Rezension
www.amazon.de 23. November 2004 | Dr. Klaus Meilinger | 23. November 2004
Faszinierende Liszt-Interpretation
Der 1963 geborene Helmut Deutsch errang 1993, also im Jahr der Einspielung der vorliegenden CD, den ersten Preis beim Internationalen Orgelwettbewerb „Franz Liszt" in Budapest, nachdem er in den Jahren zuvor bereits wichtige Wettbewerbe gewonnen hatte.
Deutsch, Professor für Orgel an der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg, demonstriert auf der CD, wie man „Liszt-Preisträger" wird:
Neben der intensiven Beschäftigung mit dem Komponisten bedarf es einer überragenden Spieltechnik und (!) eines ausgeprägten Gespürs für Liszts musikalische Intention; ansonsten läuft der Interpret Gefahr, nur ein sinnentleertes virtuoses Feuerwerk zu zünden, eine „Schnulze" zu produzieren oder gar beides. Leider kommt dies bei konzertanten Aufführungen und auch bei Einspielungen von Lisztschen Orgelwerken gar nicht so selten vor.
Wie wohltuend ist da die Einspielung der großen Orgelwerke von Liszt sowie von zwei seiner kleineren Consolations auf dieser CD:
Schon beim ersten und wohl bekanntesten Orgelwerk Liszts überhaupt, das hier eingespielt wurde, „Präludium und Fuge über B-A-C-H", lässt Deutsch keinerlei Zweifel an seiner überragenden Technik aufkommen. Da wird blitzsauber auch in heiklen Passagen gespielt, und:
Man hat das Gefühl (auch an anderen Stellen der CD), dass der Interpret noch „zulegen" könnte, wenn er denn wollte.
Deutsch veranstaltet aber keine virtuosen Schauläufe, sondern ordnet Technik der musikalischen Aussage unter, eine Tatsache, die man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann.
Natürlich gibt es in der „B-A-C-H"-Bearbeitung sowie auch in der groß angelegten Fantasie und Fuge über „Ad nos, ad salutarem undam" Passagen typischer Lisztscher Klangekstasen, die auch vom Interpreten voll ausgekostet werden, aber es ist dann eben kompositorischer Wille, der umgesetzt wird.
Von den zwei eingespielten- selten zu hörenden- Consolations halte ich die meditative Nr.4 in Des-Dur für die musikalisch „stärkere".
Das zweite Großwerk „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" -Variationen über Bachsche Themen- ist auf Anhieb weniger „eingängig" als Liszts „B-A-C-H"-Bearbeitung. Ich finde es schon beeindruckend, wie Helmut Deutsch, nicht zuletzt aufgrund seiner herausragenden Registrierungskunst sowie durch eine ausgefeilte Dynamik, in diesem komplexen Werk Spannung aufbaut und hält.
Dieses Liszt-Opus mündet nach all dem „Weinen, Klagen...." in den bekannten Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan", der das Werk beschließt.
An dieser Stelle z.B. zeigt sich die interpretatorische Größe von Helmut Deutsch. Er spielt diese Passage recht „nüchtern", eben so, wie Liszt es sich wohl vorgestellt hatte. Ich kenne einige andere Einspielungen, die das Werk gerade hier zur Schnulze degradieren...
Das letzte Werk Liszts, das auf dieser CD eingespielt ist, „Ad nos, ad salutarem undam", stellt eine großangelegte Fantasie und Fuge über ein Thema aus Meyerbeers Oper „ Der Prophet" dar. Es ist das umfangreichste Orgelwerk Liszts überhaupt und verlangt dem Interpreten viel ab.
Auch bei diesem Opus stellt Deutsch sein Können unter Beweis: Selbst schwierigste Passagen werden auf den Manualen sowie im Pedal scheinbar mühelos bewältigt, die dem Werk immanente Dynamik hervorragend herausgearbeitet. Viele lyrische Passagen sind hinreißend schön registriert und gespielt. Besonders virtuose Stellen werden vom Organisten schon fast atemberaubend gut gemeistert.
Als Instrument wählte Helmut Deutsch die 1930 von der Fa. E.F. Walcker erbaute und 1979 von der Fa. Karl Schuke renovierte Orgel der evangelischen Versöhnungskirche Völklingen.
Das 3-manualige Instrument ist romantisch disponiert, verfügt über ein stark besetztes Schwellwerk, sehr klangschöne Flöten und Streicher, ausreichend Zungenstimmen und strahlende Prinzipalchöre. Ein Untersatz 32' rundet das Klangvolumen nach unten ab. Für meinen Geschmack etwas schwach intoniert sind die Mixturen (bei Walcker-Orgeln dieser Zeit nicht ungewöhnlich), so dass gerade bei Plenum-Registrierungen hier und da ein klein wenig „Glanz" fehlt. Insgesamt hinterlässt das Instrument jedoch einen sehr guten Eindruck und war sicher für die vorliegende Einspielung eine gute Wahl.
Wer eine außergewöhnlich gute Einspielung der großen Orgelwerke Franz Liszts sucht: Hier findet er sie.
Absolut empfehlenswert!