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DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton

Rezension DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton Sonntag, 6. Juni | Kirsten Liese | June 6, 2010 „Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von...

„Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von Dietrich Fischer-Dieskau

[Musik1 Brahms: „Geheimnis“. Op.71, Audite. Nr: 95.635, Track 7 [1’58]]

Es dürfte kaum ein anderer Sänger eine vergleichbar umfangreiche Diskographie vorzuweisen haben. Anlässlich seines 85. Geburtstag haben einige Plattenlabels zahlreiche Aufnahmen neu aufgelegt. Und noch immer finden sich selten gehörte Schätze mit Dietrich Fischer-Dieskau in Rundfunkarchiven, die noch nicht auf CD erschienen sind. Wer hätte gedacht, dass der Bariton 1981 mit Aribert Reimann am Flügel beim damaligen Sender Freies Berlin 17 Lieder von Tschaikowsky einstudierte, dazu im Original in russischer Sprache?

[Musik2 Tschaikowsky. „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb“, Archivaufnahme des RBB, Anfang [1’52]]

Dietrich Fischer-Dieskau und Aribert Reimann mit den Liedern „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb’“ und „Serenade des Don Juan“ von Peter Tschaikowsky. Wenn der Berliner heute auf sein reiches Schaffen zurückblickt, erinnert er sich gerne an diese Aufnahmen. Dabei wundert es ihn kaum, dass er als Interpret russischer Lieder schon damals kaum wahrgenommen wurde:

[O-Ton1 Dieskau]
„Das ist der Wahn, dass nur das Originale, also nur die russische Kehle so etwas machen kann und meistens können die russischen Kehlen nichts Anderes als Fehler.“

Auf Anna Netrebko, die kürzlich mit Daniel Barenboim Lieder von Tschaikowsky und Rimsky-Korssakow auf CD herausgebracht hat, bezieht sich dieses harsche Urteil der Fehlerhaftigkeit nicht, aber kritisch beurteilt Dieskau die russische Starsopranistin durchaus:

[O-Ton2 Dieskau]
„Wenn ich mich hinstelle und singe ein paar schöne Töne, wie das Frau Netrebko oft mal macht, schöne Legatophrasen und so weiter - alles perfekt. Nur leider, leider fehlt der Geist dahinter. Und das ist eine Voraussetzung, die der Musik selbst nicht gerecht wird, da würde auch Herr Puccini sich wahrscheinlich beschweren. Denn er war ja doch ein Mensch, der sehr stark auf Ausdruck aus war und es in den verschiedensten Formen ausgeprägt hat innerhalb seines Werkes, immer wieder neu.“

Fischer-Dieskau selbst hat diesen hohen Anspruch mit seinen eindrücklichen Interpretationen beispielhaft umgesetzt. Er war einer der wenigen deutschen Sänger seiner Generation, die sich mit dem italienischen Fach international erfolgreich behaupten konnten. Zwar hat Puccini nur wenige große Partien für Bariton geschrieben, aber die wichtigsten darunter hat Fischer-Dieskau in sein reiches Repertoire aufgenommen: den Scarpia in „Tosca“, den Marcello in „La Bohème“ sowie den Marcel in „Il tabarro“– Der Mantel.

Als 1973 die Proben zu dem Einakter „Der Mantel“ an der Bayerischen Staatsoper begannen, da war dies zugleich Fischer-Dieskaus erste Begegnung mit der Sopranistin Julia Varady, die er wenige Jahre später in vierter Ehe heiratete. Auf der Bühne traten sie schon als Ehepaar in Erscheinung: Julia Varady verkörperte Georgette, die Frau des Schleppkahnbesitzers Marcel, die ihren Mann in rasende Eifersucht treibt, als sie sich offen dem Löscher Henri zuwendet. Das düstere, hoch emotionale Stück gab seinen Teil dazu, dass die beiden Sänger privat einander näher kamen. Julia Varady fühlte sich stark zu dem Bariton hingezogen, so dass sie ihre Rolle entsprechend anlegte: Ihre Georgette betrog Marcel nur, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fischer-Dieskau resümierte später mit leichter Selbstironie, seine Werbungen um die blonde Partnerin seien wohl im Ausdruck etwas über Puccinis Vehemenz hinausgegangen.

[Musik3 Puccini, aus „der Mantel“: „Warum liebst du mich nicht mehr?“, Orfeo. Nr: 463 971, LC 8175, Track9, DVD Track 14 [3’24]]

Fischer-Dieskau war sich wohl bewusst, dass Sängerehen oftmals an Neid- oder Rivalitätsgefühlen zerbrechen:

[O-Ton3Dieskau]
„Ich habe … mich davor gescheut, mit einer Sängerin auch nur näher anzubandeln- nein! Aber es war so anders, wir ergänzen uns auf eine ideale Art und Weise. Sie bringt in ihren Unterricht das ein, was ich –in meinem Alter aber auch sonst – nicht so gut einbringen kann. Und das ist einfach wunderschön. Wenn zwei in derselben Richtung arbeiten, in verschiedenen Essenzen in die Sphären eindringen und wirklich da was zu sagen haben, dann ist das was Besonderes. Natürlich ist das nicht bei allen Sängerpaaren so.“

Viele Male standen Fischer-Dieskau und Julia Varady gemeinsam auf der Opernbühne, zum Beispiel in Mozarts „Figaro“, in Richard Strauss’ „Arabella“, in Wagners „Meistersingern“ oder in Aribert Reimanns „Lear“.

Heute geht Fischer-Dieskau zwar kaum noch in die Oper, weil er sich nicht über Regisseure ärgern will, die die Handlung mit der Brechstange in die Gegenwart katapultieren, verhunzen und entstellen. Aber über das aktuelle Konzertleben ist der wechselweise in Berlin und München residierende Künstler gut im Bilde. Mit großem Unmut und mit Sorge beobachtet er, dass heute Künstleragenten Karrieren schmieden, junge Sänger vermarkten und verheizen. Damals war das zum Glück ganz anders, sagt er.

