Rezension
NDR Kultur "Der Sonntag" | 07.09.2025 | 10:20 Uhr | September 7, 2025
BROADCAST: ALBUM DER WOCHE
1998 hat András Schiff beim Lucerne Festival 13 kurze Stücke von György Kurtág gespielt. Diese Aufnahme wurde jetzt zusammen mit 13 Sonaten von Domenico Scarlatti – 1999 ebenfalls in Luzern entstanden – auf einem Album herausgebracht.
Bei manchen Klavier-Sonaten von Domenico Scarlatti staunt man, wie modern sie sind. Dabei wurde Scarlatti im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach geboren, 1685. Oft klingt die Musik empfindsam, frühklassisch, manchmal sogar nach Haydn.
Moderne Ausdruckskraft in Scarlattis Sonaten
Die Ideen zu seinen visionären Klaviersonaten kamen Domenico Scarlatti fernab seiner Heimat Italien, an königlichen Höfen in Portugal und Spanien. Die Sonate e-Moll klingt zunächst ganz nach Barockmusik. Aber dann: eine überraschende harmonische Wendung! Und weil’s so schön war: gleich noch eine Schreckpause hinterher – um dann, leise und verschmitzt, weiterzuspielen, als wäre nichts geschehen.
Domenico Scarlattis Musik ist kapriziös, witzig, voller Ideen. Und das setzt András Schiff bei diesem Live-Mitschnitt aus Luzern mit Klarheit, unglaublich vielen Farb- und Anschlagsfeinheiten und vor allem mit ansteckender Spiellust um: Es ist einfach eine pure Freude hier zuzuhören.
Kurtágs Miniaturen: Scharf, humorvoll und kompromisslos
Einen denkbar starken Kontrast zu Scarlatti bilden die 13 kurzen Stücke aus der Sammlung "Játékok" (Spiele) von György Kurtág, ebenfalls eine Live-Aufnahme aus Luzern. Kurtág hat seit 1973 bis heute neun Bände von "Játékok" veröffentlicht. András Schiff spielt Miniaturen aus den 1990er-Jahren.
Scharf-trockene Dissonanzen, markante Rhythmen – György Kurtágs Stück "Fanfaren" hat natürlich einen ganz anderen Charakter als Scarlatti. Aber in der Kompromisslosigkeit, in der sprechenden Gestik sind sich beide Komponisten ähnlich.
Auch György Kurtág hat Humor. "Walzer" heißt dieses mit wenigen Noten dahingetupfte Stück, Akzente sorgen immer wieder für Unruhe.
Man hört einfach, dass der Pianist und Kurtág-Schüler András Schiff sehr vertraut mit Kurtágs Musik ist. Großartig, wie er mit feinsten Abstufungen in Dynamik, in Klangfarben, mit präziser Rhythmik diese oft punktuelle, sehr sparsame Musik lebendig werden lässt.
Schiffs technische Brillanz und klangliche Präzision
Diese Live-Aufnahmen mit Miniaturen von Domenico Scarlatti und György Kurtág aus den Jahren 1998/99 zeigen mit wieviel Esprit, technischer Souveränität und genauester Klangvorstellung András Schiff damals spielte, und es auch heute noch tut. Viele der Scarlatti-Sonaten und die Auswahl der Kurtág-Stücke aus "Játékok" gab es von András Schiff bislang nicht als Einspielung. Lohnend und verdienstvoll, dass das Label audite sie jetzt veröffentlicht hat.