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Pizzicato

Rezension Pizzicato April 2009 | Guy Wagner | April 1, 2009 Die vielen Facetten des DFD

Man wusste es, und doch: Nicht immer war man mit den dithyrambischen Lobeshymnen zu Ehren von Dietrich Fischer-Dieskau einverstanden, zumal, wenn man an seine Affekt- und Effekthaschereien und Eitelkeiten während der letzten Periode seiner Auftritte zurückdenkt. Dennoch ist man sich einig, dass er ein Jahrhundertsänger, der Pionier der Liedkunst und ein Denkmal des Gestaltungsvermögens ist.

Nun kann man zudem den frühen Weg des Sängers anhand einer beachtenswerten CD-Reihe bei Audite nachvollziehen, und das kann die Bewunderung für Fischer-Dieskau nur noch steigern.

So nahm er sich schon 1952 der selten dargebotenen Arrangements schottischer, irischer, walisischer und britischer Volkslieder an, die Beethoven geschaffen hatte, und man kann das als eine Pioniertat werten. Dabei wurde eine üppige Besetzung benutzt. Als Begleiter hatte DFD den legendären Pianisten Michael Raucheisen, doch da kann man wohl nicht von einer echten Partnerschaft reden: Zu eigenwillig und grundverschieden sind die beiden Temperamente, und man muss bei Raucheisen entweder eine ziemliche Nonchalance oder aber ein derart forsches Vorgehen in der Begleitung feststellen, dass man sich fragen muss, wie ein Sänger da noch mithalten kann. Doch Fischer-Dieskau ließ sich auch damals schon nicht in die Ecke drücken. Er gestaltet die wechselnden Stimmungen der Lieder mit einer Virtuosität ohnegleichen, wobei der Humor und die Ausgelassenheit erfreulicherweise nicht zu kurz kommen.

Interessant ist auch die Mitwirkung des prächtigen RIAS-Kammerchores (Dirigent: Herbert Froitzheim), der Geigerin Grete Eweler-Froboese (Violine), der Cellistin Irmgard Poppen (Fischer-Dieskaus erste Ehefrau, die 1963 bei der Geburt ihres dritten Sohnes starb), sowie der Gesangspartner Ina-Elisabeth Brosow, Sopran, Ilse Siehl-Riedel, Alt, Fritz Bozetti, Tenor, und Carl Katz, Bariton. So entsteht eine abwechslungsreiche und lebendige Vorstellung von Beethovens interessanten Bearbeitungen. Natürlich merkt man der Einspielung ihr Alter an, doch es muss dazu gesagt werden, dass die Tontechniker die Digitalisierung mit viel Feingefühl verwirklicht haben, und wenn auch der Klang im allgemeinen eher dumpf erscheint, so kommt die Leuchtkraft und Ausdrucksintensität von Fischer-Dieskau doch sehr gut zur Geltung. So reicht diese CD über das Dokumentarische hinaus.
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Rezension Pizzicato April 2009 | Guy Wagner | April 1, 2009 Die vielen Facetten des DFD

Die vierte CD der Edition Fischer-Dieskau von Audite stellt eine Auswahl von 10 Liedern Beethovens und 11 Liedern von Brahms vor, die in denselben Jahren im Berliner RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) aufgenommen wurden, und eine Konstante verdeutlichen: die Stimme von Fischer-Dieskau ist sofort erkennbar, ist unverwechselbar und damit einmalig. Hier aber hatte sie noch die Frische und den Schmelz der Jugend und war von einer unglaublichen Schönheit und Abgerundetheit in allen Lagen. Erstaunlich ist allerdings die emotionale Charge, die der Sänger seinen Gestaltungen gibt. Dafür sollen das 'Mailied' und 'An die Hoffnung' von Beethoven, sowie 'Heimkehr' und 'Ständchen' von Brahms als Beispiele zitiert werden: Man entdeckt einen jungen Sänger, der risikofreudig der Liedgattung seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Hervorzuheben ist aber auch die wahre und tiefe Partnerschaft zwischen Fischer-Dieskau und der Pianistin Hertha Klust, die in eine Symbiose mit ihm eintritt und ihn zu Höchstleistungen anfeuert. Dieses wunderbare Wechselspiel, das erstaunlich gut eingefangen und 'remastered' (aufgemotzt) wurde, ist ein Erlebnis der besonderen Art.
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Rezension Pizzicato April 2009 | Guy Wagner | April 1, 2009 Die vielen Facetten des DFD

