Der belgische Trompeter Jeroen Berwaerts war 1999 als Erster SoloTrompeter des NDR Sinfonieorchesters nach Hamburg gekommen. Damals trug das Rundfunkorchester noch diesen Namen. Heute heißt es wegen seiner Dauer-Residency an Hamburgs neuem Prachtbau, der Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester. Obwohl sich schon zu Berwaerts Zeiten die starke Bindung an die Elbphilharmonie und damit ein weltweites Renommee dieses Orchesters abzeichnete, beschloss der einstige Schüler von Reinhold Friedrich an der Karlsruher Musikhochschule doch abzuspringen. Berwaerts war schon immer ein Tausendsassa, der alles machen und realisieren wollte und sich selbst keine Grenzen setzte. Heute nun ist er Professor an der Musikhochschule in Hannover und genießt den neu gewonnenen Freiraum. »Ich fühle mich als Professor in Hannover als ein freier Mensch. Für mich war es damals an der Zeit, die OrchestersteIle beim NDR aufzukündigen, um mich meinen eigenen Sachen besser widmen zu können. Einerseits macht mir das Unterrichten wahnsinnigen Spaß, denn es ist eine riesige Freude, das eigene Können weiterzugeben. Andererseits habe ich jetzt viel mehr Zeit für eigene Projekte.«
Ein solches Projekt ist etwa die neue CD »Signals from Heaven«, die Berwaerts mit dem fantastischen Ensemble »Salaputia Brass« erarbeitet und im Rahmen eines Release-Konzertes beim Elbphilharmonie-Festival »Lux Aeterna« in Hamburg vorgestellt hat. Die Arbeit an den aufgenommenen Stücken von Claudio Monteverdi über George Gershwin bis hin zum japanischen Neutöner Toru Takemitsu reicht für Berwaerts aber schon viele Jahre zurück. »Das erste Mal habe ich einige dieser Stücke beim Schleswig Holstein Musik Festival vor rund zehn Jahren vorgestellt«, berichtet der Trompeter. »Die Idee zu Signals from Heaven ist davon inspiriert, dass Giovanni Gabrieli seine Canzoni seinerzeit in einem Buch mit dem Titel Sacrae Symphoniae, den sakralen Symphonien also, gebündelt hatte. Ich bin über Duke Ellingtons sogenannte Sacred Concerts, die einmal in einer New Yorker Kirche uraufgeführt worden waren, auf die Idee gekommen, Jazz mit der Musik Gabrielis zu verbinden. Dazu passten auch die Spirituals der schwarzen Sklaven in Amerika.«
Die Idee, viele Musikstile zusammenzubringen, um Grenzen aus dem Weg zu räumen, ist für Jeroen Berwaerts immer aktuell und – wie er sagt – heute aktueller denn je. Er folgt dabei aber nicht blind einem Crossover nur um der Sache willen. Berwaerts‘ Crossover ist durchdacht und hat eine Vielzahl von Zielen im Blick. »Viele Musikliebhaber stecken sich selbst in Schubladen – wahrscheinlich wegen einer Art von Identifikation, die die Menschen einfach brauchen«, meint Berwaerts. »Da wird dann nach Klassik- oder Jazzliebhabern streng getrennt und vor allem eine Grenze zum Pop gezogen. Das ist ein riesiger Quatsch und muss nicht sein. Es war immer mein Ziel, Menschen zusammenzubringen, die nur Musik ohne Grenzen spielen.
