Rezension
Fono Forum 02/2008 | Christoph Vratz | February 1, 2008
Der Blick ins Ich
Es ist der wohl meistgesungene Liederzyklus der Musikgeschichte: Franz Schuberts „Winterreise“. Dabei handelt es sich keineswegs um die schneeflockige Kuschelromantik
eines einsamen Wanderers. Christoph Vratz stellt das Werk und einige der wichtigsten Aufnahmen vor.
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Die Diskographie der „Winterreise“ liest sich wie das Who's who namhafter Liedsänger. Doch wohl niemand hat sich so oft und so ausführlich mit diesem Zyklus auseinandergesetzt wie Dietrich Fischer-Dieskau. Rund ein Dutzend Einspielungen tragen seinen Namen. Den späteren Aufnahmen wurde oft nachgesagt, dass sie zum Manierierten neigen und das Wort-Ton-Gefüge in Schieflage geraten sei. Mag sein, auch wenn die Zusammenarbeit mit Pianisten wie Alfred Brendel und Murray Perahia immer noch zu neuen Facetten geführt hat.
Fischer-Dieskaus zweite Aufnahme der „Winterreise“, mit Hermann Reutter am Klavier, stammt aus dem Jahr 1952. Die Unmittelbarkeit der Darstellung resultiert aus einer wunderbar ausgeglichenen, kraftvoll-fülligen Stimme und einigen betont langsam gewählten Tempi. Schlicht phänomenal, wie es dem damals 27-jährigen Sänger gelingt, den Zyklus als Ganzes zu gestalten. Fischer-Dieskau spannt einen klugen dramaturgischen Bogen, bettet die einzelnen Etappen des Wanderers in einen psychologischen Zusammenhang.