Den entgegengesetzten Weg der emotionalen Verdunkelung, der Verdichtung und Vertiefung des äußerlich nur eleganten und geschmeidigen Seelenpotentials betreibt die in Italien lebende Russin Anna Malikova in den vor allem hierzulande noch immer sträflich unterschätzten Klavierkonzerten von Camille Saint-Saëns, die sie gemeinsam mit dem WDR-Sinfonieorchester und Thomas Sanderling für das Detmolder Label Audite zum ersten Mal im 5.0-DSD-Format produziert hat. Die aus Taschkent stammende Pianistin versucht mit wärmendem russischen Pathos und mit großem Ernst, den als altmodisch, oberflächlich und rhapsodisch getadelten "Machwerken" eines Unzeitgemäßen die Würde, die Aura, die Bedeutung von Meisterwerken zurückzugeben – und dies wäre gewiß noch überzeugender, wenn auch die WDR-Sinfoniker mehr französischen Esprit anstatt nur biedere Routine an den Tag legten. Natürlich hat hier Stephen Hough in seiner umjubelten Gesamteinspielung aus dem Jahr 2000 (Hyperion) mehr intellektuelles Profil und auch mehr technische Bravour aufblitzen lassen, aber Anna Malikova gleicht diesen Vorsprung aus durch ihre Empfindungstiefe und ihre ausgeprägte lyrische Kraft. In der Differenz beider Ansätze spiegelt sich der weite musikalische Horizont dieser Konzerte, und es wird klar, dass Saint-Saëns hier wirklich große, "interpretationsfähige" Musik geschaffen hat, die diese Rehabilitierung längst verdient.