Eine dokumentarische Meisterleistung und weit mehr als das: alle seinerzeit vom RIAS (vom Rundfunk im amerikanischen Sektor) mitgeschnittenen Konzerte, die Wilhelm Furtwängler zwischen 1947 und 1954 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester gegeben hat, wurden dieser Tage vom label audite veröffentlicht: eine Box mit zwölf CDs samt einer Bonusscheibe mit hochinteressanten, bisher unveröffentlichten O-Tönen des Dirigenten zu Fragen der Interpretation.
Den behutsam, das heißt ästhetisch nicht verfälschend, sondern mit dem Ziel einer optimalen Präsenz und Transparenz restaurierten Aufnahmen liegen ausschließlich die originalen Archivbänder zugrunde (- nicht etwa Rundfunkmitschnitte, wie in manch früherer Einzeledition).
Metaphysischer Idealismus
Beim Corpus dieser Mitschnitte handelt sich um so etwas, wie die Essenz des späten Wirkens eines Interpretations-Genies, das sich zeit Lebens aus dem Geist eines konservativ grundierten und metaphysisch überhöhten Idealismus mit Vorliebe dem deutsch-österreichischen Repertoire aus Klassik und Romantik gewidmet hat. Dass sich aus solcher, teils elitärer Anwandlung, teils fast kindlich-unpolitischer Lauterkeit sich verdankender Disposition der Musikauffassung fatale Schnittmengen zum hohlen völkischen Pathos der Nationalsozialisten behaupten und instrumentalisieren ließen, liegt auf der Hand. Zu Furtwänglers Widersprüchen im Wirken und Taktieren während der braunen Jahre ist viel geschrieben worden und im einfühlsamen und lesenswerten Booklet-Text der Edition klingen die entsprechenden Akzente an.
Ethos des Musizierens
Wer freilich in die Aufnahmen sich vertieft, kann restlos überzeugt und überwältigt werden vom hohen Ethos dieses Musizierens. Selbst wer seine Probleme hat mit allzu ausgeprägten Rubati oder den Lizenzen die Tempi betreffend: Furtwänglers subjektive Exegesen sind mit Unbedingtheit ausgerichtet an der immer wieder neuen Verobjektivierung des Gehalts des je gewählten Werkes. Wie interpretatorische Feinheiten einem knisternden Spannungspotential des Augenblicks unterliegen und zugleich bestimmt sein können von der Programmkonzeption eines Konzerts als ganzem, das lässt sich in dieser Sammlung studieren. So sind Beethovens Sinfonien Nr. 3, 5 und 6 sowie die Dritte von Brahms in je zwei Auslegungen zu hören. Was schwingt nicht alles mit von den Vibrationen der Zeitläufte im Durchleben von Beethovens "Pastorale" und seiner Fünften, so, wie es im Konzert vom 25. Mai 1947 - in dieser Reihenfolge - dokumentiert worden ist! Es war das erste Mal, dass Furtwängler nach dem Krieg wieder vor "seinen" Berlinern gestanden hatte, und es war ihm in bekenntnishafter Weise geglückt, den Weg ins Zentrum einer Kunst zu finden, die aus eigener Integrität vor jedem Schmutz gewappnet ist.
Minutiös durchgestaltet
Im September desselben Jahres trat auch Yehudi Menuhin erstmals wieder im Nachkriegsberlin vor die Philharmoniker. Seine und Furtwänglers Exegese des Beethoven'schen Violinkonzerts: welch ein Zeichen! Auch alle anderen Mitschnitte dokumentieren die einzigartige Kompetenz dieses fanatischen Ausdrucksmusikers: Sinfonik von Schubert, Brahms, Bruckner; kleinere Orchesterwerke von Gluck, Weber, Mendelssohn, Schumann, Wagner. Furtwänglers Interpretationen sind minutiös durchgestaltet, atmen in jedem Augenblick; und doch ist zu spüren, dass die Spannkräfte formaler Stabilitäten im Akt der musikalischen Aufführung mitunter bis an den Rand des Berstens beansprucht werden.
Herausragender Wert
Auch wenn die Mitschnitte Bach'scher und Händel'scher Suiten bzw. Concerti heute eher von interpretationsgeschichtlichem Interesse sind, so überzeugen doch die Exempel der damals aktuellen "gemäßigten Moderne". Furtwängler, ein überzeugter Apologet der Tonalität (der 1931 immerhin Schönbergs op. 31 aus der Taufe gehoben hatte), dirigiert auch Werke von Paul Hindemith, Boris Blacher und Wolfgang Fortner. Des letzteren Violinkonzert, mit dem legendären Gerhard Taschner als Solist, wird übrigens als Erstveröffentlichung präsentiert. Alles in Allem: Man muss kein Furtwänglerianer sein, um den herausragenden Wert dieser Edition zu erkennen. Doch die Gefahr, ein solcher zu werden (- auch und gerade vor dem Hintergrund des Supermarkts der ubiquitären Unverbindlichkeiten), ist aber nicht von der Hand zu weisen.