Rezension
Fono Forum August 2007 | Peter T. Köster | December 2, -1
Legenden in seltenen Aufnahmen
Das aktuelle Angebot an historischen Orchesteraufnahmen bietet interessante Alternativen und Ergänzungen zur Diskographie der großen Maestri. Vor allem Freunde russischer Musik kommen dabei auf ihre Kosten.
Im Jahr 1951 fand in Berlin ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen der Generationen statt: Der damals 74-jährige Alfred Cortot, Poet des Klaviers und einer der letzten großen Vertreter der romantischen Schule, spielte Schumanns Klavierkonzert zusammen mit dem RSO Berlin unter dem gerade einmal halb so alten Ferenc Fricsay, Exponent eines modernen Dirigententyps und Ingenieur eines trockenen, glasklaren Orchesterklangs. Mit der Veröffentlichung des Live-Mitschnitts startet das Label Audite eine neue Reihe, die dem im Alter von nur 48 Jahren an Krebs gestorbenen Dirigenten gewidmet ist. Wer an falschen Tönen im Klavier Anstoß nimmt, sollte das Geld sparen, doch wer musikalische Erlebnisse jenseits der Null-Fehler-Ästhetik sucht, kann hier Zeuge einer ganz außergewöhnlichen Zusammenarbeit werden. Absolut spannend ist auch Fricsays aufgeheizte Wiedergabe der fünften Tschaikowsky-Sinfonie, die beim Festkonzert zum zehnjährigen Bestehen des RSO mitgeschnitten wurde – ein gelungener Auftakt zu einer viel versprechenden Serie.
Ebenfalls bei Audite erscheint eine Reihe von Rundfunkaufnahmen mit Karl Böhm, deren erste Folge mit Live-Mitschnitten des WDR neben Böhms Hausgöttern Strauss („Don Juan“) und Mozart (Sinfonie Nr. 28) auch die „Feuervogel“-Suite von Igor Strawinsky enthält – ein Komponist, der bisher in Böhms Diskographie fehlte. Wie immer klingt auch diese Partitur bei Böhm solide-bodenständig und einleuchtend. Sein Musizieren hat etwas Körperliches, bietet sozusagen Musik zum Anfassen.