[O-Ton4 Dieskau]
„Ich kann mich nicht besinnen in meinem Leben außer im allerersten Jahr überhaupt mit einem Agenten Berührung gehabt zu haben. Später nicht mehr. Und es lohnt sich auch nicht, weil die Agenten haben ihre Interessen und ihre Quellen, mit denen sie Geld zu bekommen trachten. Und das ist alles nicht Aufgabe der Kunst. Wir müssen unabhängig vom Geld denken.“

Als einen der bedeutendsten Liedersänger des vergangenen Jahrhunderts schmerzt es Fischer-Dieskau vor allem sehr, erleben zu müssen, dass Liederabende im Konzertleben immer rarer werden. Wann steht schon einmal das „Spanische Liederbuch“ von Hugo Wolf auf dem Programm?
[O-Ton5 Dieskau]
Vergessen und verloren, kaputt! Kein Mensch kennt es mehr!

[Musik4 Hugo Wolf: „Nun bin ich dein“. Aus dem Spanischen Liederbuch. Deutsche Grammphon. Nr: 000289 457 7262 2. LC 0173. CD1, Track1 [4’14]]

„Nun bin ich dein“ aus dem Spanischen Liederbuch von Hugo Wolf. Fischer-Dieskau wurde am Flügel begleitet von Gerald Moore.
Seine Interpretationskunst, die zunehmend intellektueller und expressiver wurde, war stilbildend für ganze Generationen von Sängern. Dieskau erneuerte als einer der Ersten nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellung vom Liedgesang: Weg vom reinen sinnlichen, schmelzenden Stil des Belcantogesangs hin zu einem am Text orientierten ausdrucksstarken Vortrag.

Wird nun eine namhafte Kapazität wie Thomas Quasthoff, der als Liedersänger zu den erfolgreichsten des 21. Jahrhunderts zählt, Dieskaus hohen Ansprüchen noch gerecht?

[O-Ton6 Dieskau]
„Es fehlt mir, wenn ich ihn höre, eine Proportion dahinter, hinter den Tönen, hinter dem Text, die genauso wichtig ist für den Vortrag von Liedern wie das, was erklingt. Nun ist das bei ihm ein Sonderfall und man kann das nicht unbedingt vergleichen. Was er daraus gemacht hat, ist enorm und seine Stimme ist wunderschön und wäre ich in der Lage, ihm so etwas beizubringen, würde ich das unternehmen. Aber er will das natürlich nicht.“

Bekannte Zyklen von Schubert und Schumann wie „Die Winterreise“, ,„Die schöne Müllerin“ oder „Dichterliebe“ hat Fischer-Dieskau über Jahrzehnte hin mehrfach mit verschiedensten Pianisten vorgetragen. Daneben nahm er aber auch deutsche Kunstlieder von Max Reger, Hans Pfitzner oder Paul Hindemith auf, die schon in den 1960er und -70er Jahren zum Randrepertoire gehörten.

Hindemith zählt neben Arnold Schönberg und Alban Berg zu den Modernisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit denen sich Fischer-Dieskau ausgiebig beschäftigt hat. Er war als „Mathis der Maler“ und „Cardillac“ zu erleben, - zwei Opern, denen er mit seinem Einsatz zu größerer Bekanntheit verhalf. Ferner studierte er auch Hindemiths kaum bekannte Lieder ein. Eines davon trägt den Titel „In ewigen Verwandlungen“.

[Musik5 Hindemith: „In ewigen Verwandlungen“, Audite. 95.637, Track 10 [3’01]]

Fischer-Dieskau war als Sänger stets aufgeschlossen für die Komponisten seiner Zeit, inspirierte auch einige Komponisten für ihn zu schreiben, etwa seinen langjährigen Freund Aribert Reimann, der ihm seine Oper „Lear“ widmete. Doch wusste er auch stets die Spreu vom Weizen zu trennen:

[O-Ton7 Dieskau]
„Was nützt es uns, wenn vier fünf, sechs, sieben, acht oder neun Mal dasselbe in Grün oder Rot oder Rosa Interpretieren? Wir müssen finden Originales. Und wer sich hinsetzt und komponiert Kunstmusik, der hat gefälligst etwas ganz Originales zu leisten, was eben noch nicht da war. Und vor diesem Neuen schrecken nicht nur die meisten Komponisten zurück, sondern sie haben auch nicht die Fähigkeit, es zu machen. Sie imitieren an allen möglichen Ecken und Enden anderer Leute, und das ist von … der atonalen Musik angerechnet, … eine Musik…, die sich weder ein Mensch merken noch ein Mensch mit Genuss hören kann.“

Apropos Imitation: Der 85-jährige Fischer-Dieskau beobachtet, dass auch junge Sängerkollegen heute oftmals weniger eine eigene Persönlichkeit ausbilden als vielmehr der Versuchung erliegen, über das Hören von CDs berühmte Kollegen nachzuahmen.

[O-Ton8 Dieskau]
„Ich denke nur an Gerhaher, der mit meinen Platten reist und sich jede Note anhört und genau nachmacht, es versucht, er kann es ja nicht. Er hat eine andere Stimme, hat ein anderes Wesen, ist ganz ein anderer Mensch, das kann man nicht einfach so austauschen. … Natürlich kann eine gute CD helfen, schneller zu einem Ziel zu gelangen, aber alleinig sollte sie nicht sein. Sie sollte schon im eigenen Wesen, in der eigenen Forschungsarbeit, in der eigenen Lektüre, mit dem eigenen Ohr gestaltet sein, sonst kommt nichts Originelles dabei heraus.“

Fischer-Dieskaus Plattenkarriere begann zu einer Zeit, als es sich die Plattenindustrie noch leisten konnte, Studioaufnahmen zu produzieren, die heute – vor allem im Bereich der Oper – stark zurückgegangen sind. Wie beurteilt nun er, der viel Erfahrene, die Möglichkeiten der Studioaufnahmen im Vergleich zum heute bevorzugten Live-Mitschnitt?

[O-Ton9 Dieskau]
„Der Vorteil einer Studioaufnahme ist, dass es das Arbeitsmaterial in Reinkultur wiedergibt, das zur Zeit der Aufnahmen die Dirigenten, Pianisten, Sänger … beseelt hat, und er kann das übertragen. Es gibt aber Naturen, die sind so beengt durch die Aufnahmebedingungen, dass sie gar nicht zur Interpretation kommen. Sie kriegen Angst vor den Mikrofonen, haben Angst vor den Räumen, sie schauen in die Höhe und sehen die von der Decke hängenden Mikrofone und denken, das kann ja gar nicht gut gehen. Das kann mich nicht wiedergeben. Kann es doch ganz gut.“

1993 beendete Dietrich Fischer-Dieskau seine aktive Sängerkarriere und widmete sich fortan verstärkt anderen künstlerischen Aufgaben, dem Dirigieren, Malen und Schreiben von Büchern sowie der Ausbildung junger Sänger an der Berliner Musikhochschule.

