Rezension
Fono Forum 5/2009 | Giselher Schubert | 1. Mai 2009
Tonsprache
Die 15 Quartette von Schostakowitsch zählen zur eindringlichsten Werkreihe, die im 20. Jahrhundert geschaffen wurde. Diese Werke beginnen fast schon den Quartetten von Bartók ihren Rang abzulaufen. Das ist leicht verständlich: Sie sind nicht auf einen letztlich doch engen, die Gestaltungsmöglichkeiten einschränkenden folkloristischen Tonfall festzulegen, in der Ausdrucksgestaltung lapidarer, prägnanter, eindeutiger und zugleich intensiver und in den spieltechnischen Ansprüchen gemäßigter.
In der relativen Einfachheit liegen freilich die interpretatorischen Probleme. Es gibt kaum technische Herausforderungen, dafür aber umso gravierendere musikalische. In den drei hier eingespielten späten Quartetten reduziert Schostakowitsch den Tonsatz geradezu aufs Elementare – auf pulsierende Rhythmen, auf kühl-fahle Melodien ohne aufwendige Begleitsysteme, auf einfache, oft wiederholte Spielfiguren. Jedes musikalische Ereignis erhält freilich auf diese Weise größte Bedeutung und muss mit einer geradezu besessenen Intensität ausgespielt werden. Das gelingt dem fabelhaften Mandelring-Quartett mit vorbildlichem Engagement. Hier entsteht eine Gesamteinspielung der Werke, die Referenzstatus gewinnen wird.
Das Ensemble spielt aus einem homogenen Gesamtklang heraus, der gleichwohl größte Transparenz behält und noch im dichtesten Tumult gegliedert, strukturiert und, unterstützt von einer vorzüglichen Aufnahmetechnik, gut durchhörbar bleibt. Alle Spielanweisungen interpretiert es als Ausdrucksbezeichnungen; es kommuniziert mit dem Hörer und gibt der Musik den Charakter einer nachdrücklich vielsagenden Tonsprache.