Rezension
Fono Forum Juni 2014 | Matthias Hengelbrock | 1. Juni 2014
Synthetisch
Zu Recht ist das Label Audite berühmt für seine Audiophilie. So sind im Bereich der Alten Musik seine Aufnahmen aus der Klosterkirche Muri allererste Referenz, wenn es darum geht, das Potenzial einer Surround-Anlage auszuloten. Die vorliegende Produktion macht den Rezensenten aber ratlos: Sowohl auf der SACD-Surround-Spur als auch im normalen Stereo-Modus sind die vier Musiker so unnatürlich weit voneinander isoliert, wie man es von diesem Label sonst nicht kennt; außerdem stimmt die Balance nicht (Theorbe zu prominent, Cembalo in einigen Stücken viel zu leise). Der Eindruck des Synthetischen wird dadurch verstärkt, dass Simone Eckert die beiden Geigenpartien im Playback-Verfahren eingespielt hat, dazu noch auf einer Diskantgambe – wo ist der künstlerische Gewinn? Musikalisch kann diese Produktion zunächst punkten. Das liegt zum einen am Programm, das thematisch und stilistisch ein klares Konzept erkennen lässt: Fortunas Wankelmut wird in drei Kantaten von Telemann und drei Arien von Erlebach besungen; hinzu kommt ein wirklich interessantes Werk des Zerbster Kapellmeisters Johann Ulich, das unlängst in der Bibliothek des Mariengymnasiums Jever entdeckt wurde. Zum anderen ist die Hamburger Ratsmusik (bestehend aus Gambe, Theorbe und Cembalo) in diesem Repertoire sehr versiert, was sich in einer einfühlsamen, nuancenreichen und rundum stimmigen Begleitung niederschlägt. Die Sopranistin Ina Siedlaczek macht ihre Sache ordentlich, aber auch nicht mehr. Oft wünscht man sich von ihr eine deutlichere Artikulation, bisweilen auch mehr Farben im Timbre und jene Verinnerlichung der Gedanken, die für diese Musik eigentlich charakteristisch ist.