Etliche, vielleicht alle dieser Berliner Nachkriegsaufnahmen des legendären Sergiu Celibidache waren zuvor auf irgendwelchen mehr oder weniger obskuren Schwarz-Labels erhältlich. Aber nur mangelhaft (oder gar nicht) remastert. Und jetzt erstmals aufgrund der Originalbänder. Hier sind auch vier Aufnahmen mit dem damaligen Radio-Symphonieorchester mit dabei. Insgesamt mit einem Repertoire, das die unkonventionellen Vorlieben eines der faszinierendsten Dirigenten der Musikgeschichte dokumentiert.
Ein Hochspannungsmusiker
Als Sergiu Celibidache 1945 durch eine zufällige Bekanntschaft mit einem Musiker der Berliner Philharmoniker zum interimistischen Nachfolger Furtwänglers bestellt wurde, war das Publikum sogleich elektrisiert von dem blendend aussehenden, cholerischen Feuerkopf aus Rumänien. Er war der erste, der mit dem professoralen Image älterer Maestri nicht zu messen war. Ein Hochspannungsmusiker, der den Philharmonikern stets Allerhöchstes abverlangte. Ja mehr noch: ein dirigentischer Blitzableiter. Das hört man den Aufnahmen auf Anhieb an.
Celibidache galt als harrscher Perfektionist mit unmaßvollen Probenanforderungen. Man sagt, dass er eben deswegen nicht wirklich Furtwänglers Nachfolger wurde, als dieser 1955 starb und von Herbert von Karajan ersetzt wurde (der ein sehr ökonomischer Prober war). Die Verbindung von messerscharfer Präzision und Suggestivität bei dem erklärten Furtwängler-Fan Celibidache adelt auch mediokre Werke wie Harald Genzmers Flötenkonzert, die Hamlet- und Salambo-Suiten von Heinz Tiessen sowie Introduktion und Fuge für Streichorchester von Reinhard Schwarz-Schilling.
Auferstehung eines Mythos
Der frühe „Celi“ lehnte damals Schallplattenaufnahmen noch nicht so kategorisch ab wie später. Er war der Auffassung, das z.B. Tempoauffassungen nicht nur am Notentext, sondern an den räumlichen Gegebenheiten eines Saales auszurichten seien – weshalb Schallplattenaufnahmen aufgrund des abweichenden Tempoempfindens die Ergebnisse entstellen. Als junger Mann hat er gerade tempomäßig noch ziemlich ‚hingelangt’, wie man hier hören kann. Bei seinen hitzigen Deutungen von Ravels „Rapsodie espagnole“, Coplands „Appalachian Spring“ und Gershwins „Rhapsodie in Blue“ gehen so auch die Berliner Orchester temperamentvoll aus sich heraus.
Das monstermäßige Charisma dieses Dirigenten hat auch in späteren Jahren, wenn er mit den Münchner Philharmonikern gelegentlich nach Berlin zurückkehrte, das Publikum noch regelmäßig umgehauen. Diese Box lässt seinen Mythos wiederauferstehen. Mit früheren Zusammenstellungen etwa aus den Beständen des Deutschen Rundfunkarchivs Frankfurt gibt es keine Überschneidungen. Wie meist bei „audite“: ein Volltreffer.