Mittlerweile hat er sich als Lehrer rar gemacht, nur dann und wann gibt er nochmal eine Meisterklasse. Als Autor aber hat er noch Einiges vor. Sein jüngstes Buch will er der Gattung Lied widmen. – Ein letzter Versuch, die Gattung vor dem Sterben zu bewahren.

[O-Ton10 Dieskau]
„Ich will wieder mal etwas nur über das Lied, nicht geschichtlich, sondern über das Wesen all der großen Liedkomponisten – es sind ja gar nicht viele – aufschreiben, in einer Sprache, die nicht wissenschaftlich ist, sondern die gelesen werden kann. Vielleicht kann man dann fürs Lied etwas tun, aber ich bin etwas skeptisch.“

[Musik6 Schumann: „Zwielicht“, Audite 95.582, Track 22 [3’01]]
DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton

Rezension DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton Sonntag, 6. Juni | Kirsten Liese | June 6, 2010 „Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von...

„Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von Dietrich Fischer-Dieskau

[Musik1 Brahms: „Geheimnis“. Op.71, Audite. Nr: 95.635, Track 7 [1’58]]

Es dürfte kaum ein anderer Sänger eine vergleichbar umfangreiche Diskographie vorzuweisen haben. Anlässlich seines 85. Geburtstag haben einige Plattenlabels zahlreiche Aufnahmen neu aufgelegt. Und noch immer finden sich selten gehörte Schätze mit Dietrich Fischer-Dieskau in Rundfunkarchiven, die noch nicht auf CD erschienen sind. Wer hätte gedacht, dass der Bariton 1981 mit Aribert Reimann am Flügel beim damaligen Sender Freies Berlin 17 Lieder von Tschaikowsky einstudierte, dazu im Original in russischer Sprache?

[Musik2 Tschaikowsky. „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb“, Archivaufnahme des RBB, Anfang [1’52]]

Dietrich Fischer-Dieskau und Aribert Reimann mit den Liedern „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb’“ und „Serenade des Don Juan“ von Peter Tschaikowsky. Wenn der Berliner heute auf sein reiches Schaffen zurückblickt, erinnert er sich gerne an diese Aufnahmen. Dabei wundert es ihn kaum, dass er als Interpret russischer Lieder schon damals kaum wahrgenommen wurde:

[O-Ton1 Dieskau]
„Das ist der Wahn, dass nur das Originale, also nur die russische Kehle so etwas machen kann und meistens können die russischen Kehlen nichts Anderes als Fehler.“

Auf Anna Netrebko, die kürzlich mit Daniel Barenboim Lieder von Tschaikowsky und Rimsky-Korssakow auf CD herausgebracht hat, bezieht sich dieses harsche Urteil der Fehlerhaftigkeit nicht, aber kritisch beurteilt Dieskau die russische Starsopranistin durchaus:

[O-Ton2 Dieskau]
„Wenn ich mich hinstelle und singe ein paar schöne Töne, wie das Frau Netrebko oft mal macht, schöne Legatophrasen und so weiter - alles perfekt. Nur leider, leider fehlt der Geist dahinter. Und das ist eine Voraussetzung, die der Musik selbst nicht gerecht wird, da würde auch Herr Puccini sich wahrscheinlich beschweren. Denn er war ja doch ein Mensch, der sehr stark auf Ausdruck aus war und es in den verschiedensten Formen ausgeprägt hat innerhalb seines Werkes, immer wieder neu.“

Fischer-Dieskau selbst hat diesen hohen Anspruch mit seinen eindrücklichen Interpretationen beispielhaft umgesetzt. Er war einer der wenigen deutschen Sänger seiner Generation, die sich mit dem italienischen Fach international erfolgreich behaupten konnten. Zwar hat Puccini nur wenige große Partien für Bariton geschrieben, aber die wichtigsten darunter hat Fischer-Dieskau in sein reiches Repertoire aufgenommen: den Scarpia in „Tosca“, den Marcello in „La Bohème“ sowie den Marcel in „Il tabarro“– Der Mantel.

Als 1973 die Proben zu dem Einakter „Der Mantel“ an der Bayerischen Staatsoper begannen, da war dies zugleich Fischer-Dieskaus erste Begegnung mit der Sopranistin Julia Varady, die er wenige Jahre später in vierter Ehe heiratete. Auf der Bühne traten sie schon als Ehepaar in Erscheinung: Julia Varady verkörperte Georgette, die Frau des Schleppkahnbesitzers Marcel, die ihren Mann in rasende Eifersucht treibt, als sie sich offen dem Löscher Henri zuwendet. Das düstere, hoch emotionale Stück gab seinen Teil dazu, dass die beiden Sänger privat einander näher kamen. Julia Varady fühlte sich stark zu dem Bariton hingezogen, so dass sie ihre Rolle entsprechend anlegte: Ihre Georgette betrog Marcel nur, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fischer-Dieskau resümierte später mit leichter Selbstironie, seine Werbungen um die blonde Partnerin seien wohl im Ausdruck etwas über Puccinis Vehemenz hinausgegangen.

[Musik3 Puccini, aus „der Mantel“: „Warum liebst du mich nicht mehr?“, Orfeo. Nr: 463 971, LC 8175, Track9, DVD Track 14 [3’24]]

Fischer-Dieskau war sich wohl bewusst, dass Sängerehen oftmals an Neid- oder Rivalitätsgefühlen zerbrechen:

[O-Ton3Dieskau]
„Ich habe … mich davor gescheut, mit einer Sängerin auch nur näher anzubandeln- nein! Aber es war so anders, wir ergänzen uns auf eine ideale Art und Weise. Sie bringt in ihren Unterricht das ein, was ich –in meinem Alter aber auch sonst – nicht so gut einbringen kann. Und das ist einfach wunderschön. Wenn zwei in derselben Richtung arbeiten, in verschiedenen Essenzen in die Sphären eindringen und wirklich da was zu sagen haben, dann ist das was Besonderes. Natürlich ist das nicht bei allen Sängerpaaren so.“

Viele Male standen Fischer-Dieskau und Julia Varady gemeinsam auf der Opernbühne, zum Beispiel in Mozarts „Figaro“, in Richard Strauss’ „Arabella“, in Wagners „Meistersingern“ oder in Aribert Reimanns „Lear“.

