Rezension
Pizzicato N° 219 - 1/2012 | Alain Steffen | January 1, 2012
Klemperer, der Bildhauer
Wenn man von den großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts schwärmt, dann spricht man in erster Linie von Wilhelm Furtwängler, Arturo Toscanini, Bruno Walter und Herbert von Karajan. Einer der immer gerne vergessen wird, ist Otto Klemperer, ein Dirigent, der für mich unbedingt in einem gleichen Atemzug mit den oben genannten erwähnt werden muss. Klemperer war ein Bildhauer, der oft schroffe, dunkle Klänge und harte Akzente in seinen Interpretationen bevorzugte, und das in einer Zeit, wo der große Atem Furtwänglers als das Höchste angesehen wurde. Doch hört man genau hin, so besitzen Klemperers atemberaubende Deutungen die gleiche Tiefe und die gleiche Intensität, nur dass er sie eben anders darstellt. Nämlich weniger gefällig. Kein anderer Dirigent hat es fertiggebracht, die Symphonien Beethovens so düster und archaisch zu interpretieren wie eben Klemperer.
Die hier vorliegende Box von Audite mit fünf CDs lässt die Legende Klemperer noch einmal aufleben. Es sind auch hier wieder die Symphonien Beethovens, nämlich die Zweite, die Dritte, die Sechste und das 3. Klavierkonzert, die aufhorchen lassen. Es ist ein gewaltiger Beethoven, den uns Klemperer hier vorführt, mit einer Musik, die wie aus Stein gemeißelt ist. Und dennoch sind die Interpretationen enorm intensiv und emotional. Auch Mozarts Symphonien Nr. 25, 29 und 38, sowie seine 'Serenata Notturna' und die 'Don Giovanni'-Ouvertüre belegen, dass Klemperers Deutungen auch heute noch aktuell und weitaus faszinierender sind, als die vielen kleinkalibrigen Deutungen, die uns heute gerne als das absolut Optimale verkauft werden.
In dem Sinne ist auch die sehr dramatische und unter Klemperer gar nicht so harmlose 4. Symphonie von Gustav Mahler zu sehen. Auch Klemperers meisterliche Interpretation der 'Nobilissima Visione'-Suite von Paul Hindemith vermag durchaus zu faszinieren, während die beiden Solisten Hans-Erich Riebensahm, Klavier (Beethoven) und Elfriede Trötschel, Sopran (Mahler) einen guten Eindruck hinterlassen.
Die Aufnahmen zeigen das RIAS-Symphonieorchester resp. das Radio-Symphonie-Orchester Berlin in Bestform. Technisch sind diese Audite-Produktionen klanglich hervorragend bearbeitet worden und entsprechen dem von Klemperer angestrebten dunkel timbrierten und kraftvollen Klangbild.