Rezension
Fono Forum Oktober 2013 | Christoph Vratz | October 1, 2013
Gewichtig, herb
Es bleibt eine Geschmacksfrage: Welches Trio ist das bessere, op. 8 oder op. 8? Johannes Brahms hat sein frühes H-Dur-Klaviertrio rund dreieinhalb Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch einmal bearbeitet, ihm aber keine neue oder ergänzende Opus-Nummer gegeben. Das Trio Testore hat nun im Rahmen seiner Gesamteinspielung beide Fassungen aufgenommen, und der Hörer kann frei entscheiden, welche Version ihm als die gelungenere erscheint. Der "Con brio"-Vorgabe des Komponisten jedenfalls scheint das im Jahr 2000 gegründete Ensemble in beiden Fassungen ein wenig zu misstrauen, denn das Allegro im Kopfsatz nehmen sie beide Male verhalten, den Brio-Charakter dosieren sie, besonders im Vergleich zum Finale, auf ein Maß, das den ungestümen Geist des jungen Brahms merklich zurücknimmt. Das kann man sicher so machen, wirkt aber etwas befremdend. Im ersten Satz der beiden anderen Trios erweisen sich die drei Musiker als ungleich drängendere, energischere Interpreten, das klingt teilweise flammend archaisch, im Forte treffend insistierend. Es gibt keinen Satz auf dieser Doppel-SACD, wo der Hörer den Eindruck hat, als wollte das Trio Testore durch schnelle Tempi für sich einnehmen. Was ihm exzellent gelingt, ist die Art des Zusammenspiels. Jeder Musiker weiß, wann er nach vorn preschen, wie er sich ein-und wo er sich unterordnen muss. Die langsamen Sätze gelingen betont gesanglich, den Trios geht allerdings ein wenig von ihrer Skurrilität, von ihrer Geisterhaftigkeit verloren. Das Brahms-Bild des Trio Testore ist gewichtig, herb, inbrünstig, melodisch, glühend. Es ist durchsichtig, nie eilig, teilweise bedächtig, aber immer karikaturenfrei. Aufnahmetechnisch ist diese Produktion ein Klangereignis!