Die Stimme ist ein Erlebnis: volltönend und außergewöhnlich kultiviert, von müheloser technischer Souveränität und einem unverwechselbaren, kraftvoll-metallischen Timbre noch im feinsten Pianissimo. Man findet auf CD keinen vergleichbaren Klang - höchstens hier und da eine gewisse Ähnlichkeit, etwa bei Roman Trekel oder Konrad Jarnot.
Barry McDaniel war auf dem Höhepunkt seiner Karriere - etwa von Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre - als Opernsänger in ganz Deutschland und darüber hinaus gefeiert, als Liedsänger aber immer ein Geheimtipp für Experten. Dass er auf diesem Gebiet zu den großen Interpreten seiner Zeit gehörte, davon geben diese zwei CDs einen ersten nachhaltigen Eindruck. Die vier Themenbereiche - Schubert, Schumann, Wolf und französische Mélodies - zeigen viele (nicht alle) Facetten seines Könnens. Allen gemeinsam ist eine ganz eigene Präsenz und Lebendigkeit des Ausdrucks, die auch der intensiven Verschmelzung von Text und Musik entspringt.
Die erste Hälfte von CD 1 gehört einer 1963 aufgenommenen Gruppe von zehn Schubert-Liedern, angefangen mit einem wunderbar über mehr als acht Minuten ausgesponnenen "Winterabend". Die Mehrzahl dieser Lieder ist vom Charakter her meditativ oder introvertiert und erfordert Konzentration - aber die lohnt sich.
Die zweite Hälfte von CD 1 ist Schumann gewidmet: nicht die ganz großen "Schlager", dafür seltener Gehörtes: der sehr schöne Lenau-Zyklus einschließlich des "Requiem", "Ihre Stimme", und vor allem das großartige "Aus den hebräischen Gesängen", vielleicht der Höhepunkt dieser CD 1.
Auf CD 2 hat der Pianist gewechselt: ist Hertha Klust eine einfühlsame Begleiterin, so ist Aribert Reimann ein selbstbewusst mitgestaltender Partner gerade für Hugo Wolf, bei dem Wort und Musik, Stimme und Klavier so vielfältig ineinander verschränkt sind. Und in der "Äolsharfe" zeigt Barry McDaniel, wie subtil er mit dynamischen Abstufungen ein Lied zum Höhepunkt aufbauen" kann.
Die zweite Hälfte von CD 2 präsentiert Barry McDaniel mit einem Repertoire, bei dem er östlich des Rheins keine Konkurrenz hatte: dem französischen Kunstlied. Ich will der Online-Rezension widersprechen, derzufolge er Duparcs hochsensiblen Gesängen etwas an französischer Eleganz und idiomatischer Treffsicherheit schuldig bleibt. Seine Legatokultur, seine Phrasierung und seine dynamischen Schattierungen sind beispielhaft. Eher fügt er (auch im Zusammenspiel mit Aribert Reimann) etwas hinzu: eine emotionale Intensität und Unmittelbarkeit, die man dort nicht gewohnt ist zu hören, die aber überzeugt (sogar fasziniert!), weil sie aus der Musik entsteht und deren Subtilität keinen Abbruch tut. Duparc braucht keine Zwangsjacke. In Debussys höfisch-galantem "Promenoir des deux amants" am Ende von CD 2 ist dieser heiße Atem dann schon wieder auf Salontemperatur abgekühlt.
Dazwischen steht eine spannende Entdeckung: Ravels "Chansons madécasses". Die drei Lieder nach Texten von Evariste de Parny - explizit erotisch bis engagiert antirassistisch - sind inhaltlich wie musikalisch (in ihrer Anlehnung an Schönberg) Ravels anspruchsvollstes Liedwerk und wie gemacht für den leidenschaftlichen Ernstnehmer Barry McDaniel, zudem ein Beleg für seinen souveränen Umgang mit neuerer Musik.
Wie alle historischen Aufnahmen kommen auch diese (die übrigens technisch von ausgezeichneter Qualität sind) aus einer anderen Welt. Barry McDaniel, der vielfarbige Mosaikstein im Musikleben der alten Bundesrepublik, ist eine Entdeckung für Interessenten der neueren Gesangsgeschichte ebenso wie für Liebhaber ausgesucht schöner Stimmen. Dabei tritt er nicht in unmittelbare Konkurrenz zu den ganz anders gepolten Interpreten von heute - oder vielleicht doch? Wer sich beim (Männer-)Liedgesang manchmal nach Abwechslung sehnt von wohlkalkulierter Gestaltungsarbeit, Manierismen als Geschmacksverstärker von Empfindung und dem freudlosen Wetteifern um immer noch mehr Ernsthaftigkeit, der findet sie hier reichlich. Eben weil Barry McDaniel in seiner Musik das Leben ernst nimmt, kann er ihm auch seine Leichtigkeit lassen - in der "Fischerweise", dem "Provenzalischen Lied" oder dem "Abschied". Das ist eine erfrischende, wohltuende Erfahrung, die allein diese Doppel-CD mehr als wert macht.