Rezension
Fono Forum August 2011 | Michael Kube | 1. August 2011
Durch die Folk-Brille
Klangtechnisch sind die Einspielungen bei dem Detmolder Label Audite immer über jeden Zweifel erhaben – dafür bürgt Ludger Böckenhoff als Firmengründer und Tonmeister mit seiner langjährigen Erfahrung und einem gesunden Hang zum Audiophilen. Auch die erste der insgesamt auf fünf Folgen angelegten Gesamteinspielung der Orchesterwerke von Edvard Grieg lässt in dieser Hinsicht keine Wünsche offen: Klar und präsent, wenn nicht gar ein wenig schneidig wird das WDR-Sinfonieorchester Köln in einem breiten dynamischen Spektrum eingefangen. Für die musikalische Leitung des Projekts wurde Eivind Aadland als Dirigent gewonnen – eine interessante Wahl, denn der Norweger ist von klein an mit jenen volksmusikalischen Quellen in engem Kontakt gewesen, die auch Grieg so oft seinen Werken zugrunde legte und kompositorisch durchgearbeitet hat. Und so setzt Aadland bei seinen Interpretationen auch "auf die Herausarbeitung der volksmusikalischen Elemente".
Ein neuer Ansatz, der sich freilich am künstlerischen Resultat messen lassen muss. Und genau da sind dann doch einige Abstriche zu machen. Zwar wirken die Partituren von einigem romantischen Ballast befreit, aber die fließenden Melodien kommen kaum einmal ins Strömen. Hingegen erscheint mancher Rhythmus eigenartig zugespitzt, manches Forte gar so grob und unpräzise, dass man weithin den Eindruck gewinnt, Aadland lasse vielfach in allzu hemdsärmeliger Weise die Muskeln spielen. Dass eine gelungene orchestrale Klangregie aber nicht nur aus schönen Wirkungen besteht, macht das Trio aus dem ersten Norwegischen Tanz recht deutlich – hier sind die versierten Sinfoniker des WDR vielfach auf sich allein gestellt und finden mitunter nicht die nötige Ruhe in der Tongebung. Die schöne Unternehmung ist also noch steigerungsfähig.