Rezension
Bayern 4 Klassik - CD-Tipp Dienstag, 30. November 2010 | Fridemann Leipold | November 30, 2010
Erica Morini Violinvirtuosin alter Schule
Diese hervorragend restaurierten Tondokumente rufen die Erinnerung an eine Violinvirtuosin alter Schule wach, deren Nachruhm bedauerlicherweise hinter der früh verstorbenen Ginette Neveu und der lebenden Legende Ida Haendel verblasste: Erica Morini, geboren 1905 im kunstsinnigen Wien, gestorben 1995 im New Yorker Exil.
Allenfalls die Tatsche, dass der hochbetagten Morini während des letzten Krankenhausaufenthalts ihre kostbare Stradivari aus ihrem New Yorker Appartement gestohlen wurde, mit der sie nach ihrem Tod eigentlich jüdische Wohltätigkeitsorganisationen hatte unterstützen wollen, überlebte als tragische Anekdote.
Vom Wunderkind zur ernsthaften Musikerin
Erica Morini, die aus einer jüdischen Wiener Musikerfamilie stammte, schaffte den Sprung vom Wunderkind-Status zur ernsthaften Musiker-Karriere - dank ihrer soliden Ausbildung unter anderem bei dem berühmten böhmischen Pädagogen Otakar Ševcík (dessen Violinschule heute noch in Gebrauch ist). Nach dem nationalsozialistischen "Anschluss" Österreichs verließ Erica Morini ihre Heimat, emigrierte in die USA und wurde amerikanische Staatsbürgerin. Bis ins hohe Alter konzertierte sie weltweit mit Dirigenten wie Arthur Nikisch, Serge Koussewitzky, Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter. Dennoch schätzte sie ihre Position im damaligen Musikbetrieb ganz realistisch ein: "Ein Geiger ist ein Geiger, und als solcher bin ich zu beurteilen - nicht als weibliche Musikerin." Um am Ende ernüchtert zu resümieren: "Niemand will Geigerinnen."
Phänomenales Geigenspiel
Von Erica Morinis phänomenalem Geigenspiel, zumal unter Live-Bedingungen, zeugt der hier erstmals veröffentlichte Konzertmitschnitt von 1952 aus dem Berliner Titania-Palast. Damals musizierte sie eines ihrer Paradestücke, das furiose Tschaikowsky-Konzert, mit eigenwilliger Phrasierung und wunderbar ausgeglichener Tongebung, mit feinen Lyrismen und völlig unsentimentaler Attacke. Die zeittypischen Portamenti bewegen sich hier sehr im Rahmen, allenfalls manche Rubati wirken heute etwas antiquiert. Morinis Tschaikowsky-Interpretation ist jederzeit klar gefasst, ufert nie exzentrisch aus, hat Zug und Charme. Das RIAS-Symphonie-Orchester unter seinem damaligen Chefdirigenten Ferenc Fricsay steuert markante Kontur und schöne Holzbläser-Soli bei.
Niemand spielt Kreisler wie Morini
Wie anrührend Barockmusik (meist in romantisierenden Bearbeitungen) seinerzeit klingen konnte, belegen die beigegebenen Studio-Produktionen, ebenfalls von 1952, aus den Archiven des RIAS Berlin. Tartini oder Vivaldi changieren bei Erica Morini und ihrem bewährten Klavierpartner Michael Raucheisen zwischen innig ausgesungenem und hymnisch grandiosem Tonfall. Ihre stupende Bogentechnik kann man vor allem in den Gustostücken von Fritz Kreisler bewundern - schließlich lobte der Meister selbst: "Niemand spielt Kreisler wie Morini."