Es gibt ihn aktuell stärker ausgeprägt als je zuvor in dieser sich so rational gebenden Zeit, den romantischen Habitus. Der uns neuerlich und durchaus neuerdings nicht nur auf der Kunstbiennale zu Venedig lehrt, mit den Sinnen zu denken und mit dem Hirn zu fühlen, mit den Augen zu hören, mit den Ohren zu sehen. Wer repräsentierte diesen romantischen Geist nachdrücklicher als die romantische Instanz schlechthin, der Sachse aus dem Rheinland, der göttliche Pianist anfänglich, der klare Denker dann, der faire Kritiker, der große Komponist Robert Schumann. Ein mediterraner Mensch aus Nizza hat märchenhafte Miniaturen, passionierte Szenen, emphatische Phantasien aus Robert Schumanns Entdeckerwerkstatt einem japanischen Shigeru Kawai anvertraut, einem Instrument, das sich selbst in die Spitzengruppe internationaler Meisterflügel einordnet. Und neben den Bösendorfern, Steinways, Yamahas dort seine unverwechselbare Stimme selbstbewusst und um Gleichberechtigung buhlend, einklingend einklinkt.
[MUSIK Robert Schumann/Waldszenen/Eintritt]
Nicolas Bringuier spielt Schumann – auf einer Super-Audio-CD des Hauses audite. Vertreten sind Schumanns drei Fantasiestücke Opus 111, die Fantasie Opus 17 sowie die Waldszenen Opus 82. Aus diesem, den Musikbetrieb eher selten schmückenden, Zyklus war gerade das eröffnende Stück mit dem verheißungsvollen Titel Eintritt zu hören. Und wer Augen hat zu hören oder Ohren, die sehen können, dem fällt bei diesen Klängen nicht zuerst der Agitprop einer Autoverhinderungslobby oder die sauere Militanz gegen den saueren Regen ein. Gewiss, ohne den Aktionismus solcher Kreise sähe die Umweltbilanz der Bundesrepublik Deutschland deutlich anders aus. Solche Gedanken waren in Schumanns Zeitalter noch nicht zeitgemäß. So um die Jahreswende 1848/1849 komponierte Schumann neun Miniaturen. Die erinnern in ihrer zyklischen Anlage an die Kinderszenen, in ihrer musikalischen Brisanz an Schumann alleine.
[MUSIK Robert Schumann/Waldszenen/Vogel als Prophet]
Vogel als Prophet – die Nummer sieben der neun als Waldszenen titulierten Miniaturen von Robert Schumann, gespielt von Nicolas Bringuier. Der ist in Nizza 1980 geboren. Er studierte in Paris und Berlin, eine prägende Vorbildpersönlichkeit in seiner Entwicklung ist Oleg Maisenberg. Nicolas Bringuier findet einen sehr eigenen Tonfall im Enträtseln der Schumann´schen Geheimnisse, beim Ausloten der Seelendimensionen dessen, was Schumann ja nicht nur gedacht und erdacht hat. Sondern auch gelebt, durchlebt, durchlitten hat. Da gibt es bekanntlich verschiedene Möglichkeiten, solche Bandbreiten darzustellen. Mancher bleibt im Kitsch stecken, manch anderer verzehrt sich in sentiment pure. Der junge Franzose orientiert sich an der Klarheit der Materialien, aus denen sein japanischer Flügel gefertigt ist und verzichtet folglich auf redundante ritardandi und rubati, auf donnerndes Getöse und sentimentales Geschwurbel. Und das bekommt Schumann entgegen aller Erwartung gut, diese in objektivierende Neutralität zielende Haltung, die sich im Dienst an der Musik und auf dem Umweg über das Klavier „als Sprachrohr der Seele“ versteht.
[MUSIK Robert Schumann/Fantasiestücke Opus 111/ Sehr rasch, mit leidenschaftlichem Vortrag]
Sehr rasch, mit leidenschaftlichem Vortrag ist das erste der drei Fantasiestücke Opus 111 überschrieben. Gewiss lässt sich hier ein titanengleiches hämmern in die Tastatur denken – da und dort wird es ja auch praktiziert. Diese feine, die noble Art, in der Nicolas Bringuier hier Chiffren analysiert, sie auseinaderdividiert und neu zusammensetzt, lässt eine ungewohnte Schumann-Erfahrung erleben. Eine, die tatsächlich überzeugt.
