Rezension
Fono Forum Februar 2011 | Michael Kube | February 1, 2011
Überragend frisch
Noch immer gilt selbst unter Kennern die in Wien geborene Geigerin Erica Morini (1905-1955) als Geheimtipp. Dass sie es trotz eines glänzenden künstlerischen Durchbruchs, einer großartigen Karriere und einiger Einspielungen nicht in das landläufige Gedächtnis bedeutender Interpreten geschafft hat, ist verschiedenen Ursachen geschuldet. Da wären zunächst die Zeitumstände, die sie zwangen, Europa zu verlassen. Dann aber war sie auch eine begnadete Musikerin in einem damals nahezu ausschließlich von Männern dominierten Management und Musikbetrieb – "Niemand will Geigerinnen" soll die Morini in tiefer Verbitterung geäußert haben. In der Tat: Was ist denn auch schon von einem so fragwürdigen Urteil wie "die wahrscheinlich größte Geigerin, die je gelebt hat" (Harold C. Schonberg) zu halten?
Dabei hätte die einstige Schülerin von Sevcik, Grün, Rosa Hochmann-Rosenfeld, Alma Rosé und Adolf Busch einen weit prominenteren Platz verdient. Die alte Einschränkung von Carl Flesch, die urmusikalische Künstlerin würde bei aller technischen Souveränität eben doch ein wenig "antiquiert" geigen, geht heute allerdings ins Leere: Denn gerade ihr geschmeidiger Bogenstrich, die Vertiefung in die Musik selbst und der hörbare Verzicht auf rein äußerliche Brillanz lassen aufhorchen – zu gerne würde man ein Spohr-Konzert von ihr hören, die sie angeblich noch alle im Repertoire hatte! Und so klingt denn auch Tschaikowskys Violinkonzert im Live-Mitschnitt aus dem Berliner Titania-Palast vom 13. Oktober 1952 ungemein frisch und luftig, ohne aufgesetzte Bedeutungsschwere. Das liegt auch an Erica Morinis unmittelbarer Risikobereitschaft, selbst vor dem Mikrofon. Zudem präsentiert sich das RIAS-Orchester unter Ferenc Fricsay in Höchstform. Die nur zwei Tage später im Studio aufgenommenen Sonaten, Walzer und Capricen sind eine schöne Zugabe, auch wenn Michael Raucheisen das forsche Tempo nicht immer mitgehen mag. Die Aufnahme klingt in der perfekten Restaurierung angenehm direkt, trocken und erstaunlich präzise.