Rezension
Pizzicato 2/2008 | Alain Steffen | 1. Februar 2008
Böhms Beethoven-Offenbarung
Dieser Beethoven ist einmalig! Neben den vielen routinierten und (oft gelungenen und sicherlich gutgemeinten) historischen, modernen und recherchierten Einspielungen tut es richtig gut, wieder einmal einen volltönenden, klassischen Beethoven zu hören. Dabei wird einem wieder auf Anhieb so richtig bewusst, was eigentlich Beethoven ist und wie seine Musik klingen soll.
Böhm war in seinen Studioaufnahmen sicherlich nie ein besonders aufregender Interpret (seine letzte Neunte ist wohl das langweiligste Beethoven-Dokument, das existiert), was er aber hier mit knappem Einsatz fertig bringt, ist direkt sensationell. Böhm lässt die Musik einfach fließen und scheint nichts mehr zu tun, als diesen Fluss in die geeigneten Bahnen zu lenken. Wie ein Lavastrom bahnt sich die Musik ihren Weg, unaufhaltsam und alles mit sich reißend. Das Tempo bleibt dabei moderat, und doch erreicht Böhm Spannungsbögen, deren Geheimnis vor ihm vielleicht nur Furtwängler kannte. Die Entdeckungen sind vielfältig, für mich waren es die wunderbar lyrischen Auslichtungen der langsamen Sätze, Momente des Innenhaltens, Augenblicke größter Intensität.
Ohne Zweifel, dieser Beethoven ist ein glühendes Zeugnis für den Humanismus in der Musik und für die allumspannende Kraft der Melodien. Alle drei Symphonien sind trotz der riesigen Konkurrenz als Referenzaufnahmen zu bezeichnen, aber es ist vielleicht die wenig geliebte Zweite, die es mir am meisten angetan hat. Böhm lässt ihre Musik wie Juwelen aufblitzen, führt uns Melodien vor, die durch ihre Geradlinigkeit faszinieren, er lässt den Noten genug Zeit, um den Hörer zu erreichen. Die Eroica wird zu einem Monument der Menschlichkeit, die Siebte zu einer nachdenklichen Reise vom Dunkel ins Licht. Wohl dosiert, unkapriziös, aber urgewaltig in Kraft und Aussage. Eine Doppel-CD, die ohne Wenn und Aber das Prädikat 'besonders wertvoll' verdient.