[MUSIK Robert Schumann/Fantasie opus 17/ Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vorzutragen]
Über diesem Satz steht Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vorzutragen. Nicolas Bringuier löst das auf seine, den eingeschliffenen Erwartungshaltungen kontrastierende, Art ein. Und das macht diese sensible, feine, noble Super-Audio-CD aus dem Haus audite so besonders. Die audite-Leute kommen ja bekanntlich als Technik-Fetischisten daher. Dass ihnen das Wesentliche der Musik aber genau so wesentlich ist, lassen sie immer wieder erleben. Das war eben der eröffnende Satz aus der Fantasie Opus 17 von Robert Schumann. 1836 bis 1838 entstanden, fällt sie in Schumanns Leipziger „Klavierjahrzehnt“.
Manch einer tituliert sie als des Komponisten gelungenstes Klavierwerk. Darüber ließe sich trefflich streiten – ohne dass am Ende wahrlich sinnvolles herauskäme. Immerhin lässt sich die Fantasie als freie Variante der Sonate begreifen, rein formal gesehen, in ihrer Dreisätzigkeit, so nach dem Motto, dass das Prinzip des Sonatensatzes quasi symbolisch wirksam wäre. Über den Gehalt der Musik sagt das nichts. Der lässt sich schon eher aus dem literarischen Bezug herauslesen. Friedrich Schlegels Gedicht „Die Gebüsche“ gibt das Leitmotiv:
„Durch alle Töne tönet/
Im bunten Erdentraum/
Ein leiser Ton gezogen/
Für den der heimlich lauscht“.
Mystisches, Mysteriöses wird hier angestoßen. Und vom siebenundzwanzigjährigen Nicolas Bringuier behutsam und sanft und dennoch wie gefordert - leidenschaftlich dargeboten. Als „das Passionierteste, was ich je gemacht“ vom damals ebenfalls siebenundzwanzigjährigen Komponisten bezeichnet, verweist auch dieser literarische Musikbezug gewissermaßen in den Wald, des romantischen Visionärs und deutschen Denkers wichtigste Region. Mit dem Eintritt in eben jenen Wald hatte dieser CD-Tipp begonnen. Mit dem Abschied, der neunten und letzten der Schumann´schen Waldszenen geht er zu Ende.
[MUSIK Robert Schumann/Waldszenen/Abschied]
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Es gibt ihn aktuell stärker ausgeprägt als je zuvor in dieser sich so rational gebenden Zeit, den romantischen Habitus. Der uns neuerlich und durchaus neuerdings nicht nur auf der Kunstbiennale zu Venedig lehrt, mit den Sinnen zu denken und mit dem Hirn zu fühlen, mit den Augen zu hören, mit den Ohren zu sehen. Wer repräsentierte diesen romantischen Geist nachdrücklicher als die romantische Instanz schlechthin, der Sachse aus dem Rheinland, der göttliche Pianist anfänglich, der klare Denker dann, der faire Kritiker, der große Komponist Robert Schumann. Ein mediterraner Mensch aus Nizza hat märchenhafte Miniaturen, passionierte Szenen, emphatische Phantasien aus Robert Schumanns Entdeckerwerkstatt einem japanischen Shigeru Kawai anvertraut, einem Instrument, das sich selbst in die Spitzengruppe internationaler Meisterflügel einordnet. Und neben den Bösendorfern, Steinways, Yamahas dort seine unverwechselbare Stimme selbstbewusst und um Gleichberechtigung buhlend, einklingend einklinkt: Nicolas Bringuier spielt Schumann – auf einer Super-Audio-CD des technikaffinen und Musik-begeisterten Hauses audite.
Bringuier, 1980 an der Cote d´azur geboren, studierte in Paris und Berlin, eine prägende Vorbildpersönlichkeit ins einer Entwicklung ist Oleg Maisenberg. Nicolas Bringuier findet seinen sehr eigenen Tonfall im Enträtseln der Schumann´schen Geheimnisse, beim Ausloten der Seelendimensionen dessen, was Schumann ja nicht nur gedacht und erdacht hat. Sondern auch gelebt, durchlebt, durchlitten hat. Da gibt es bekanntlich verschiendene Möglichkeiten, solche Bandbreiten darzustellen. Mancher bleibt im Kitsch stecken, manch anderer verzehrt sich in sentiment pure. Der junge Franzose orientiert sich an der Klarheit der Materialien, aus denen sein japanischer Flügel gefertigt ist und er verzichtet auf redundante ritardandi und rubati, auf donnerndes Getöse und sentimentales Geschwurbel. Und das bekommt Schumann entgegen aller Erwartung gut, diese in objektivierende Neutralität zielende Haltung, die sich im Dienst an der Musik und auf dem Umweg über das Klavier „als Sprachrohr der Seele“ versteht.