Heute geht Fischer-Dieskau zwar kaum noch in die Oper, weil er sich nicht über Regisseure ärgern will, die die Handlung mit der Brechstange in die Gegenwart katapultieren, verhunzen und entstellen. Aber über das aktuelle Konzertleben ist der wechselweise in Berlin und München residierende Künstler gut im Bilde. Mit großem Unmut und mit Sorge beobachtet er, dass heute Künstleragenten Karrieren schmieden, junge Sänger vermarkten und verheizen. Damals war das zum Glück ganz anders, sagt er.

[O-Ton4 Dieskau]
„Ich kann mich nicht besinnen in meinem Leben außer im allerersten Jahr überhaupt mit einem Agenten Berührung gehabt zu haben. Später nicht mehr. Und es lohnt sich auch nicht, weil die Agenten haben ihre Interessen und ihre Quellen, mit denen sie Geld zu bekommen trachten. Und das ist alles nicht Aufgabe der Kunst. Wir müssen unabhängig vom Geld denken.“

Als einen der bedeutendsten Liedersänger des vergangenen Jahrhunderts schmerzt es Fischer-Dieskau vor allem sehr, erleben zu müssen, dass Liederabende im Konzertleben immer rarer werden. Wann steht schon einmal das „Spanische Liederbuch“ von Hugo Wolf auf dem Programm?
[O-Ton5 Dieskau]
Vergessen und verloren, kaputt! Kein Mensch kennt es mehr!

[Musik4 Hugo Wolf: „Nun bin ich dein“. Aus dem Spanischen Liederbuch. Deutsche Grammphon. Nr: 000289 457 7262 2. LC 0173. CD1, Track1 [4’14]]

„Nun bin ich dein“ aus dem Spanischen Liederbuch von Hugo Wolf. Fischer-Dieskau wurde am Flügel begleitet von Gerald Moore.
Seine Interpretationskunst, die zunehmend intellektueller und expressiver wurde, war stilbildend für ganze Generationen von Sängern. Dieskau erneuerte als einer der Ersten nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellung vom Liedgesang: Weg vom reinen sinnlichen, schmelzenden Stil des Belcantogesangs hin zu einem am Text orientierten ausdrucksstarken Vortrag.

Wird nun eine namhafte Kapazität wie Thomas Quasthoff, der als Liedersänger zu den erfolgreichsten des 21. Jahrhunderts zählt, Dieskaus hohen Ansprüchen noch gerecht?

[O-Ton6 Dieskau]
„Es fehlt mir, wenn ich ihn höre, eine Proportion dahinter, hinter den Tönen, hinter dem Text, die genauso wichtig ist für den Vortrag von Liedern wie das, was erklingt. Nun ist das bei ihm ein Sonderfall und man kann das nicht unbedingt vergleichen. Was er daraus gemacht hat, ist enorm und seine Stimme ist wunderschön und wäre ich in der Lage, ihm so etwas beizubringen, würde ich das unternehmen. Aber er will das natürlich nicht.“

Bekannte Zyklen von Schubert und Schumann wie „Die Winterreise“, ,„Die schöne Müllerin“ oder „Dichterliebe“ hat Fischer-Dieskau über Jahrzehnte hin mehrfach mit verschiedensten Pianisten vorgetragen. Daneben nahm er aber auch deutsche Kunstlieder von Max Reger, Hans Pfitzner oder Paul Hindemith auf, die schon in den 1960er und -70er Jahren zum Randrepertoire gehörten.

Hindemith zählt neben Arnold Schönberg und Alban Berg zu den Modernisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit denen sich Fischer-Dieskau ausgiebig beschäftigt hat. Er war als „Mathis der Maler“ und „Cardillac“ zu erleben, - zwei Opern, denen er mit seinem Einsatz zu größerer Bekanntheit verhalf. Ferner studierte er auch Hindemiths kaum bekannte Lieder ein. Eines davon trägt den Titel „In ewigen Verwandlungen“.

[Musik5 Hindemith: „In ewigen Verwandlungen“, Audite. 95.637, Track 10 [3’01]]

Fischer-Dieskau war als Sänger stets aufgeschlossen für die Komponisten seiner Zeit, inspirierte auch einige Komponisten für ihn zu schreiben, etwa seinen langjährigen Freund Aribert Reimann, der ihm seine Oper „Lear“ widmete. Doch wusste er auch stets die Spreu vom Weizen zu trennen:

[O-Ton7 Dieskau]
„Was nützt es uns, wenn vier fünf, sechs, sieben, acht oder neun Mal dasselbe in Grün oder Rot oder Rosa Interpretieren? Wir müssen finden Originales. Und wer sich hinsetzt und komponiert Kunstmusik, der hat gefälligst etwas ganz Originales zu leisten, was eben noch nicht da war. Und vor diesem Neuen schrecken nicht nur die meisten Komponisten zurück, sondern sie haben auch nicht die Fähigkeit, es zu machen. Sie imitieren an allen möglichen Ecken und Enden anderer Leute, und das ist von … der atonalen Musik angerechnet, … eine Musik…, die sich weder ein Mensch merken noch ein Mensch mit Genuss hören kann.“

Apropos Imitation: Der 85-jährige Fischer-Dieskau beobachtet, dass auch junge Sängerkollegen heute oftmals weniger eine eigene Persönlichkeit ausbilden als vielmehr der Versuchung erliegen, über das Hören von CDs berühmte Kollegen nachzuahmen.

[O-Ton8 Dieskau]
„Ich denke nur an Gerhaher, der mit meinen Platten reist und sich jede Note anhört und genau nachmacht, es versucht, er kann es ja nicht. Er hat eine andere Stimme, hat ein anderes Wesen, ist ganz ein anderer Mensch, das kann man nicht einfach so austauschen. … Natürlich kann eine gute CD helfen, schneller zu einem Ziel zu gelangen, aber alleinig sollte sie nicht sein. Sie sollte schon im eigenen Wesen, in der eigenen Forschungsarbeit, in der eigenen Lektüre, mit dem eigenen Ohr gestaltet sein, sonst kommt nichts Originelles dabei heraus.“

Fischer-Dieskaus Plattenkarriere begann zu einer Zeit, als es sich die Plattenindustrie noch leisten konnte, Studioaufnahmen zu produzieren, die heute – vor allem im Bereich der Oper – stark zurückgegangen sind. Wie beurteilt nun er, der viel Erfahrene, die Möglichkeiten der Studioaufnahmen im Vergleich zum heute bevorzugten Live-Mitschnitt?

