Rezension
Berliner Philharmoniker - Das Magazin Mai/Juni 2009 | Helge Grünewald | 1. Mai 2009
Furtwängler – Live in Berlin
Diese sorgfältig edierte Box bringt bemerkenswert »Neues« in Sachen Furtwängler. Zum einen enthält sie ganze Konzertprogramme, und man gewinnt so Einblick in Furtwänglers typische Programmdramaturgie. Zum anderen werden erstmals alle Konzerte der Philharmoniker unter Furtwänglers Leitung vorgelegt, die der RIAS Berlin in den Jahren 1947 bis 1954 mitgeschnitten hat. Furtwängler dirigierte keineswegs nur konventionelle Programme, sondern wagte in Konzerten auch Novitäten: Im Dezember 1949 leitete er die Erstaufführung des Violinkonzerts von Fortner (wunderbar von Gerhard Taschner gespielt), im Juni 1950 präsentierte er Hindemiths Konzert für Orchester, und noch in einem seiner spätesten Konzerte, am 27. April 1954, widmete er sich Boris Blachers Concertante Musik.
Aufschlussreich ist anhand dreier Beethoven-Symphonien (Nr. 3, 5, 6) sowie der Dritten von Brahms zu vergleichen, wie Furtwängler ein und dasselbe Werk im Abstand von einigen Jahren interpretierte. Brahms geht Furtwängler 1949 vor allem im dritten und vierten Satz leidenschaftlicher und dramatischer an, doch selbst bei den deutlich schwereren Zeitmaßen in der Aufnahme von 1954 bleibt auch diese doch immer spannend.
Ein wichtiges Ziel der Edition war, „den Klang der Aufnahmen nicht zu verfälschen, ihn also nicht heutigen Hörgewohnheiten anzupassen, sondern ihn durch behutsame, aber intensive Bearbeitung freizulegen, insbesondere in Fällen, in denen sich das Ausgangsmaterial in schlechtem Zustand befand“. Das wurde glänzend gelöst, und das überaus informative Booklet ist ein weiterer Gewinn dieser Produktion. Nicht zu vergessen die Bonus-CD – die Aufzeichnung einer Diskussion mit Studenten der Musikhochschule im Februar 1951, in der Furtwängler über die „Kunst der Interpretation“ Auskunft gibt.