In der 5-CD-Box der Firma Audite werden sämtliche erhaltenen Konzertmitschnitte und Rundfunkaufnahmen des RIAS-Archivs, die die Zusammenarbeit des Dirigenten Hans Knappertsbusch mit den Berliner Philharmonikern dokumentieren, erstmals vollständig und in optimaler Klangqualität veröffentlicht. Die Aufnahmen entstanden im Zeitraum von Januar 1950 bis Januar 1952. Neben 2 vollständigen Konzertmitschnitten vom 30.Januar 1950 (Schuberts Unvollendete" und Bruckners 9.Sinfonie) und 1.Februar 1950 (Nicolai Ouvertüre "Die lustigen Weiber von Windsor", Haydn Sinfonie Nr. 94, Tschaikowsky Nußknacker-Suite Op. 71a, J.Strauß II Ouvertüre "Die Fledermaus" und "Pizzicatopolka", sowie "Bad'ner Mad'ln" von Komzák), enthält die Box Studioaufnahmen, die in zeitlichem Zusammenhang mit Konzertaufführungen entstanden: Schuberts "Unvollendete" und Bruckners 9.Sinfonie vom 28.Januar 1950, Bruckners 8.Sinfonie vom 8.Januar 1951, sowie Beethovens 8.Sinfonie und das Intermezzo aus "Tausendundeine Nacht" von Johann Strauß II, aufgenommen am 29.Januar 1952.
Knappertsbusch ist den meisten Musikliebhabern der jüngeren Generation hauptsächlich als Wagner-Dirigent der "alten Schule" bekannt, vor allem die Aufnahmen seiner diversen "Parsifal"-Aufführungen aus Bayreuth haben diesen Ruf zementiert. Sprichwörtlich war seine Abneigung gegen intensive Probenarbeit ("... Sie kennen die Sinfonie, ich kenne sie auch. Wir sehen uns morgen im Konzert! ..."). Wer allerdings glaubt, aus solchen Anekdoten Rückschlüsse bezüglich der musikalischen und handwerklichen Qualität seiner Aufführungen ziehen zu können, unterschätzt diesen Dirigenten maßlos!
Ich selber war überrascht, als ich vor einigen Jahren in einem der erhaltenen Filmdokumente erkannte, mit welcher seismographischen Genauigkeit und Kontrolle er z.B. das "Tristan"-Vorspiel dirigierte, dabei enorme Spannungsbögen aufbauend (und haltend), oder mit welcher Subtilität er den Pianisten Wilhelm Backhaus in Beethovens 4. Klavierkonzert begleitete: ein hochmusikalischer und sensibler Interpret, der ein Orchester mit Autorität zu führen verstand.
Der Vergleich zwischen Konzertmitschnitt und Studioaufnahme im Schubert-Bruckner-Programm fällt recht deutlich zugunsten des Live-Mitschnittes aus, der Dirigent brauchte offensichtlich das Spannungsmoment der Konzertaufführung. Insbesondere die 9. Bruckner halte ich für eine der Spitzenaufnahmen dieser Sinfonie, auf einem Niveau mit z.B. Schuricht, Furtwängler, Giulini oder Günter Wand, um nur einige zu nennen. Eine hochintensive und dramatische Aufführung, Weihrauch sucht man vergeblich! Die Schubertsinfonie wird mit ähnlicher Intensität aufgeführt, für heutige Ohren vielleicht ein wenig zu "brucknerisch" dimensioniert. Die 8.Bruckner (Studio) steht der 9. nur wenig nach, auch hier hätte vermutlich ein Livemitschnitt noch intensivere Spannungsbögen und vorwärtsdrängenden Impetus dokumentiert. Dennoch eine großartige Aufnahme. Die 8. Beethoven wird sehr sorgfältig und transparent gespielt, die Tempi sind nach heutigen Maßstäben sicher zu langsam. Aufgrund der Sorgfalt der Linienführung und aufgrund des in sich schlüssigen (zeitbedingten) Konzepts, halte ich sie trotzdem für eine sehr hörenswerte Aufnahme. Ähnliches gilt für Haydns "Paukenschlag"-Sinfonie, deren Temporelationen nicht ganz so extrem von heutigen Hörgewohnheiten abweichen. Der berühmte Paukenschlag ist gewaltig!
Die erstaunliche Eleganz und Souveränität, mit der Knappertsbusch auch die "leichte Muse" zu gestalten verstand, macht diese CD-Box noch attraktiver: insbesondere die Nußknacker-Suite hat mir selten so gut gefallen!
Insgesamt handelt es sich also um eine wertvolle und aufschlussreiche Dokumentation über einen bedeutenden Dirigenten, der weitaus mehr, als nur Wagner konnte. Die Klangqualität ist angesichts des Alters der Aufnahmen erstaunlich gut, das Booklet höchst informativ. Sehr empfehlenswert!!