[O-Ton9 Dieskau]
„Der Vorteil einer Studioaufnahme ist, dass es das Arbeitsmaterial in Reinkultur wiedergibt, das zur Zeit der Aufnahmen die Dirigenten, Pianisten, Sänger … beseelt hat, und er kann das übertragen. Es gibt aber Naturen, die sind so beengt durch die Aufnahmebedingungen, dass sie gar nicht zur Interpretation kommen. Sie kriegen Angst vor den Mikrofonen, haben Angst vor den Räumen, sie schauen in die Höhe und sehen die von der Decke hängenden Mikrofone und denken, das kann ja gar nicht gut gehen. Das kann mich nicht wiedergeben. Kann es doch ganz gut.“

1993 beendete Dietrich Fischer-Dieskau seine aktive Sängerkarriere und widmete sich fortan verstärkt anderen künstlerischen Aufgaben, dem Dirigieren, Malen und Schreiben von Büchern sowie der Ausbildung junger Sänger an der Berliner Musikhochschule.

Mittlerweile hat er sich als Lehrer rar gemacht, nur dann und wann gibt er nochmal eine Meisterklasse. Als Autor aber hat er noch Einiges vor. Sein jüngstes Buch will er der Gattung Lied widmen. – Ein letzter Versuch, die Gattung vor dem Sterben zu bewahren.

[O-Ton10 Dieskau]
„Ich will wieder mal etwas nur über das Lied, nicht geschichtlich, sondern über das Wesen all der großen Liedkomponisten – es sind ja gar nicht viele – aufschreiben, in einer Sprache, die nicht wissenschaftlich ist, sondern die gelesen werden kann. Vielleicht kann man dann fürs Lied etwas tun, aber ich bin etwas skeptisch.“

[Musik6 Schumann: „Zwielicht“, Audite 95.582, Track 22 [3’01]]
DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton

Rezension DeutschlandRadio Kultur - Radiofeuilleton Sonntag, 6. Juni | Kirsten Liese | June 6, 2010 „Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von...

„Damals wurden wir zum Glück nicht vermarktet“ – Zum 85. Geburtstag von Dietrich Fischer-Dieskau

[Musik1 Brahms: „Geheimnis“. Op.71, Audite. Nr: 95.635, Track 7 [1’58]]

Es dürfte kaum ein anderer Sänger eine vergleichbar umfangreiche Diskographie vorzuweisen haben. Anlässlich seines 85. Geburtstag haben einige Plattenlabels zahlreiche Aufnahmen neu aufgelegt. Und noch immer finden sich selten gehörte Schätze mit Dietrich Fischer-Dieskau in Rundfunkarchiven, die noch nicht auf CD erschienen sind. Wer hätte gedacht, dass der Bariton 1981 mit Aribert Reimann am Flügel beim damaligen Sender Freies Berlin 17 Lieder von Tschaikowsky einstudierte, dazu im Original in russischer Sprache?

[Musik2 Tschaikowsky. „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb“, Archivaufnahme des RBB, Anfang [1’52]]

Dietrich Fischer-Dieskau und Aribert Reimann mit den Liedern „Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb’“ und „Serenade des Don Juan“ von Peter Tschaikowsky. Wenn der Berliner heute auf sein reiches Schaffen zurückblickt, erinnert er sich gerne an diese Aufnahmen. Dabei wundert es ihn kaum, dass er als Interpret russischer Lieder schon damals kaum wahrgenommen wurde:

[O-Ton1 Dieskau]
„Das ist der Wahn, dass nur das Originale, also nur die russische Kehle so etwas machen kann und meistens können die russischen Kehlen nichts Anderes als Fehler.“

Auf Anna Netrebko, die kürzlich mit Daniel Barenboim Lieder von Tschaikowsky und Rimsky-Korssakow auf CD herausgebracht hat, bezieht sich dieses harsche Urteil der Fehlerhaftigkeit nicht, aber kritisch beurteilt Dieskau die russische Starsopranistin durchaus:

[O-Ton2 Dieskau]
„Wenn ich mich hinstelle und singe ein paar schöne Töne, wie das Frau Netrebko oft mal macht, schöne Legatophrasen und so weiter - alles perfekt. Nur leider, leider fehlt der Geist dahinter. Und das ist eine Voraussetzung, die der Musik selbst nicht gerecht wird, da würde auch Herr Puccini sich wahrscheinlich beschweren. Denn er war ja doch ein Mensch, der sehr stark auf Ausdruck aus war und es in den verschiedensten Formen ausgeprägt hat innerhalb seines Werkes, immer wieder neu.“

Fischer-Dieskau selbst hat diesen hohen Anspruch mit seinen eindrücklichen Interpretationen beispielhaft umgesetzt. Er war einer der wenigen deutschen Sänger seiner Generation, die sich mit dem italienischen Fach international erfolgreich behaupten konnten. Zwar hat Puccini nur wenige große Partien für Bariton geschrieben, aber die wichtigsten darunter hat Fischer-Dieskau in sein reiches Repertoire aufgenommen: den Scarpia in „Tosca“, den Marcello in „La Bohème“ sowie den Marcel in „Il tabarro“– Der Mantel.

Als 1973 die Proben zu dem Einakter „Der Mantel“ an der Bayerischen Staatsoper begannen, da war dies zugleich Fischer-Dieskaus erste Begegnung mit der Sopranistin Julia Varady, die er wenige Jahre später in vierter Ehe heiratete. Auf der Bühne traten sie schon als Ehepaar in Erscheinung: Julia Varady verkörperte Georgette, die Frau des Schleppkahnbesitzers Marcel, die ihren Mann in rasende Eifersucht treibt, als sie sich offen dem Löscher Henri zuwendet. Das düstere, hoch emotionale Stück gab seinen Teil dazu, dass die beiden Sänger privat einander näher kamen. Julia Varady fühlte sich stark zu dem Bariton hingezogen, so dass sie ihre Rolle entsprechend anlegte: Ihre Georgette betrog Marcel nur, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fischer-Dieskau resümierte später mit leichter Selbstironie, seine Werbungen um die blonde Partnerin seien wohl im Ausdruck etwas über Puccinis Vehemenz hinausgegangen.

