. 92.552) und viel gelobten Produktionen mit Werken von Schumann, Brahms und Janácek Furore machte. Freunde des Quartetts machen das Hambacher-MusikFest zum Treffpunkt kammermusikalischer Kunst. Seit 2010 gestaltet das Team in der Berliner Philharmonie eine eigene Konzertreihe. Alle fünfzehn Schostakowitsch Quartette waren in Berlin und bei den Salzburger Festspielen zu hören. Was die Kammervirtuosen auf der Konzertbühne offerieren, zeugt von bester deutscher Quartett-Tradition. Ihr Credo ist der packende Zugriff, die herrlich offene, geradlinige Musizierweise, die zwar klangkulinarischen Tüfteleien aus dem Weg geht, doch das hintergründige Spiel keinesfalls zu kurz kommen lässt. Dabei entwickeln die Mandelring-Leute eine subtile Klangkulisse von warmer Grundtönung. Wieviel künstlerischer Ernst dahintersteckt, verdeutlicht die Wiedergabe der Streichquartette von Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Frisch, mit profilierten Themeneinsätzen und deutlicher Absage an elegant-zuckriger Geläufigkeit: Das Plädoyer für den oft geschmähten Quartett-Komponisten Mendelssohn, den musikalische Sittenrichter als epigonal ächten, vermag auch die letzten Zweifler zu überzeugen, weil sich die Kammervirtuosen keine Konzessionen gestatten. So spürt man Mendelssohns Huldigung an den frühen Beethoven in jeder Note, auch den Retro-Look auf Johann Sebastian Bach, nicht zuletzt aber Mendelssohns unverwechselbare Tonsprache selbst. Die Werkgruppe op. 44, darunter vor allem das erste Quartett (Vgl. CD 2) reflektiert noch deutlich Einflüsse der in Paris entwickelten Quartettform „Quattuor brillant“. Keine Frage, dass die Mandelring-Gruppe den federnden Elan des ersten Satzes prägnant zum Ausdruck bringt. Sie spielt nicht nur rasant und flüssig, sonder auch überaus pointiert und energiegeladen.
Auffallend sind aber auch alle emanzipatorischen Bemühungen, aus dem Weg zu Beethoven auszuscheren und zu traditionellen Pfaden zurückzukehren. Gerade im Quartett op. 12 legt das Team den schöpferischen Akt Mendelssohns offen, sich von der Umklammerung zu lösen. Dass kein Säbeltanz zu Viert vorgeführt, nicht mit pauschalem Einheitston drauflos gepoltert wird, verdeutlicht das romantisch timbrierte glutvolle frühe Meisterwerk op. 13 (Vgl. CD 1).Welch kantable Schönheiten öffnen sich doch im Andante espressivo dieses Quartetts und wie nervös pulsierend erscheinen dann die Presto-Sätze der Werkgruppe op. 44. (Vgl. CD 2 und 3). Dieser federnde Elan lässt aufhorchen. Da werden nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch technisch perfekt interpretiert. All die Brüche, das nicht geradlinige Dahinschreiten, das lückenhaft Fragile, werden kraftvoll ausgelotet. Mit vorwärtsdrängender Bewegung, bohrend intensiv, wird schlussendlich das späte Streichquartett f-Moll op. 80 zum musikalischen Seelendrama, zur Trauer über den Tod seiner Lieblingsschwester Fanny. Das Finale dieses Schwanengesangs wird von fiebriger Atmosphäre durchglüht: wuchtig, expressiv im Ausdruck, voll gespannter Kraft, erwärmend in der Grundtönung. Die musikalische Überzeugungskraft dieses Requiems für Fanny macht betroffen. Die Aufnahmen belichten mit überzeugender Transparenz den schlüssigen Interpretationsstil des Ensembles, dem aufnahmetechnisch nur Gutes widerfährt. Freunde des Surround Klangs (flac file, 44.1 kHz/ 24 bit) können sich via „Free Download“ mit einem der Box beiliegenden „personal code“ bedienen. Die Einspielungen entstanden in Klingenmünster in den Jahren 2011und 2012.
Im Zusammenspiel mit dem Cremona Quartett wurde das im jugendlichen Überschwang entstandene Mendelssohn Oktett op. 20 vorgeführt, und zwar ganz im Stil eines „sinfonischen Orchesters“ wie das der Komponist seinem Werk mit auf dem Weg gab. Im Scherzo fühlt man wie leicht sich die Geisterwelt in die Lüfte hob, was Schwester Fanny so kommentierte: „…ja man möchte selbst einen Besenstil in die Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen“. So wurde der überquellende Melodienstrom mit federndem Elan effektreich dargeboten. Zum Glück nahmen die Mandelrings Abstand von den aufnahmetechnischen Mogeleien der Emersons, die auf Deutsche Grammophon das „Oktett“ als eine Interpretation „zu Viert“ über die Runden brachten. Auf einer Video Dokumentation „Recording the Octet“ wird verraten wie die „virtuell gemanagten zweiten Quartettstimmen“ in die Rillen gebannt wurden.(Vgl. Bonus CD als Anhang zu Deutsche Grammophon 477 5370).
Der Mandelring-Exkurs in Felix Mendelssohns kammermusikalische Schätze präsentiert auch die zu Unrecht in der Versenkung ruhenden Streichquintette. Jugendliche Frische atmet das A-Dur Quintett op. 18, das trotz der durch die Pariser Salons inspirierten unbeschwerten Gangart durch das an zweiter Stelle stehende, nachkomponierte Intermezzo – Nachruf für den verstorbenen Freund Eduard Rietz – einen tragischen Akzent erhält. Elfenhaft geht es im Scherzo zu, während das fugiert mit melodischen Abschnitten kombinierte Finale die unverwechselbare kompositorische Eigenart Mendelssohns eher ansatzweise reflektiert. Wie es Mendelssohn versteht, konzertante und kontrapunktische Elemente mit überquellendem Melodienstrom zur Einheit zu bringen, dafür steht das reife Streichquintett B-Dur op. 87, das vor allem durch den orchestralen Gestus an musikalischer Überzeugungskraft gewinnt. Mit überzeugender kammermusikalischer Rhetorik enthüllt das Mandelring-Quartett mit Gunter Teuffels zweiter Viola den Stimmungsgehalt, vor allem in den üppigen Klangwirkungen.
Den im Konzertsaal typischen „Zugabencharakter“ verraten schließlich vier Quartettsätze op. 81.