Rezension
Pizzicato N° 214 (6/2011) | RéF | 1. Juni 2011
Celi in Berlin
Wer Sergiu Celibidache (1912-1996) nur als vergeistigten Dirigenten von Bruckner, Brahms und Beethoven kennt, unterschätzt das Repertoire des Dirigenten. Aber selbst für die, die ihn als interessanten Tschaikowsky-, Prokofiev-, Shostakovich- und Ravel-Dirigenten schätzen, dürfte diese Box eine Überraschung darstellen.
'Celi' leitete nach dem Krieg sieben Jahre lang die Berliner Philharmoniker sozusagen als Statthalter für den mit Dirigierverbot belegten Furtwängler. Aber er dirigierte in jenen Jahren auch das RIAS-Orchester und das Radio-Symphonie-Orchester Berlin. Konzertmitschnitte und Studioproduktionen des RIAS Berlin dokumentieren diese Zeit und werden mit dieser Edition erstmals auf Grundlage der Original-Bänder in bestmöglicher technischer Qualität zugänglich gemacht.
Wie andere frühe Konzertmitschnitte – etwa mit dem Orchester aus Turin – liefern sie – in komplettem Kontrast zu den späten Münchner Aufnahmen – einen spannenden Einblick in die Anfangszeit des Dirigenten, "in der er als temperamentvoller Feuerkopf sein Publikum in Begeisterung versetzte", wie Audite im Pressetext unterstreicht.
Doch diese drei CDs haben noch eine andere Attraktivität: das ausgefallene Repertoire, mit dem dem Berliner Publikum Alternativen zum arg strapazierten deutschen Kernrepertoire geboten wurden und auch entartete Musik wieder zu Gehör gebracht wurde. Mit Heinz Tiessen und Reinhard Schwarz-Schilling wird an zwei deutsche Komponisten erinnert, die heute völlig vergessen sind.
Die Bänder wurden hervorragend restauriert. Der Herausgeber erklärt aber, das tiefe Brummen, das an manchen Stellen zu hören sei, sei kein Bandfehler, sondern das Geräusch der Flugzeuge, die sich über dem Titania-Palast im Landeanflug (oder Start) auf den Flughafen Tempelhof befanden. Somit wurde die Berliner Luftbrücke Teil dieser Celibidache-Edition.
Gershwins 'Rhapsody in Blue' macht den Auftakt auf CD 2, mehr 'strammer Max' als Jazzsymphonik, danach folgt eine fulminante 'Rhapsodie Espagnole' von Ravel, und das Highlight dieser Platte ist Busonis tief ausgelotetes und packendes intensiv dargebotenes Violinkonzert.
Celibidache und Gerhard Puchelt pumpen viel Energie in ein verspielt dargebotenes Klavierkonzert von Paul Hindemith, genau wie Harald Genzmers Klarinettenkonzert unter Celibidaches vitaler Leitung aufblüht.
Im Ballett 'Appalachian Spring' findet Celibidache so gut den Americana-Ton, dass man nur gespannt und vergnügt zuhören kann.
Eine bereichernde Entdeckung ist die dritte CD mit den Werken Heinz Tiessens, dem Kompositionslehrer von Sergiu Celibidache. Die dramatische, klangmalerische Hamlet-Suite setzt der Dirigent genau so unter Hochspannung wie die einfallreich komponierte, suggestive Salambo -Suite.