[Musik3 Puccini, aus „der Mantel“: „Warum liebst du mich nicht mehr?“, Orfeo. Nr: 463 971, LC 8175, Track9, DVD Track 14 [3’24]]

Fischer-Dieskau war sich wohl bewusst, dass Sängerehen oftmals an Neid- oder Rivalitätsgefühlen zerbrechen:

[O-Ton3Dieskau]
„Ich habe … mich davor gescheut, mit einer Sängerin auch nur näher anzubandeln- nein! Aber es war so anders, wir ergänzen uns auf eine ideale Art und Weise. Sie bringt in ihren Unterricht das ein, was ich –in meinem Alter aber auch sonst – nicht so gut einbringen kann. Und das ist einfach wunderschön. Wenn zwei in derselben Richtung arbeiten, in verschiedenen Essenzen in die Sphären eindringen und wirklich da was zu sagen haben, dann ist das was Besonderes. Natürlich ist das nicht bei allen Sängerpaaren so.“

Viele Male standen Fischer-Dieskau und Julia Varady gemeinsam auf der Opernbühne, zum Beispiel in Mozarts „Figaro“, in Richard Strauss’ „Arabella“, in Wagners „Meistersingern“ oder in Aribert Reimanns „Lear“.

Heute geht Fischer-Dieskau zwar kaum noch in die Oper, weil er sich nicht über Regisseure ärgern will, die die Handlung mit der Brechstange in die Gegenwart katapultieren, verhunzen und entstellen. Aber über das aktuelle Konzertleben ist der wechselweise in Berlin und München residierende Künstler gut im Bilde. Mit großem Unmut und mit Sorge beobachtet er, dass heute Künstleragenten Karrieren schmieden, junge Sänger vermarkten und verheizen. Damals war das zum Glück ganz anders, sagt er.

[O-Ton4 Dieskau]
„Ich kann mich nicht besinnen in meinem Leben außer im allerersten Jahr überhaupt mit einem Agenten Berührung gehabt zu haben. Später nicht mehr. Und es lohnt sich auch nicht, weil die Agenten haben ihre Interessen und ihre Quellen, mit denen sie Geld zu bekommen trachten. Und das ist alles nicht Aufgabe der Kunst. Wir müssen unabhängig vom Geld denken.“

Als einen der bedeutendsten Liedersänger des vergangenen Jahrhunderts schmerzt es Fischer-Dieskau vor allem sehr, erleben zu müssen, dass Liederabende im Konzertleben immer rarer werden. Wann steht schon einmal das „Spanische Liederbuch“ von Hugo Wolf auf dem Programm?
[O-Ton5 Dieskau]
Vergessen und verloren, kaputt! Kein Mensch kennt es mehr!

[Musik4 Hugo Wolf: „Nun bin ich dein“. Aus dem Spanischen Liederbuch. Deutsche Grammphon. Nr: 000289 457 7262 2. LC 0173. CD1, Track1 [4’14]]

„Nun bin ich dein“ aus dem Spanischen Liederbuch von Hugo Wolf. Fischer-Dieskau wurde am Flügel begleitet von Gerald Moore.
Seine Interpretationskunst, die zunehmend intellektueller und expressiver wurde, war stilbildend für ganze Generationen von Sängern. Dieskau erneuerte als einer der Ersten nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellung vom Liedgesang: Weg vom reinen sinnlichen, schmelzenden Stil des Belcantogesangs hin zu einem am Text orientierten ausdrucksstarken Vortrag.

Wird nun eine namhafte Kapazität wie Thomas Quasthoff, der als Liedersänger zu den erfolgreichsten des 21. Jahrhunderts zählt, Dieskaus hohen Ansprüchen noch gerecht?

[O-Ton6 Dieskau]
„Es fehlt mir, wenn ich ihn höre, eine Proportion dahinter, hinter den Tönen, hinter dem Text, die genauso wichtig ist für den Vortrag von Liedern wie das, was erklingt. Nun ist das bei ihm ein Sonderfall und man kann das nicht unbedingt vergleichen. Was er daraus gemacht hat, ist enorm und seine Stimme ist wunderschön und wäre ich in der Lage, ihm so etwas beizubringen, würde ich das unternehmen. Aber er will das natürlich nicht.“

Bekannte Zyklen von Schubert und Schumann wie „Die Winterreise“, ,„Die schöne Müllerin“ oder „Dichterliebe“ hat Fischer-Dieskau über Jahrzehnte hin mehrfach mit verschiedensten Pianisten vorgetragen. Daneben nahm er aber auch deutsche Kunstlieder von Max Reger, Hans Pfitzner oder Paul Hindemith auf, die schon in den 1960er und -70er Jahren zum Randrepertoire gehörten.

Hindemith zählt neben Arnold Schönberg und Alban Berg zu den Modernisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit denen sich Fischer-Dieskau ausgiebig beschäftigt hat. Er war als „Mathis der Maler“ und „Cardillac“ zu erleben, - zwei Opern, denen er mit seinem Einsatz zu größerer Bekanntheit verhalf. Ferner studierte er auch Hindemiths kaum bekannte Lieder ein. Eines davon trägt den Titel „In ewigen Verwandlungen“.

[Musik5 Hindemith: „In ewigen Verwandlungen“, Audite. 95.637, Track 10 [3’01]]

Fischer-Dieskau war als Sänger stets aufgeschlossen für die Komponisten seiner Zeit, inspirierte auch einige Komponisten für ihn zu schreiben, etwa seinen langjährigen Freund Aribert Reimann, der ihm seine Oper „Lear“ widmete. Doch wusste er auch stets die Spreu vom Weizen zu trennen:

[O-Ton7 Dieskau]
„Was nützt es uns, wenn vier fünf, sechs, sieben, acht oder neun Mal dasselbe in Grün oder Rot oder Rosa Interpretieren? Wir müssen finden Originales. Und wer sich hinsetzt und komponiert Kunstmusik, der hat gefälligst etwas ganz Originales zu leisten, was eben noch nicht da war. Und vor diesem Neuen schrecken nicht nur die meisten Komponisten zurück, sondern sie haben auch nicht die Fähigkeit, es zu machen. Sie imitieren an allen möglichen Ecken und Enden anderer Leute, und das ist von … der atonalen Musik angerechnet, … eine Musik…, die sich weder ein Mensch merken noch ein Mensch mit Genuss hören kann.“

Apropos Imitation: Der 85-jährige Fischer-Dieskau beobachtet, dass auch junge Sängerkollegen heute oftmals weniger eine eigene Persönlichkeit ausbilden als vielmehr der Versuchung erliegen, über das Hören von CDs berühmte Kollegen nachzuahmen.

