Womit zeigt ein Mann seine Liebe? Mit roten Rosen? Mit kostbarem Schmuck? Der Komponist Leos Janácek hatte mehr zu bieten, als er im Alter von über 70 Jahren seiner jungen Angebeteten seine tiefe Leidenschaft bekundete: er schrieb ihr, getarnt als "Intime Briefe", ein Streichquartett.
"Jubel, heißes Bekenntnis der Liebe, wehklagend; unbezähmbare Sehnsucht, unerbittlicher Entschluß, mich mit der Welt um Dich zu schlagen ... Ach das ist ein Werk, als ob man es aus lebendigem Fleisch herausschnitte. Ich glaube, ich schreibe nichts Tieferes und Wahrhaftigeres mehr."
Starke Worte für starke, übermächtige Gefühle gerichtet an Kamila Stösslova, die junge Gattin eines Altwarenhändlers, die Janáček als Freundin, Geliebte und Muse umschwärmte. Als Symbol größter Nähe setzte Janáček statt der Bratsche die "Viola d'amore" ein:
"Das Ganze wird von einem besonderen Instrument zusammengehalten, es heißt Viola d'amour – Liebesviola ... In dieser Arbeit werde ich mit Dir allein sein. Kein Dritter neben uns."
Aufgekratzte Stimmung
Diese intime Begegnung äußert sich in vier Sätzen, weit entfernt von klassischen Satztypen, dabei voller emotionaler Irrationalität. Plötzliche Tempowechsel, kurze leidenschaftliche Melodiefetzen, zärtliche Elegien, so findet Janáček in der ihm typischen Art eigene "Worte" für die vier Streichinstrumente. Das Mandelring Quartett mit Gunter Teuffel an der Viola d'amore meistert souverän diese spieltechnisch anspruchsvolle Janáčeksche Syntax und schafft es, durch die Fülle der Klangfarben vom rauhen Schreien bis zum fahlen Säuseln eine in der Tat aufgekratzte Stimmung zu kreiieren, die dem unsteten Getriebenensein verpflichtet ist.
Rekonstruktion der Urfassung
Eine Besonderheit bezüglich des 2. Streichquartetts konnte das Mandelring Quartett für diese CD initiieren: Den ursprünglich für Viola d'amore konzipierten Part mußte Janáček aus aufführungsspraktischen Gründen für die Bratsche umschreiben. Diesen Weg gehen jetzt die Quartettmusiker gemeinsam mit Gunter Teuffel rückwärts. Aus Skizzen und anderem Recherchematerial rekonstruierten sie die Urfassung des 2. Streichquartetts, beide viersätzigen Versionen befinden sich auf der CD und laden zum aufschlußreichen Vergleichen ein.
Einheit von Wort und Musik
Im ersten Werk dieser CD angeregt und aufgeregt durch Tolstois Erzählung "Die Kreutzersonate" protestierte Janáček gegen die Rachehandlungen des gehörnten Ehemanns in einer Art moralischem Kontrapunkt. Dass er dafür sprechende, ja anklagende Klänge in seinem ersten Streichquartett fand, zeigt in dieser packenden Aufnahme des Mandelring Quartetts einmal mehr die herausragende Gabe Janáčeks, Wort und Musik, Sprache und Melodie als sinnstiftende und sinnliche Einheit zu begreifen.