Wer sich mit Gustav Mahler abgibt, weiß um die spannungsgeladene Beziehung zu seiner Frau Alma, geborene Schindler, und hatte der musikalische Tyrann es Alma zu Anfang ihrer Beziehung sogar verboten, weiter zu komponieren - er wollte keine fremde Göttin neben sich haben -, so sollte sich seine Haltung später wandeln, auch wegen der Tatsache, dass er 1910 dabei war, seine Frau zu verlieren, wie es die Notate im Manuskript der unvollendeten 10. Symphonie deutlich machen: "Für Dich leben, für Dich sterben, Almschi!"
Ein Jahr vor seinem Tode, war Mahler daher sogar bereit, bei der Veröffentlichung von Liedern Almas mitzuhelfen, und es sind denn auch die fünf Lieder, die er zusammen mit ihr ausgewählt und redigiert hat, die im Mittelpunkt der eben beim Label "audite" erschienen Einspielung mit jeweils acht Liedern der beiden Lebenspartner stehen. Sie erfolgte durch die Sopranistin Sabine Ritterbusch und die Pianistin Heidi Kommerell.
Die beiden Interpretinnen waren mir bis jetzt kaum bekannt; umso größer ist daher die Überraschung über ihre Liedgestaltungen, die zu den besten zählen, die ich in letzter Zeit gehört habe. Von Gustav Mahler bieten sie vor allem 'Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit', vier davon auf Texte aus 'Des Knaben Wunderhorn', sodann noch zwei der fünf 'Rückert'-Lieder: das für Alma geschriebene, einzige Liebeslied, das Mahler komponiert hat: 'Liebst du um Schönheit', sowie: 'Ich bin der Welt abhanden gekommen', und ich gestehe gerne, dass seit Janet Baker keine Deutung dieses einzigartigen Werkes mich mehr ergriffen hat als die von Frau Ritterbusch. Mit ihrer jugendlich-frischen, feinen, ausgeglichenen Stimme, ihrer Wandlungsfähigkeit und ihrem Nuancenreichtum versteht sie es, seine Ausdrucksvielfalt und Tiefsinnigkeit wiederzugeben, und in der Pianistin Heidi Kommerell hat die Sopranistin eine ebenbürtige Partnerin, die mit ihrem sensiblen und beseelten Spiel den Gesang weiterdenkt.
Diese Darbietung soll modellhaft für die ganze Aufnahme angeführt werden.
Mehr noch: Es gibt zurzeit keine Einspielung der Lieder von Alma Mahler-Schindler, die auch nur annähernd an diese heranreichen würde. Dazu gleich zu Beginn eine weitere Überraschung: Zwei noch nicht publizierte, erst kürzlich aufgefundene Lieder der jungen Alma: 'Leise weht ein erstes Blühn' (Rilke) und 'Kennst du meine Nächte' (Anonymus), beide als Ersteinspielung in der Originalfassung.
Die beiden Musikerinnen haben genau umgesetzt, was Christoph Becher im Beiheft festhält: "Die Kompositionen Alma Schindlers orientieren sich an der Stimmung der Lyrik und suchen dafür jeweils einen eigenen Ton. Klaviersatz und Gesangsstimme sind in den Liedern eine Einheit. Den richtigen Ton zu finden war der Komponistin wichtiger als einprägsame Melodien". Sabine Ritterbusch und Heidi Kommerell finden den richtigen Ton, den einzig richtigen, möchte man nach Anhören ihrer Deutungen sagen. Damit kommt es - endlich! - zur Entdeckung und gleichzeitig zur Ehrenrettung der Individualität und Eigenständigkeit einer verkannten Komponistin. Man kann nicht dankbar genug dafür sein.