[O-Ton8 Dieskau]
„Ich denke nur an Gerhaher, der mit meinen Platten reist und sich jede Note anhört und genau nachmacht, es versucht, er kann es ja nicht. Er hat eine andere Stimme, hat ein anderes Wesen, ist ganz ein anderer Mensch, das kann man nicht einfach so austauschen. … Natürlich kann eine gute CD helfen, schneller zu einem Ziel zu gelangen, aber alleinig sollte sie nicht sein. Sie sollte schon im eigenen Wesen, in der eigenen Forschungsarbeit, in der eigenen Lektüre, mit dem eigenen Ohr gestaltet sein, sonst kommt nichts Originelles dabei heraus.“

Fischer-Dieskaus Plattenkarriere begann zu einer Zeit, als es sich die Plattenindustrie noch leisten konnte, Studioaufnahmen zu produzieren, die heute – vor allem im Bereich der Oper – stark zurückgegangen sind. Wie beurteilt nun er, der viel Erfahrene, die Möglichkeiten der Studioaufnahmen im Vergleich zum heute bevorzugten Live-Mitschnitt?

[O-Ton9 Dieskau]
„Der Vorteil einer Studioaufnahme ist, dass es das Arbeitsmaterial in Reinkultur wiedergibt, das zur Zeit der Aufnahmen die Dirigenten, Pianisten, Sänger … beseelt hat, und er kann das übertragen. Es gibt aber Naturen, die sind so beengt durch die Aufnahmebedingungen, dass sie gar nicht zur Interpretation kommen. Sie kriegen Angst vor den Mikrofonen, haben Angst vor den Räumen, sie schauen in die Höhe und sehen die von der Decke hängenden Mikrofone und denken, das kann ja gar nicht gut gehen. Das kann mich nicht wiedergeben. Kann es doch ganz gut.“

1993 beendete Dietrich Fischer-Dieskau seine aktive Sängerkarriere und widmete sich fortan verstärkt anderen künstlerischen Aufgaben, dem Dirigieren, Malen und Schreiben von Büchern sowie der Ausbildung junger Sänger an der Berliner Musikhochschule.

Mittlerweile hat er sich als Lehrer rar gemacht, nur dann und wann gibt er nochmal eine Meisterklasse. Als Autor aber hat er noch Einiges vor. Sein jüngstes Buch will er der Gattung Lied widmen. – Ein letzter Versuch, die Gattung vor dem Sterben zu bewahren.

[O-Ton10 Dieskau]
„Ich will wieder mal etwas nur über das Lied, nicht geschichtlich, sondern über das Wesen all der großen Liedkomponisten – es sind ja gar nicht viele – aufschreiben, in einer Sprache, die nicht wissenschaftlich ist, sondern die gelesen werden kann. Vielleicht kann man dann fürs Lied etwas tun, aber ich bin etwas skeptisch.“

[Musik6 Schumann: „Zwielicht“, Audite 95.582, Track 22 [3’01]]
NDR Kultur

Rezension NDR Kultur Freitag, den 4. Juni um 15:20 Uhr | Dagmar Penzlin | June 4, 2010 An einer Ringstraße, gesäumt von Mandelbäumen, da lag der erste Probenraum...

An einer Ringstraße, gesäumt von Mandelbäumen, da lag der erste Probenraum des Mandelring Quartetts. Daher also der Name Mandelring – wer eine Vorliebe für Gebäck vermutete, lag also falsch.

Seit 1983 gibt es das Mandelring Quartett. Zur Kernbesetzung gehören die drei Geschwister Schmidt, zwei Brüder, eine Schwester. Und mittlerweile kann das Ensemble auf eine internationale Karriere zurückblicken. Hoch gelobt werden auch seine Plattenaufnahmen. Zum Schumann-Jahr steuert das Mandelring Quartett eine neue CD bei – gemeinsam mit der Pianistin Claire-Marie Le Guay. Auf dem Programm stehen Schumanns Klavierquintett und das Klavierquartett. Dagmar Penzlin stellt uns das Album vor.
[Musik: Klavierquintett op. 44, Kopfsatz (Tr. 5 - L: 0’15'')]

Krisenmusik. Oder mehr noch: eine Antwort auf eine Krise - das ist das Es-Dur Klavierquintett von Robert Schumann. Als er sich 1842 der Kammermusik intensiver zuwandte, kriselte die Gattung. Schumanns Zeitgenossen traten auf der Stelle. Doch dann dieses Klavierquintett: mit Mut und Kraft schreiten die Akkorde nach vorne. Und immer wieder folgt auf‘s melodienselige Nachdenken und aufgebrachte Diskutieren Tatendrang.

[Musik: Klavierquintett op. 44, Kopfsatz (Tr. 5, ab 2’08’’ - L: 0’10'')]

Ein Signal. Klangtheater, das auch nicht den Blick in den Abgrund scheut. Im zweiten Satz erstickt ein Trauermarsch allen Optimismus.

[Musik: Klavierquintett op. 44, 2. Satz (Tr. 6, ab 0’05’’ - L: 0’09'')]

Doch dann geschieht das Unerwartete: das Trauermarsch-Thema begehrt quasi auf.

[Musik: Klavierquintett op. 44, 2. Satz (Tr. 6, ab 5’09’’ - L: 0’13'')]

Noch heute – oder besser: gerade heute – entfaltet Schumanns populärstes Kammermusikstück einen Sog: das musikalisch komplexe und zugleich so emotionale Kräftespiel wühlt auf. Zumal wenn es so energiegeladen daherkommt wie in der Interpretation des Mandelring Quartetts. Gemeinsam mit Claire-Marie Le Guay, einer erfahrenen Kammermusikerin, legt das Ensemble das Experimentelle in dieser Musik offen, so dass schwärmerische Töne manchmal fast schon wie ein romantisches Stil-Zitat wirken. Und das alles musiziert mit Präzision, Leidenschaft und hörbarem Spaß am schnellen Wechsel der Stimmungen.

