Faszinierende Alternative
In dieser Einspielung setzen die vier Musiker sich mit dem großen letzten Meisterwerk Schuberts in Sachen Streichquartett, dem Quartett in G-Dur D.887, auseinander. Das über 50minütige Werk, das der Meister in knapp zehn Tagen (vom 20. bis 30. Juni 1826) schrieb, als die 'Krankheit', die unheimliche und unheilbare Syphilis, ihm wieder seine 'Endlichkeit' deutlich machte, verlangt ein Engagement, das an die Grenzen der Aussagekraft geht, denn schon das einleitende symphonische Allegro molto moderato hat eine Komplexität, die viele Interpreten ratlos macht.
Nicht so die Mandelring-Musiker. Da sie die Problematik erkannt haben, vollziehen sie einen Rückzug aufs rein Musikalische, wie bereits ihre vorherige CD verdeutlichte, und für dieses gigantische Werk verweigern sie eine Haltung, die als Vorzeichen kommenden Unheils gedeutet werden könnte. Sie setzen sich vielmehr mit dem Geist der Musik auseinander, und der fußt nun einmal im Kammermusikalischen. Dabei lassen sie die ganze Schönheit und Kohärenz ihres Zusammenspiels deutlich werden, und so 'singt' die Musik wie nur bei wenigen Quartettformationen.
Damit bleiben sie allerdings hinter der phänomenalen Dramatik der Musik zurück. Dies wird auch zum Problem im Andante, dem es nun evident an Kontrast fehlt, so dass die innere Unruhe nicht zu jenem gequälten Aufschrei führt, der Schuberts Ausdruck der Verzweiflung ist,... ein Aufschrei, der sich übrigens im Scherzo und im Finale fortsetzt. Dafür kommt hier das Melodische, der reine Gesang, optimal zur Geltung, so als hätte man es mit einem großen Lied, einer Ballade, zu tun, eher denn als mit der großen Klage des großen Franz Schubert.
Das andere, frühe, weit weniger problematische Quartett in D-Dur von 1815, D.173, kommt durch die Annäherung des Mandelring-Quartetts viel besser weg. Sie spielen genauso konzentriert, so musikantisch wie immer, und die Musik atmet ganz wunderbar. Nur im Menuett verliert sich der Esprit des Ländlers zugunsten des Leichten und Gelösten, das im Finale zur Befreiung wird.
Ich muss demnach feststellen, dass das Quartett zwar noch immer meine völlige Bewunderung verdient, dass die von ihm nun endgültig - wie es scheint - eingeschlagene Richtung in Sachen Franz Schubert aber immer weniger meine ist. Das sollte mich dennoch nicht davon abhalten, sie als großartige Musiker und ihre Schubert-Deutung als faszinierende Alternative anzusehen.