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Rezension nd 24.09.2023 | September 24, 2023 Musikalisches Welttheater

Im Steinzeitdorf herrscht Not. Die Cholera wütet – als Strafe der Götter für die vielen Sünden, wie der Medizinmann verkündet. Vielleicht aber könne man überleben, wenn man abgekochtes Wasser trinke. Hier hilft der Drache, der das Wasser mit seinem feurigen Atem erhitzt. Nach diesem Beweis seiner Nützlichkeit tritt er seine Regierung an, zumal man ihn braucht, um fremde Drachen abzuwehren.
Klassenherrschaft entstand aus Notwendigkeit; und mit gleicher Notwendigkeit muss sie einige Geschichtsepochen später wieder beseitigt werden. Als die Haupthandlung der Oper einsetzt, diktiert der Drache seine Memoiren und betrachtet eine Vielzahl von Porträts, die seine Wandlung »vom Saurier zum Industriekapitän« zeigen. Er ist nun gewalttätiger Machthaber in einer Stadt, deren Bürger sich ihm gerne unterwerfen. Die jährliche Heirat steht an, wie üblich mit einer Jungfrau, deren Lebenserwartung sehr begrenzt ist. Lanzelot, erprobter Held und Töter von Ungeheuern, kommt an und nähme den Kampf sogar auf, wenn er sich nicht sogleich in Elsa, der aktuellen Heiratskandidatin, verlieben würde. Die Bürger wollen von einer Befreiung nichts wissen; die Arbeiter aber statten ihn mit jenen Waffen aus, die schließlich den knappen Sieg über den Drachen sichern.
Paul Dessaus 1969 an der Berliner Staatsoper uraufgeführte Komposition ist sein Hauptwerk. Trotz der bekannteren Brecht-Zusammenarbeit »Verurteilung des Lukullus«, trotz der vielschichtigen Wissenschafts- und Atomwaffenoper »Einstein«: Nirgends findet sich ein so umfassender Entwurf, der von den Anfängen der Staatengeschichte bis zum Übergang in den Kommunismus reicht. Die künstlerischen Mittel sind entsprechend reichhaltig. Heiner Müllers Libretto nach Jewgeni Schwarz’ Stück »Der Drache« verknüpft Märchenhandlung, Politsatire und Geschichtsdrama. Die Musik reicht von der tonal komponierten Idylle im Vorspiel vor dem Ausbrechen der Seuche bis zur Zwölftönigkeit, von der Übernahme barocker Muster bis zur Jazz-Improvisation. Zu der Schlacht mit dem Drachen zitiert Dessau sozialistische Kampfmusik, nämlich das von ihm komponierte »Lied der Thälmann-Kolonne« aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Der Gesang des erschöpften Lanzelot nach dem Kampf mit dem Drachen wird über drei Minuten nur vom Solo-Cello begleitet. An anderen Stellen lärmen Donnerblech und Windmaschine, tönen Lautsprecherdurchsagen und Maschinengewehrgeratter. Zu einer starken Bläser- und Streicherbesetzung treten zahlreiche Schlaginstrumente, für die allein sieben Spieler nötig sind.
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man das Werk mit der Vielzahl seiner Stile für einen Vorläufer der musikalischen Postmoderne halten. Doch hat Dessau damit nichts zu schaffen. Er verabschiedete nicht den geschichtlichen Fortschritt, sondern wollte die Figuren und Szenen mittels sozial bestimmter Musik möglichst klar charakterisieren. Sein politisches Bewusstsein unterscheidet ihn auch von Bernd Alois Zimmermann, der als Avantgardist in der BRD und Außenseiter einer formalistischen Avantgarde mit seinen »Soldaten« ein vergleichbares musikalisches Totaltheater geschaffen hat. Zimmermanns Konzept einer »Kugelgestalt der Zeit« kennt nur immerwährende Gewalt. Der Marxist Dessau dagegen weiß, welcher Kampf nötig ist, um die Klassenherrschaft zu überwinden.
Bleibt aber das praktische Problem des nötigen Aufwands. In Berlin war das Werk elfmal zu hören – nicht wenig für eine Novität, und damit dürfte das an einem derart anspruchsvollen Werk interessierte Publikum auch ausgeschöpft gewesen sein. Zeitnah folgten Inszenierungen in München und Dresden. Dann war die Oper für fast vierzig Jahre verschwunden, bis sich das Nationaltheater Weimar des Werks annahm und Peter Konwitschny es 2019 auf die Bühne brachte. Der Mitschnitt einer Aufführung ist nun auf CD erschienen.
Das Ergebnis verdient in fast jeder Hinsicht Bewunderung. Nicht nur die Hauptrollen sind mit Oleksandr Pushniak (Drache), Máté Sólyom-Nagy (Lanzelot) und Emily Hindrichs (Elsa) hervorragend besetzt. Auch für die sehr zahlreichen Nebenrollen fand das nur mittelgroße Haus überzeugende Sängerinnen und Sänger. Das Ensemble weist ebenso wenig Schwachpunkte auf wie die beteiligten Chöre und die Staatskapelle Weimar unter Dominik Beykirch. Großartiges hat die Klangtechnik geleistet. Die Dynamik ist ausgeschöpft, ohne je übersteuert zu wirken, und auch die komplexesten Schichtungen sind gut durchhörbar. Das trägt dazu bei, die zweifache Qualität von Dessaus Musik zu verdeutlichen: als durchdachte Großform über 130 Minuten hinweg und als szenische Vorgabe für den Gestus der Figuren.
Mürrisch stimmt nur das Beiheft, in dem die Oper als Protest gegen autokratische Herrscher überhaupt, einschließlich Stalin und Walter Ulbricht, hingestellt wird. Doch steht erstens der Drache in seiner letzten Gestalt unmissverständlich für die faschistische Form bürgerlicher Herrschaft. Zweitens ist mit Lanzelots Sieg über ihn noch nichts gewonnen. Die Bürger lügen, dass sie die Freiheit erkämpft hätten und wollen à la früher BRD die Politik des Drachen, den sie nach außen hin verfluchen, fortführen. Lanzelot muss ein zweites Mal eingreifen und die, nun demokratisch getarnte, Klassenherrschaft beseitigen. Erst sein zweiter Sieg führt zu dem utopischen Ausblick, der das Werk beschließt. Fragt man nach der Aktualität der Oper, so ist die Antwort ungemütlich.
Diapason

