Rezension
Fono Forum 9/2009 | Peter T. Köster | September 1, 2009
Furtwänglers Vermächtnis
Mehr als eine Viertelstunde lang hielten die Ovationen an, als Wilhelm Furtwängler am Pfingstsonntag 1947 nach zweijährigem Dirigierverbot und zermürbender Entnazifizierungs-Prozedur erstmals wieder am Pult „seiner“ Berliner Philharmoniker stand und das komplementäre Paar der Sinfonien fünf und sechs von Ludwig van Beethoven dirigierte. 16 Mal wurde er von einem dankbaren Publikum herausgeklatscht. Der Familie Thomas Mann, die dem Dirigenten seinen Verbleib im Nazi-Deutschland verübelte und von New York aus das Berliner Ereignis mit Schmähungen kommentierte, schrieb er, 15 Minuten Applaus seien für Berlin und Beethoven nichts Außergewöhnliches.
Das denkwürdige Konzert wurde vom RIAS aufgezeichnet, dem 1946 von der amerikanischen Gewährsmacht gegründeten „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ Berlins. Es steht am Anfang dieser spektakulären Edition, die erstmals als Gesamtausgabe alle Konzerte Furtwänglers mit insgesamt elf Programmen enthält, die der RIAS in den verbleibenden sieben Jahren bis zu Furtwänglers Tod mitgeschnitten hat. Zwar waren einzelne Aufnahmen schon früher unter anderen Labels im Umlauf, doch handelte es sich dabei meist um unlizensierte Mitschnitte von Rundfunkübertragungen von mehr als dürftiger Qualität. Für die neue, vom Deutschlandradio als Nachfolger des RIAS lizensierte Edition konnte Audite nun zum ersten Mal auf die originalen, mit 76 cm/s aufgenommenen Masterbänder zurückgreifen. Durch äußerst sorgfältiges Remastering, bei dem besonderer Wert darauf gelegt wurde, den Klang unverfälscht zu lassen und nicht etwa heutigen Hörgewohnheiten anzupassen, konnte eine bisher nicht für möglich gehaltene Klangqualität erzielt werden. Ebenso achtete man darauf, die originale Konzertreihenfolge weitestgehend beizubehalten und damit die jeweils zugrunde liegende Programmkonzeption nachvollziehbar
zu machen, auf die Habakuk Traber in seinem lesenswerten Begleittext eingeht.
Furtwängler starb 1954 im Alter von 68 Jahren. Denkt man an Kollegen wie Toscanini, Monteux, Klemperer oder Stokowski, die alle bis in ihr neuntes Lebensjahrzehnt hinein am Pult standen, zögert man, bei ihm von einem „Spätwerk“ zu sprechen – das furiose Finale von Beethovens Fünfter aus besagtem Konzert oder der atemberaubend gesteigerte Schlusssatz von Schuberts Neunter in der Aufnahme von 1953 klingen alles andere als altersweise oder abgeklärt. Doch wohnt all diesen Aufnahmen ein Moment der Konzentration inne, das ihnen den Rang eines außergewöhnlichen Vermächtnisses verleiht. Zum einen ist es die Konzentration auf ein Repertoire, das für Furtwängler den Kern abendländischer Musikkultur repräsentierte: Sinfonien von Beethoven, Schubert, Brahms und Bruckner. Dazu Wagner (Orchesterstücke aus „Tristan“, „Meistersinger“ und „Götterdämmerung“), Brahms’ „Haydn-Variationen“, Strauss’ „Don Juan“ sowie Ouvertüren von Gluck, Schubert, Schumann, Mendelssohn und Weber. Zum anderen ist es Furtwänglers leidenschaftliche Konzentration auf das, was für ihn den Gehalt des jeweiligen Werkes ausmachte, wobei er seine langjährige künstlerische Erfahrung einbrachte, sich aber auch ein Höchstmaß an Freiheit im Dienste der musikalischen Aussage gestattete.
Von besonderem Interesse sind die zeitgenössischen Werke, die Furtwänglers Kompetenz auch auf einem Terrain beweisen, das gemeinhin nicht mit seinem Namen assoziiert wird: die reizvolle „Concertante Musik“ von Boris Blacher, das Konzert für Orchester und die große Sinfonie „Die Harmonie der Welt“ von Paul Hindemith (mit dessen Verteidigung sich Furtwängler gegen die Kulturideologie der Nazis gestellt hatte) und das – hier als Erstveröffentlichung präsentierte – Violinkonzert von Wolfgang Fortner mit dem deutschen „Wundergeiger“ Gerhard Taschner. Als Bonus enthält die großzügig ausgestattete Box überdies eine CD mit Originaltonausschnitten eines Kolloquiums, bei dem sich Furtwängler am 27. Februar 1951 in der Berliner Musikhochschule den Fragen von Werner Egk und seinen Studenten stellte (weitere – eigentlich noch interessantere – Ausschnitte aus diesem Gespräch findet man im Internet unter www.audite.de).
Wie Furtwänglers Aufführungen eines Werkes bei gleichem Grundkonzept in ihrer äußeren Manifestation unterschiedlich ausfallen konnten, lässt sich anhand der Sinfonien drei, fünf und sechs von Beethoven, der dritten Brahms-Sinfonie und Schuberts „Unvollendeter“ studieren, die jeweils in zwei Versionen aus verschiedenen Jahren enthalten sind. Da meint man die wechselhaften Zeitläufte, die Spannung des Augenblicks, aber auch Einflüsse des jeweiligen Programmkontextes zu spüren. Ebenso lässt sich an diesen Live-Mitschnitten die Entwicklung ablesen, die die Aufnahmetechnik in diesen sieben Jahren genommen hat. So ist die Audite-Edition sowohl ein künstlerisches als auch ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges, was wohl nirgends deutlicher wird als im Mitschnitt von Furtwänglers zweitem Berliner Nachkriegskonzert im September 1947: Vor aller Welt setzte Yehudi Menuhin als erster jüdischer Musiker ein Zeichen und spielte unter Furtwänglers Leitung Beethovens Violinkonzert.