Das vorjährige Kunstfest in Weimar hatte „Sardanapalo“ zentral im Programm gehabt und als Neuentdeckung üppig beworben. Überall in der Stadt rankten die Plakate. Eine Oper von Franz Liszt? Der hat doch nie eine geschrieben, dürfte der Opernfreund sich gewundert haben. Liszt ist neben den Klassikern ein großer Sohn von Weimar. Doch bevor er vor 170 Jahren dort ankam, hatte er halb Europa bereist. Schon im Alter von neun Jahren bot der Junge in Salons schwierigste Klaviernummern. Ungarische Adlige sollen darüber derart erstaunt gewesen sein, dass sie ihm eine Ausbildung in Wien finanzierten. Noch keinerlei Gedanke, einmal musikalisch der Bühne sich zu verschreiben. Liszt und die Oper ist ein schwieriges Kapitel.
Sein Ruhm als Klaviervirtuose wuchs unaufhaltsam und an Oper war nicht zu denken. Neben Chopin und Paganini lernte er Berlioz und Wagner kennen, beides junge Opernkomponisten. Handfest mit Oper kam das junge Klaviergenie erst in Berührung, als es 1847 nach Weimar ging und das Amt eines Hofkapellmeisters ausübte, betraut mit der Aufgabe, die zeitgenössische Musik zu fördern, also neben Konzertstücken und Symphonien auch Werke des jüngsten Opernschaffens aufzuführen. Wer anderes als die damals jungen, revolutionär gestimmten Verdi, Berlioz, Wagner, Donizetti, Bellini, Rossini, Meyerbeer kamen in Betracht.
Liszt war also sehr vertraut mit dem Metier, komponierte allerdings selber statt Opern Konzerte und Soloklavierwerke. Später, seit 1851, verwirklichte er Stück um Stück seine Konzeption der symphonischen Poeme. Und irgendwann meinte er, dass er in der Oper an der Reihe sein werde: „In drei Jahren werde ich definitiv mein Klavier zuschließen. Dort, wo ich meine Karriere begonnen hatte, in Wien und Pest, werde ich sie auch beenden.“ Davor, im Winter 1843, wollte er in Venedig eine Oper vorstellen, „Le Cosaire“ nach Lord Byron.
Daraus wurde nichts. Im Gegenteil. Eine gewisse Unentschlossenheit kam auf, vielleicht auch eine gewisse Abneigung, denn nicht jedes Genie, entfuhr es ihm 12 Jahre später, vermag „seinen Flug auf die engen Grenzen der Bühne“ zu beschränken. Gleichwohl quoll sein Geist eine Zeit lang über vor hochrangigen literarischen Stoffen (Dante, Schiller, George Sand, Alexandre Dumas, Walter Scott etc.) und suchte sie, in Libretti zu verwandeln. Eine hohe, anspruchsvolle Bemühung, aber sie zahlte sich lediglich entlang seiner Produktion von symphonischen Dichtungen aus.
„Sardanapalo“ ist seine einzige reife Oper. Warum er die Arbeit daran abbrach, verrät kein Zeugnis. Aber umfangreiche Skizzen sind erhalten geblieben, Material für etwa eine Stunde Musik, aus dem der britische Musikologe David Trippett eine spielbare Partitur hergestellt hat. In der Weimarhalle kam sie im August 2018 zur Aufführung. Es gab eine öffentliche Generalprobe und am Folgetag eine vielumjubelte Uraufführung.
Nun ist jenes lange der Entdeckung harrende Opernfragment bei Audite auf CD gebannt. In allen Belangen eine hervorragende Ausgabe, zuallererst in der erklingenden Musik, darin dem stofflich-thematischen Angebot, aufnahmetechnisch, in grafischer Ausstattung und musikwissenschaftlicher Begleitung (Covertext). „Sardanapalo“ nach Lord Byrons gleichnamiger Tragödie, vieraktig, behandelt das Thema Krieg und Frieden im Assyrischen Reich. Wegen seiner hedonistischen Lebensweise angefeindet, wollen Rebellen des Heeres Sardanapalo, den letzten König, stürzen. Der lässt sie fassen und begnadigt sie überraschenderweise, was zu einem noch größeren Aufruhr führt. Der Euphrat tritt über die Ufer und zerstört den wichtigsten Verteidigungswall des Schlosses, sodass die Niederlage unvermeidlich ist. Der König schickt seine Familie fort und befielt, ihn mit seiner Geliebten Myrrha (bei Liszt Mirra) inmitten von Düften und Gewürzen in einem großen Inferno lebendig zu verbrennen, sodass „Licht in Ewigkeiten schwinden wird.“ Sein Finale ziele sogar darauf, schrieb Liszt an einen Freund, „das ganze Publikum in Brand zu setzen.“ Freilich hat er sich seinen Teil genommen, als er an dem Werk saß. Die Musik partizipiert an allem, was um 1850 an Neuheiten in der Szene entwickelt worden war. Die kannte er ja aus seiner Kapellmeisterpraxis. Aber nichts geht ungebrochen durch sein Genie hindurch. Die Opulenz des Orchesters ist der Verdis ebenbürtig. Charakteristisch die Einleitungs- und Zwischenmusiken, sie schüren die im Finale explodierende Dramatik. Klar, lodernd die Arien des Königs (Airam Hernández, Tenor). Wie auf einem wankenden Schiff schaukeln im Walzertakt die Chöre des 1. Aktes (Chor des Nationaltheaters Weimar). Mirra (Joyce El-Khoury, Sopran) und Sardanapalo duettieren im 4. Akt nicht minder eindringlich wie die Paare bei Verdi oder Bellini. In allem legte Kirill Karabits mit den Solisten, dem Chor und der Staatskapelle Weimar eine außerordentliche Aufführung hin. Auf CD kann sie nun jeder nachhören und sich überdies an der Symphonischen Dichtung „Mazeppa“ erfreuen, die der Oper voransteht.