Rezension Diapason N° 726 - OCTOBRE 2023 | October 1, 2023 Les Introduzioni teatrali reflètent l’enthousiasme avec lequel Locatelli...

Les Introduzioni teatrali reflètent l’enthousiasme avec lequel Locatelli découvre l’opéra vénitien, notamment à travers Vivaldi avec qui il travaille à Rome en 1723 et qu’il rejoint peu après à Venise. Benedetto Marcello, dans son pamphlet Il teatro alla moda, décrit ce genre de sinfonia d’opéra comme bruyant, agité, contrasté, avec un movement lent lyrique et une danse conclusive toute simple permettant aux musiciens, selon l’humeur du moment, les improvisations les plus extravagantes.

L’exubérance, l’agitation, le théâtre que nous espérions ici, ce n’est pas le Thüringer Bach Collegium qui nous les offrira. Correct dans l’ensemble, son jeu reste bien trop fade et étriqué pour rendre justice à la fantaisie et à l’énergie de ces pages épicuriennes. N’oublions pas que la fonction d’une introduction est avant tout de donner envie d’écouter la suite !

La réserve s’étend aux deux concertos de l’Opus 4 qui manquent pareillement d’ampleur. On y cherche en vain ce goût du défi qui caractérise la plume (et l’archet) de Locatelli. Faute de versions de référence, nous retournerons, pour patienter, aux approches de Fabio Biondi (Opus 111) et Marianne Piketty (Aparté).
Diapason

Rezension Diapason N° 726 - OCTOBRE 2023 | October 1, 2023 Le programme confronte le Nisi Dominus de Vivaldi à d’autres compositions...

Le programme confronte le Nisi Dominus de Vivaldi à d’autres compositions sacrées pour alto de deux de ses contemporains vénitiens, ayant le même prénom que lui : Caldara et Lotti. Il offre une immersion dans la spiritualité si particulière de Venise au début du XVIII e siècle. L’austérité envoûtante de Caldara (Ave regina), le raffinement voluptueux de Lotti (Averte faciem tuam) sont évidemment distincts de la théâtralité vivaldienne (Cum dederit), même si un imaginaire commun préside au développement de sensibilités propres.