[Musik: Klavierquintett op. 44, 4. Satz (Tr. 8, ab 5’58’’ - L: 0’13'')]

Etwas blasser wirkt da im Vergleich das Es-Dur-Klavierquartett. Insbesondere dem ersten Satz fehlt es an dramatischer Spannung, an beherzten laut-leise-Kontrasten. Doch schon im Scherzo kichern die Achtelläufe ausgeschlafen; das Seufzen und Schmachten im dritten Satz mündet schließlich in das Fugen-Feuerwerk des Finalsatzes.

[Musik: Klavierquartett op. 47, 4. Satz (Tr. 4, ab 6’25’’ - L: 0’13'')]

Das Mandelring-Quartett und die französische Pianistin Claire-Marie Le Guay bescheren Kammermusikfans im Schumann-Jahr eine Aufnahme der Kategorie „Delikatesse“. Mehrmaliger Genuss zu empfehlen!
WDR 3

Rezension WDR 3 Freitag, 28.05.10 um 15:05 Uhr | Kirsten Liese | May 28, 2010 Fischer-Dieskau zum 85.Geburtstag

Um seinen Namen liegt der Glanz eines halben Jahrhunderts. Schon 1951 sprach man...
Kieler Nachrichten

Rezension Kieler Nachrichten Mittwoch, 16. Juni 2010, Nr. 137 | Christian Strehk | June 16, 2010 Großes Glitzern: Saint-Saens’ Konzerte

Unbedingt empfehlenswert, auch wenn ein Rubinstein das besonders bezaubernde...
Der Reinbeker

Rezension Der Reinbeker 17. Mai 2010, Nr. 9 | Peter Steder | May 17, 2010 Jazz und Klassik

„Chesky Records“ gehört unbestritten zu den führenden audiophilen Labels...
Fanfare

Rezension Fanfare Volume 33, Mo. 5 - May/June 2010 | Boyd Pomeroy | May 1, 2010 Another winner in Audite's invaluable ongoing series of historic reissues from...

Another winner in Audite's invaluable ongoing series of historic reissues from 1950s German radio archives. As usual, the new remasterings derive from the original master tapes, with clearly audible superiority to any previous releases on other labels. The Mozart concertos and Schumann pieces were recorded for Berlin RIAS under studio conditions between January 1953 and November 1954. They are supplemented by two live performances, including a second Mozart K 466 taken from a concert the day before its studio retaping for RIAS (and thus affording the opportunity to compare the same performance under live and studio conditions on consecutive days).

Mozart's piano concertos, or a few of them, were central to Haskil's limited repertoire. Her performance style in this music is well known – precise fingerwork, a rather small-scale lyricism characterized by great subtlety of tonal and rhythmic nuance, and a nervous temperament that could make for rather accident-prone concerts. In her day, many regarded her as the epitome of Mozartian style. She must have enjoyed working with Fricsay, judging by their number of preserved collaborations, both studio and live – including at least three in K 459 alone. However, his conducting does her few favors in the first movement of the same – the tempo slightly too staid; a stolid impression of excessive legato and a general lack of light and shade not making a good foil for Haskil's characteristic understatement. (She also perpetuates an obvious score misprint in the recapitulation of the secondary material – a jarring D instead of the correct high F in bar 318, for those curious.) This movement benefits from living a little more dangerously; for modem-piano versions in the up-to-tempo quick march it really needs, hear Goode/Orpheus (Nonesuch), Kocsis/Budapest Festival (Philips), or Schiff/Salzburg Camerata (Decca). Things improve greatly in the remainder of the concerto, however, the second movement taken at a real Allegretto, and a wonderfully elegant finale incorporating (unusually for its time) a stylish improvised Eingang before the first return of the main theme.

The D-Minor Concerto, K 466, must have been Haskil's single most-performed piece, to judge from the bewildering proliferation of performances on CD. The studio version with Fricsay here has previously appeared on DG, but the new Audite remastering is clearly superior in every way. The performance, however, leaves a rather soft-focused impression, the music's exceptional dramatic qualities recollected in a little too much tranquility (though the subtly varied shadings of the first movement's recurrent solo entry are vintage Haskil). In comparison, the previous day's live performance seems to provide a "shot in the arm" for both Haskil and Fricsay, with a nervous intensity missing from the studio version. Even so, she displays more D-Minor fire in a live 1956 performance with Munch in Boston (Music & Arts, though the harsh sound is a drawback). But the limitations of Haskil's approach are evident if we cast a wider comparison to other pianists from the early-mid 1950s: Serkin/Ormandy (1951, Sony), Lefébure/Casals (1951, Sony), Kraus/Boskovsky (1955, Japanese EMI), Kempff/Karajan (live, 1956, Audite) – all in their different ways offering playing (and conducting) of stronger character and greater dramatic reach.

I've left the best concerto performance for last: Beethoven's Fourth with the under-represented American maestro Dean Dixon. What a difference a conductor can make! Haskil left a number of versions of this concerto between the years 1947 (with Carlo Zecchi for Decca) and 1959 (with Erich Schmid in Beromünster), of which the best conducted are the present version and a 1952 Vienna performance with Karajan (Tahra, but in much less good sound). Dixon's direction is superb – exceptionally alert, with a trenchancy and precision of orchestral execution far above routine, along with an imaginative response to the score's poetry that brings out the best in Haskil, in a performance of radiant long-lined lyricism. This is truly inspired music-making, soloist and conductor reacting to one another in little hair-trigger nuances of timing (for a small but telling example, listen to the turn to minor at the beginning of the first-movement development, the way Haskil reacts to the sudden emotional transformation of the ubiquitous eighth-note upbeat figure, passed from orchestra to soloist – so simple, but the stuff of truly great collaboration). Altogether one of Haskil's best-ever live concerto performances, and alone worth the price of the set.

Schumann's technically undemanding Bunte Blätter finds Haskil in her element, the intimate lyrical impulses conveyed with wonderful spontaneity, even if she is sometimes reluctant to give Schumann's weightier moods their due (by what stretch of the imagination does her Albumblatt No. 4 qualify as "sehr langsam"?). The dazzling Abegg Variations reminds us that her technique was, in its way, the equal of anyone's. Her airborne fantasy in this piece was truly sui generis.

As usual with this series, the recorded sound is stunningly good for its vintage (both studio and live performances), raising the bar for other labels' historical restorations. Indeed, I'm tempted to say that this is now the finest-sounding representation of Haskil's art available. Highly recommended to newcomers and seasoned Haskilians alike.

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