Robert Schumanns Kammermusik steht immer noch zu sehr im Schatten seiner Klavierwerke, Lieder und Sinfonien. Dabei hat Schumann auf dem Gebiet der Kammermusik Revolutionäres vollbracht: Er hat vorgeprägte Formmodelle gesprengt, kühne Harmoniefolgen entwickelt (manche meinen sogar, Wagner hätte sich von Schumanns Harmonik inspirieren lassen und nicht umgekehrt!), er hat sich größte metrische Freiheiten erlaubt und den Ausdruck intensiviert.
Seltene, geheime und edle Seelenzustände
Für die klassische Klaviertrio-Besetzung Violine, Violoncello und Klavier hat Schumann insgesamt vier Werke geschrieben: Die Fantasiestücke op.88 sowie drei Klaviertrios. Das Schweizer Klaviertrio (1998 gegründet, mit Sitz in Winterthur) hat nun damit begonnen, alle Stücke einzuspielen. Die erste CD liegt vor, darauf zu hören sind das Klaviertrio Nr. 1 d-Moll und das Klaviertrio Nr. 2 F-Dur. Diese Stücke hat Schumann 1842, in seinem so genannten „Kammermusik-Jahr“ unmittelbar hintereinander komponiert. In ihnen zeigt er sich nicht nur als Revolutionär, sondern auch als Poet. Schumann selbst hat die Musik einmal als „höhere Potenz der Poesie“ definiert und die Poesie bestand für ihn darin „seltene, geheime und edle Seelenzustände“ auszudrücken.
Ungestümes und zupackendes Spiel
Vor allem im d-Moll-Trio, das in einer „Zeit düsterer Stimmungen“ entstanden war, hat Schumann seine verschiedenen Seelenzustände in Töne gesetzt. So macht sich im 1. Satz eine rastlose, vorwärts drängende Unruhe breit, die von schroffen Akkorden und kurzem Innehalten unterbrochen wird. Das Schweizer Klaviertrio nimmt die Vortragsbezeichnung wörtlich und spielt die aufwühlenden, bewegten Passagen „Mit Energie und Leidenschaft“. Die ungestüme und zupackende Spielweise (bei kräftigem Akkordspiel klirrt schon mal der Geigenbogen) passt wunderbar zur poetischen Unberechenbarkeit und stürmischen Leidenschaftlichkeit von Schumanns Musik. Rhythmische Tücken werden mit Leichtigkeit gemeistert und scheinen die Musiker in ihrem herrlich ungezähmten Spiel nur noch anzustacheln. Umso stärker wirken danach die fahlen sul ponticello gespielten Streicherstimmen über den gläsernen und eigentümlich starren Klavierakkorden. Im langsamen dritten Satz des d-Moll-Trios beweisen die Schweizer klanglichen Feinsinn: die drei Stimmen sind perfekt ausbalanciert, jede Nuance ist perfekt dosiert, jeder Akzent sitzt, und in ihrem Zusammenspiel sind die Musiker absolut instinktsicher.
Anstrengung, die sich lohnt
Das freundlichere und etwas leichtfüßigere F-Dur-Trio interpretieren sie mit musikantischer Frische und einem gutem Gespür für die Stimmführung (die kanonisch-kontrapunktische Struktur des 4. Satzes zeigt, was Schumann von seinem großen Vorbild Bach gelernt hat). Das Tolle an dieser CD ist: Das Schweizer Klaviertrio geht aufs Ganze, sein Spiel wirkt spontan und unheimlich mitreißend. Der Hörer gerät in einen Sog, dem er sich nicht entziehen kann. Das kann mitunter auch anstrengend sein. Aber die Anstrengung lohnt sich!