Le phrasé ample et naturel d’Alex Potter sert au mieux ces pages aussi spirituelles que sensuelles (Surgite du Nisi Dominus), même si certaines vocalises trouvent le contre-ténor un peu à la peine. La Festa Musicale montre également combien la sobriété et l’inspiration sont les meilleures clés pour laisser ce répertoire s’épanouir.
www.pizzicato.lu

Rezension www.pizzicato.lu 05/10/2023 | October 5, 2023 Consort-Musik von Byrd und seinem Zirkel

Dieses Projekt lädt ein zu einer musikalischen Reise ins England an der Schwelle von Renaissance zu Frühbarock, mit Consort Songs, Fantasien und Tänzen von William Byrd und seinen Nachfolgern.
Das geschieht überaus kunstvoll, mit einem sehr homogenen und zugleich doch in Stimmen wie im Instrumentalensemble konturierten Vortrag. Das Boreas Quartett brilliert einmal mehr mit tollen Darbietungen.
Der kultivierte Gesang von Dorothee Mields und Magdalena Harer ist darstellerisch beseelt und intensiv im Ausdruck und das alles macht dieses Programm zum kurzweiligen Hörabenteuer.


English translation:

This project invites you to a musical journey to England on the threshold from Renaissance to early Baroque, with consort songs, fantasies and dances by William Byrd and his successors.
This is done with great artistry, with a very homogeneous and yet contoured performance in voices as well as in the instrumental ensemble. The Boreas Quartet once again shines with great performances.
The cultivated singing of Dorothee Mields and Magdalena Harer is both inspired and intense in expression, making this program an entertaining listening adventure.
Crescendo Magazine

Rezension Crescendo Magazine Le 1 octobre 2023 | October 1, 2023 JOKER PATRIMOINE

Tout est magistral dans cette interprétation : l’élégance et la fluidité du pianiste, aspects sur lesquels Karajan peut tisser un accompagnement attentif aux moindres nuances et d’un naturel confondant. C’est l'évidence de la musique qui se déroule ici.
Deutschlandfunk

Rezension Deutschlandfunk Montag, 02.10.2023, "Tonart", 1:05 Uhr | October 2, 2023 BROADCAST

Der 400. Todestag des Komponisten William Byrd war der Anlass für das Album On Byrd’s Wings, doch der Grund dafür war ein anderer: die Musik und das Leben in einer Zeit zu portraitieren, die fast ein halbes Jahrtausend zurückliegt. Es war eine Zeit der religiösen Kämpfe, der Morde an Andersdenkenden – eine Zeit der kurzen Prozesse. Und doch auch eine Zeit der Hochkultur, poetischer Finesse und klanglicher Harmonie. Blockflötistin Elisabeth Champillion und Sängerin Dorothee Mields erzählen über ihre Reise zu Byrd und seinen Zeitgenossen, bei der sie ein Repertoire entdeckt haben, das eher im kleinen Rahmen für Unterhaltung sorgte als auf der großen Bühne. Eine Welt der Tänze und der Geschichten, die man sich mutmaßlich bei Kerzenschein im königlichen Salon erzählt bzw. vorgesungen hat.
SWR

Rezension SWR So., 1.10.2023, 16:05 Uhr, SWR2 Alte Musik | October 1, 2023 BROADCAST