Auf der neuen CD vereint Jeroen Berwaerts nun wunderbar geblasene Canzoni von Gabrieli und eine Toccata aus der Oper »Orfeo« von Claudio Monteverdi mit dem amerikanischen Jazz in großartigen Arrangements von Boris Netsvetaev. Außerdem hat er mit »Salaputia Brass«, dieser schillernden Formation, die sich einst aus Musikern des Bundesjugendorchesters zusammengefunden hat und heute aus Ensemblemitgliedern in Solo-Positionen führender deutscher Orchester besteht, die Takemitsu-Komposition »Signals from Heaven« eingespielt. Die beiden Takemitsu-Stücke »Day Signal und Night Signal« sind wie die Gabrieli-Canzonen doppelchörig angelegt. »Es ist bei Takemitsu auch ein stark gesanglicher Stil«, erklärt Berwaerts, »es sind Canzonen mit einer zeitgenössischen Note. Man kann trotzdem viele Cluster, viele Akkorde bei Takemitsu finden, die eine Beziehung zur Jazzharmonik haben. Takemitsu hat ja auch selber sehr oft unter Pseudonym Operetten geschrieben oder Beatles-Songs bearbeitet.«
Das Ensemble »Salaputia Brass« und Berwaerts spielen die Sonata »Pian e Forte« und die Canzon primi aus Gabrielis »Sacrae Symphoniae« übrigens aus Faksimiles der originalen Vorlagen. »Es sind zwar schlechte Notenvorlagen«, so Berwaerts, »aber wir wollen einfach mehr Originalgefühl dadurch entwickeln.« Die »Orfeo«-Toccata von Monteverdi fängt mit Trommeln an, dann kommen zwei Posaunen und drei Trompeten hinzu. Ursprünglich wurde das Stück von den Trompeten von einem Balkon aus geblasen und dann kam ein Orchester hinzu. Anstelle des Orchesters werden auf der CD nun Posaunen und Alt-Posaunen eingesetzt.
Niemanden, der Jeroen Berwaerts bereits kennt, dürfte es überraschen, dass er auf der neuen CD »Signals from Heaven« nun auch wieder die Trompete beiseite legt und als Sänger in Erscheinung tritt. »Ich habe schon oft in Konzerten gesungen«, erzählt er. »Auch mit dem Ensemble Resonanz in Hamburg schon sehr oft. Bei jedem zweiten oder dritten Solo-Projekt, das ich mache, singe ich entweder Jazz-Standards oder Spirituals oder aber Chansons meines belgischen Landsmanns Jacques Brel.« Von Brel singt Jeroen Berwaerts viele Chansons, die er im Rahmen eines anderen Projekt mit Tänzen des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau kombiniert. »Ich wollte früher einmal Pop- oder Jazzmusiker werden. Damals, als ich 16 war, hatte ich sogar mal eine Band. ln Belgien habe ich auch Jazzgesang studiert. Als ich dann nach Deutschland gegangen bin, habe ich mich danach ausschließlich auf die Trompete konzentriert. Später dann ist die Liebe zum Gesang zurückgekehrt.« Für Jeroen Berwaerts ist der Gesang die Quelle und der Ursprung eines jeden Instruments, egal ob es sich um ein Streich- oder ein Blasinstrument handelt. Im Gesang spürt man seiner Ansicht nach die Seele eines Menschen am unmittelbarsten. Davon ausgehend müsse man ein Konzept finden, die singende Seele auch auf das Instrument zu übertragen. »Meine Trompetenstudenten an der Hannoveraner Musikhochschule singen sehr viel, ob sie wollen oder nicht«, erzählt der beliebte Professor der niedersächsischen Metropole. »Wie das imaginäre Singen letztendlich auf der Trompete klingt, hat zu 90 Prozent damit zu tun, wie man sich hineinfühlt. Deshalb ist das Singen als Basis ein so schöner Ausgangspunkt. Bei uns Bläsern kommt dann ja auch noch die Luft und das Atmen hinzu.«
»Salaputia Brass« tritt bei diesem Projekt in einer höchst flexiblen Besetzung auf. Die Werke des Renaissancekomponisten Giovanni Gabrieli werden ausschließlich mit Posaunen und Trompeten gespielt. Hörner spielen hier nicht mit, um näher am Originalklang zu bleiben. Bei den Spirituals wie »Sometimes I feel Iike a motherless child« oder »Nobody Knows the Trouble I've Seen« tritt noch eine Tuba hinzu.