„Eines langen Tages Reise in die Nacht“: Für den krönenden Schlussstein ihrer vielgerühmten Gesamteinspielung aller Schostakowitsch-Streichquartette haben sich die Musiker des Mandelring Quartetts die düstersten, „existentialistischsten“ unter Schostakowitschs späten Quartetten aufgehoben, vom Klage-Gesang des Quartetts Nr. 11 f-Moll von 1966 über das monumentale, einsätzige b-Moll-Quartett aus dem Jahr 1970 bis zu jenem Verlöschen in sechs Adagio-Sätzen und unter der niederdrückenden Last der sechs B's der Tonart es-Moll im 15. und letzten Streichquartett von 1974, aus dem Jahr vor Schostakowitschs Tod.
Eine durch die Tonarten-Verwandschaft noch zwingender erscheinende, verdichtende Zusammenstellung, die als eine einzige, weitausholende Meditation über Sinn und Wesen des menschlichen Lebens und Sinn und Wesen des Todes verstanden werden könnte – wenn man es denn ertrüge, die ganze CD mit in einem Stück durchzuhören. Doch Schostakowitschs Trauer, Verzweiflung, Aufbegehren lassen den Konsum in kleineren Dosen ratsamer erscheinen, zumindest wenn sie so kompromisslos, so aufwühlend, so alptraumhaft ausgedrückt werden wie in dieser Aufnahme. So aber zeichnet das Mandelring Quartett, technisch vollkommen souverän und unterstützt von einer ausgezeichneten, plastisch-transparenten Klangregie, eine ungeschönte, fahle Welt-Abschieds-Musik, deren emotional-musikalischer Nuancenreichtum von poetisch zartem Flüstern bis zu Klängen von der Anmutung und dem Verletzungspotential splitternden Eises reicht. Oft nicht „schön“ in einem klassischen Sinne, aber unter die Haut gehend, und das muss so sein.
„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, schreibt Albert Camus: Bei den Mandelrings scheint Schostakowitschs späte Musik, gesättigt mit Trauer und Aufbegehren wie sie ist, manchmal über Trauer und Angst hinauszuwachsen und nur noch desillusioniertes, hellwaches Schauen zu sein – eine Art „atheistische Transzendenz“ und vielleicht eine diskutierenswerte Haltung zum menschlichen Leben. Dem Mandelring Quartett aber bleibt das Verdienst, von einem der größten Quartett-Zyklen des 20. Jahrhunderts eine neue Referenz-Aufnahme vorgelegt zu haben.