Jetzt aber fliegen wir erstmal eine Runde mit William Byrd. „On Byrds Wings“, auf Byrds Flügeln heißt eine neue CD mit Musik aus dem goldenen Renaissancezeitalter Englands. Der Titel spielt mit dem Vogel, der in Byrds Namen steckt und vielleicht spielt da auch noch eine Assoziation rein an Heinrich Heines Gedicht „Auf Flügeln des Gesanges“. Passt jedenfalls wunderbar zu den ätherisch schönen Sopranstimmen von Dorothee Mields und Magdalene Harer. Hier sind sie mit einem Bußpsalm von Byrd „Have mercy upon me“, Gott sei mir gnädig. Das Boreas Quartett Bremen und das Hathor Consort begleitet mit Blockflöten, Laute und Gamben.
MUSIK
„Have mercy upon me“, ein Bußpsalm von William Byrd, gesungen von Dorothee Mields und Magdalene Harer mit innigem und schlichtem Ausdruck. Ich finde das wunderschön, wie sich diese beiden Stimmen umranken und wie sie sich mit den Instrumenten mischen, den Blockflöten des Boreas Quartett Bremen und dem Hathor Consort mit seinen Gamben und der Laute. Das ist einfach super zusammen geatmet und phrasiert, die Farben sind wunderschön abgestimmt, die Intonation ist so sauber, dass manche Akkorde regelrecht leuchten, aber eben niemals grell, sondern einfach durchsichtig.
1623 ist William Byrd gestorben, vor 400 Jahren also. Byrd, der Zeitgenosse von Shakespeare und einer der großen Komponisten seiner Epoche. Er schrieb Musik für alle Lebenslagen, für Tasteninstrumente, weltliche Lieder und Instrumentalwerke und sehr viel geistliche Musik, sowohl für den anglikanischen Gottesdienst, als auch für den römisch-katholischen. Denn Byrd war Katholik und litt im protestantischen England sein Leben lang unter Diskriminierung. Trotzdem hat ihm Königin Elisabeth I 1575 ein ziemlich exklusives Privileg für den Notendruck verliehen. „William Byrd and his Circle“ ist der Untertitel und das Programm der CD. Sie gibt einen Einblick in die häusliche englische Musikkultur. Jeder bessere Haushalt hatte damals ein Sortiment von Gamben im Musikschrank, meistens sechs Instrumente in unterschiedlicher Größe von Sopran bis zum Bass. Eine Laute und ein paar Blockflöten gehörten ebenfalls zur Grundausstattung. So konnte man sich abends mit Nachbarn und Freunden treffen, zusammen Musik machen und dann noch ein schönes Essen genießen. Byrd und seine Zeitgenossen haben genau für diese Besetzungen eine Fülle von Werken geschrieben, mal mit, mal ohne Singstimmen. Und genau diese Musikkultur spiegelt diese neue CD. Byrds Werke stehen im Zentrum. Drumherum versammeln sich Henry Lawes, Thomas Campion, Robert Johnson, Thomas Tomkins, Thomas Simpson und Orlando Gibbons. Geschmackvoll kombinieren die Musikerinnen und Musiker dabei die unterschiedlichen Genres und Klangfarben. Hören wir noch ein bisschen weiter in Byrds Musikerzirkel. Ein Tanz der Satyrn von Robert Johnson. Die Satyrn, diese geisterhaften Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock springen hier wild zwischen den unterschiedlichen Taktarten Zweier und Dreier hin und her. Satyrs` Dance von Robert Johnson, gespielt von den Blockflöten des Boreas Quartett Bremen.
MUSIK
„On Byrds Wings – William Byrd and his Circle“ heißt diese schöne und facettenreiche neue CD mit Musik aus dem England um 1600. Bei einigen Stücken sind die beiden Sopranistinnen Dorothee Mields und Magdalene Harer beteiligt. Beide zählen zu den herausragenden Sängerinnen in der Alte Musik Szene. Und es ist wirklich ein Fest, wie sie gemeinsam Musik machen mit diesen großartigen Instrumentalisten des Hathor und des Boreas Consorts. Die CD ist beim Label audite herausgekommen, wie immer bei diesem Label sehr gut aufgenommen und das Booklet ist informativ und sorgfältig gestaltet. Zwei Weihnachtsstücke von Byrd und Gibbons sind auch dabei, für mich echte Entdeckungen, die senden wir später mal in der Weihnachtszeit.
Rohrblatt

Rezension Rohrblatt Jg. 38 (2023), Heft 3 | October 1, 2023 Fünffach leuchtende Bläserfarbigkeit

Fünf junge Musiker entscheiden sich für je ein Blasinstrument und seine Verwendung in der klassischen Musik, lernen und studieren es, werden damit erfolgreich, suchen eine neue Heimat, finden sie im Rheinland und dort auch zueinander – das ARUNDOSquintett ist geboren und macht sich in seiner neuen Wahlheimat rasch so bekannt, dass es vom Bundesland Nordrhein-Westfalen gleich doppelt finanziell unterstützt wird – als eine von neunzehn Musikgruppen erhält es in der Sparte "Kammermusik" eine ansehnlichen Zuwendung im Rahmen der Ensembleförderung des Landes NRW und dazu von der Kunststiftung des Landes NRW noch ein Stipendium. Die Musiker bedanken sich dafür mit dieser CD.

