Rezension
Fono Forum Dezember 2010 12/10 | Ingo Harden | November 17, 2010
Alt und gut
Die Erstveröffentlichung des Beethoven-Abends, den der 85-jährige Wilhelm Backhaus im Mai 1969 in Berlin gab, ist einer der wertvollen Funde auf dem vielbeackerten Feld der Archiv-Bestände. Backhaus galt hierzulande spätestens nach 1945 als der zuverlässigste, aber nicht unbedingt beflügelndste "Klassiker" unter den pianistischen Hausgöttern. Im Vergleich zu Gieseking, Kempff und Fischer ging es bei ihm immer etwas nüchterner zu, sein bekannter Studiozyklus der 32 Klaviersonaten wirkt wie eine Bestätigung dieser Eindrücke.
Die neuen Mitschnitte aus dem RIAS Fundus ergänzen dieses Bild ähnlich aufschlussreich wie Deccas legendäres, im Ton sehr persönliches "letztes Konzert" vom Juli desselben Jahres. Sie machen erfahrbar, was die künstlerische Bedeutung Backhaus' im Kern ausmachte: nämlich über die souveräne (und uneitel eingesetzte) technische Beherrschung des Instruments hinaus der sichere Blick für die inneren Zusammenhänge des Komponierten. Ihnen ordnete er mit großem Zugriff alle Einzelheiten unter, seine "Klassizität" hatte nichts mit den Notenfuchsereien zu tun, die heute gerne mit diesem Etikett versehen werden.
Am eindrucksvollsten offenbart sich dieser große Backhaus im ersten Satz der späten E-Dur-Sonate, deren fantasieartiger Charakter wohl kaum jemals eindringlicher herausgespielt wurde als an diesem Abend. Tadelloses Remastering, vor lauten Akkorden machen sich leise, an entschwundene und fast schon vergessene Tonbandzeiten erinnernde "Vorechos" bemerkbar.