Und Hugo Wolf! Ihn begann Fischer-Dieskau mit gerade einmal 23 Jahren aufzunehmen. Wirft man demnach einen historischen Blick auf dieses Ereignis zurück, so darf man behaupten: Hier hat ein junger Sänger Musikgeschichte geschrieben! Anfang der 50er Jahre war die Bedeutung von Wolf als einer der wesentlichen Liedgestalter der Musikgeschichte noch nicht wirklich erkannt, ja, seine Komplexität und Vielschichtigkeit hielten viele davon ab, sich mit ihm auseinander zu setzen. Fischer-Dieskau aber wagte dies schon sehr früh und setzte den Komponisten durch. Diese CD mit 18 der 53 Lieder, die Wolf auf Gedichte von Eduard Mörike geschrieben hat, ist in ihrer Vielseitigkeit, ihrer Differenzierung und ihrer Wortgestaltung einzigartig.

Was DFD hier schafft, ist zuerst einmal eine vokale Leistung höchsten Ranges, und es fasziniert immer wieder zu hören, wie problemlos er von einem Register zum ändern wechselt, wie er Nuancierungen und Schattierungen einbringt und den verhaltenen aber tiefen Emotionen der Gedichte und ihrer Vertonung intensivsten Ausdruck verleiht. Wiederum bestätigt sich Hertha Klust als wunderbare Impulsgeberin und Partnerin, und diese Partnerschaft vermittelt ein Gefühl der Gemeinsamkeit, die aber erst die Intensität der Gestaltung ermöglicht. Die 'Peregrina'-Lieder, der 'Gesang Weylas', 'Wo find ich Trost' und 'Auf ein altes Bild' sollen für den beispielhaften Ausdrucksreichtum dieser Interpretationen herausgehoben werden, ohne dass jedoch die andern Deutungen abfielen. Im Gegenteil: Wir erleben eine Darstellung aus einem Guss, auch in 'Lebe wohl', wo Rudolf Wille der Begleiter des Sängers ist.
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Rezension Pizzicato April 2009 | Guy Wagner | April 1, 2009 Die vielen Facetten des DFD

Rudolf Wille ist ebenfalls der Begleiter Fischer-Dieskaus in fünf Goethe-Liedern von Hugo Wolf, den drei 'Gesängen des Harfners' und den beiden 'Cophtischen Liedern', und er macht seine Sache gut. Er hört mehr hin als dass er Impulse gibt, doch ist er in schönem Einklang mit dem Sänger, der hier eine seltene Intensität und Expressivität erreicht: Das ist Kunst auf höchster Ebene, und wen könnte man da noch zum Vergleich heranziehen?

Weniger überzeugt Walther Welsch als Pianist in drei geistlichen Liedern aus dem 'Spanischen Liederbuch', da er sich auf eine reine Begleitung beschränkt. Der Kontrast mit Hertha Klust, die wieder Fischer-Dieskaus Partnerin in 11 der 'weltlichen' Lieder aus dem 'Spanischen Liederbuch' ist, wirkt demnach umso stärker. Wie hier jedes Detail, jede Pause, jede emotionale Nuance ausgearbeitet worden sind, ohne dass das große Ganze vernachlässigt wurde, das ist und bleibt einmalig, und auch wenn wir es noch nicht mit Hi-Fi zu tun haben und die Aufnahme recht dumpf klingt, so ist sie maßstäblich.

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