Jeder und jede der Fünf fand in der neuen Wahlheimat bald eine prominente Anstellung in einem Orchester des Landes: Anna Saha vor fünf Jahren als Soloflötistin im Sinfonieorchester Aachen, Yoshihiko Shimo vor vier Jahren als Solooboist bei den Niederrheinischen Sinfonikern der Theater Mönchengladbach/Krefeld, die Hornistin Lisa Rogers aus den USA vor elf Jahren als Solohornistin bei den Düsseldorfer Symphonikern und Yuka Maehrle vor zwölf Jahren als Solofagottistin bei der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. Christine Stemmler war Klarinettistin bei den Essener Philharmonikern und stellvertretende Soloklarinettistin im Philharmonischen Orchester Hagen, ist jetzt freischaffende Musikerin und Klarinettenlehrerin an der Musikschule Rhein-Kreis Neuss.

Die Anregung für den Namen ihres Ensembles fand sich in der Pflanzenwelt: Denn ein Fahlrohr, aus dessen Holzstängeln bevorzugt Rohrblätter auch für drei der verwendeten Instrumente hergestellt werden, heißt botanisch Arundo donax [Riesenschilf oder Spanisches Rohr]. Eine Firma Arundos Reeds in Waldbröl im Oberbergischen Kreis des NRW-Regierungsbezirks Köln fertigt solche Rohrblätter.

Vier Werke für Bläserquintett enthält die CD und ihre Komponisten haben auch alle einen sinngebenden eigenen Bezug zum Rheinland. Der Booklet-Text findet im vieldeutigen Begriff "Origin" – das englische Wort ziert in Großbuchstaben als Motto das CD-Cover – einiges, was dem Ensemble für die Werkauswahl mitbestimmend war: Herkunft, Heimat, Inspirationsquelle, Identität. Man liest im Beiheft dazu dies: "György Ligeti entdeckte 1957/58 im Studio für Elektronische Musik des WDR in Köln sich selbst und die Neue Musik; Manfred Trojahn lehrte von 1991 bis 2007 als Professor für Komposition an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf; der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt des gebürtigen Düsseldorfers Thomas Blomenkamp liegt im Rheinland; der in Bielefeld geborene Komponist Maximilian Guth legt einen besonderen Fokus auf interkulturelles künstlerisches Arbeiten." Die vier Bläserkompositionen auf der CD, heißt es im Booklet weiter, seien allesamt von anderen Kulturen inspiriert: bei Ligeti durch die ursprünglichen Klänge der Volksmusik des Balkans und bei Guth von ostafrikanischer Trance-Musik, bei Blomenkamp und Trojahn durch Esprit und Raffinesse der französischen Moderne.

Schon die Anordnung der Werke fesselt die Aufmerksamkeit: Der Bogen spannt sich von Blomenkamps "Sieben Rhythmischen Nachspeisen" bis zu Ligetis "Sechs Bagatellen". Blomenkamp verneigt sich verschmitzt vor Eric Satie mit seinen Schmankerln zum Genießen, originell, frech, kurz (nur wenige länger als zwei Minuten). Ligetis charmante Petitessen ähnlicher Machart bekommt man gerade öfter zu hören, weil überall des Komponisten 100. Geburtstag gefeiert wird, sogar bis ins Programm der Salzburger Festspiele. Dazwischen liegen Trojahns dreisätzige Sonata III und Guts NGOMA, beides schwerere Kost, weit entfernt vom Unterhaltungscharakter des klassischen Bläserquintetts, das damit vor zweihundert Jahren eine Musikform prägte, die von Wien aus zahllose große und kleine Adelshöfe Europas mit Backgroundmusik versorgte. Trojahn nimmt das lateinische sonare im Titel seines Stücks ernst: Er lässt im Kopfsatz zehn Minuten lang die fünffache Vielfarbigkeit der Blasinstrumente in einer faszinierenden Verschränkung des jeweils eigenen Klangs in allerhand modernen Spieltechniken und Soundschnipselchen so ineinanderfließen, wie man das bei Messiaen und der Groupe des Six findet: Rhythmisch kaum strukturierte Klangschnippelchen changieren zwischen zarten Klangwölkchen und harten Reibungen, Mischklang und solistische Kurzpassagen wechseln sich ab und das setzt sich in den beiden fünf Jahre später hinzugefügten Sätzen in verstärkt spontan wirkendem Einsatz der Stimmen fort – verstörend und doch wieder faszinierend, vor allem aber ungemein expressiv und nur mit einem hohen Maß an interpretatorischer Disziplin der Musiker zu erreichen. Die hier wohl erstmals erklingende Darstellung der ganzen dreisätzigen Sonata erscheint gleichsam als Uraufführung eines Gesamtwerks, das den Anlass seiner zeitlich separaten Entstehung nicht widerspiegelt – der erste 1992 eine Jubiläumsfeier des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, der zweite eine Bitte des SWR um weitere Sätze, die 1997 in Stuttgart uraufgeführt wurden. Dieses vielfarbige Pasticcio – der Komponist nennt die Sätze "Sonnenstücke" – ergötzt Hörer vor allem im Mittelsatz mit skurrilen Figuren, und in meinen Ohren erreicht der Schlusssatz mit seinem Suchen nach Harmonie das erwähnte "Klingen" dann doch, wenn auch in einer schrägen Grimasse, die schmunzeln macht.

