Rezension
Zeitzeichen 7/2006 | Ralf Neite | 1. Juli 2006
Ins Herz
Es liegen 75 Jahre zwischen Tschaikowkys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ und Prokofievs fünfter Symphonie. 75 Jahre, in denen die Musik von Grund auf revolutioniert wurde: Tschaikowsky zählte noch zu den Romantikern, Prokofiev wandelte bereits in den Fußstapfen des Avantgardismus, den die Neue Wiener Schule ins Rollen gebracht hatte. Und doch fällt bei oberflächlichem Hören der Zeitsprung zwischen den beiden Werken für einen Moment kaum auf: Tschaikowskys Ouvertüre schließt wie selbstverständlich an das Finale von Prokofievs fünfter Symphonie an. Ein faszinierender Querbezug tut sich auf.
Zu verdanken ist er Thomas Sanderling und dem Novosibirsk Academic Symphony Orchestra, kurz NASO, die die Komponisten auf einer CD vereinigt haben. Wer, wenn nicht Sanderling, wäre in der Lage, so tief in die russische Seele einzutauchen, dass dieser musikalische Zusammenschluss ganz natürlich und organisch wirkt? Sanderling, Absolvent des Konservatoriums in Leningrad, Leiter internationaler Opern- und Symphonieorchester (und seit 2002 ständiger Gastdirigent des NASO), hat bereits die deutschen Erstaufführungen der 13. und 14. Symphonie Dmitri Schostakowitschs dirigieren dürfen. Auch hatte er die Stabführung bei der Ersteinspielung von Schostakowitschs letztem Werk, der Michelangelo-Suite.
Mit dem sibirischen Orchester lotet Sanderling den ganzen Reichtum der letzten Schaffensphase Prokofievs aus. Russische Tradition und klassizistische Opulenz begegnen einem immer wieder nüchternen, dabei kraftvollen Ton. 1943, ein Jahr vor der Schaffung der fünften Symphonie, hatte Prokofiev in der Zeitung Istwestija über das Komponieren geschrieben: „Die Schreibweise muss klar und einfach, aber nicht schablonenhaft sein. Die Einfachheit darf nicht die alte Einfachheit, sondern muss eine neue sein.“ Klar, aber nicht schablonenhaft, selbst in den monumentalen Passagen: So klingt das Werk auch hier bei Sanderling und dem NASO.
Tschaikowskys leiser Einstieg in die Ouvertüre „Romeo und Julia“ wirkt nun wie ein zarter Nachgesang auf das zuvor Gehörte. Dort, wo Prokofiev auf spröde Kontrastwirkungen zielt, bevorzugt Tschaikowsky einen lustvollen, Klang. Wenn Prokofiev die Bläser herausstellt, vertraut Tschaikowsky auf die Pracht der Streicher. Doch beide treffen sich in der Genauigkeit ihrer dramatischen Zuspitzung. Und während man dem Verklingen Romeos und Julias nachlauscht, schwingen unterbewusst noch Prokofievs Melodien nach. Gemeinsam treffen sie ins Herz.