Nachhaltig beeindruckt hat mich NGOMA, das Zwölfminutenstück des 31-jährigen Maximilian Guth, der sich interkultureller Musikforschung und -ausübung verschrieben hat. Seine beim Label Decurio erschienene Produktion "Fremd bin ich eingezogen" erregte Aufsehen; denn mit aktuellem Bezug auf weltweite Flüchtlingsbewegungen wird Schuberts "Winterreise" vom Ensemble Asambura gespielt, einer Gruppe von meist jungen Instrumentalisten aus allen Erdteilen, die unter Guths Leitung das Werk auch mit Instrumenten der Weltmusik spielen. Angereichert mit Musik und Texten altpersischer Kultur und Kunst – es geht Guth auch immer um interreligiöse Kommunikation, so auch hier – verwandelt sich das Werk in ein bewegendes Weltepos eigener Art. Auf Bitten des ARUNDOSquintetts steuerte er deren Dankes-CD die Komposition NGOMA bei. Das Wort – so liest man es im Booklet – "bezeichnet im afrikanischen Swaheli die Interaktion von Musik, Trance, Rhythmus, Tanz, Trommelzeremonie und gesellschaftlichem Ereignis, die Bewegung und Spiritualität miteinander verbindet." Musikalische Trance suche dabei Verbindung zu den Ahnen, das sei typisch für viele ostafrikanische Kulturen. Schon nach wenigen Takten vermittelt sich mir im schwebend-flirrendem Klang der fünf Instrumente eine Ahnung dessen, was dem Komponisten aus eigenem Miterleben musikalisch weiterzugeben vorschwebt. Es dauert ein wenig, bis die sonoren Liegeklänge des Ensembles mit kurzen feinen Trommelakzenten aufgelockert werden und sich dann immer mehr in Geräusche verwandeln, aus dem sich ein Sehnsuchtsruf löst, sich entfernt und irgendwo im Nirwana zu verschwinden scheint. Ich erlebte selber einmal wilde Derwischtänze im sudanesischen Khartum, wo Tänzer in Trance fielen und Körper auf der Erde zuckten, ich erlebte im nordpakistanischen Hunza/Karimabad einen Schamanen, der zur oboenähnlichen Musik einer Mizmar und einer Trommel in weiten Sprüngen einen Kreis tanzte und sein langes schwarzes Haar hinter sich herfliegen ließ – beides waren spirituelle Tänze zur Jenseitsbeschwörung; in Maximilian Guths Komposition kam es nicht zu solchen Ekstasen und doch werden spirituelle Energien im Spiel des Quintetts spürbar.

Die in Form und Klang so große Vielfalt der Musikstücke ist für die fünf Interpreten eine Herausforderung, die sie mit makelloser Technik und in ihrem in alle Facetten und Nuancen farbenreich aufeinander abgestimmten Zusammenspiel beeindruckend meistern. Als Dankgeschenk können sich das Rheinland und seine Obrigkeit mit dieser Produktion reich beschenkt fühlen.

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