Rezension
Deutschlandfunk Dienstag, 28. August 2012, Nachtkonzert, 02.05-3.00 Uhr | Bernd Heyder | August 28, 2012
Meilenstein der Bach-Interpretation
Die erste Stunde des Nachtkonzerts ist einem außergewöhnlichen Aufnahmeprojekt gewidmet, das vor mehr als sechs Jahrzehnten, in den Wiederaufbau-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, Gestalt annahm: die Einspielung aller Kantaten Johann Sebastian Bachs durch den noch jungen Radiosender RIAS Berlin. Mit diesen Rundfunk-Produktionen unter der künstlerischen Leitung von Karl Ristenpart begründete der RIAS-Kammerchor seinen bis heute gültigen Ruf als eine der weltweit führenden Vokalformationen. Ein Großteil der Aufnahmen ist erhalten geblieben, und kürzlich erschien eine Auswahl-Edition mit 29 Kantaten in Koproduktion mit Deutschlandradio Kultur beim Label Audite auf CD. Einige Höhepunkte daraus möchten wir Ihnen hier vorstellen. Dazu begrüßt Sie Bernd Heyder im Studio.
Musik 1)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Es erhub sich ein Streit“, BWV 19:
Eingangschor (Auszug)
Das waren der RIAS-Kammerchor und das RIAS-Kammerorchester mit einem Ausschnitt aus dem Eingangschor von Johann Sebastian Bachs Kantate „Es erhub sich ein Streit“, Werk-Verzeichnis 19; die Leitung hatte Karl Ristenpart. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1950. Sie war Teil eines Einspielungsprojektes, das vier Jahre zuvor in der Musikabteilung des gerade gegründeten RIAS Berlin seinen Anfang genommen hatte. Der „Rundfunk im Amerikanischen Sektor“ war von der amerikanischen Militäradministration als unabhängige Gegenstimme zum sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk ins Leben gerufen worden. Weit über die Grenzen der Stadt hinaus sendete der RIAS Berlin in die sowjetisch besetzte Zone. Von Anfang an gehörten sonntägliche Sendungen mit geistlicher Musik zum Programmauftrag.
Da das Schallarchiv des Senders erst allmählich aufgebaut wurde und man anfangs kaum auf ältere Tonträger zurückgreifen konnte, war es wichtig, die benötigten Aufnahmen selbst zu produzieren. Und da beschloss die von Elsa Schiller geleitete Musikabteilung, sämtliche etwa 200 Kirchenkantaten Bachs mit den hauseigenen Ensembles einzuspielen; die künstlerische Umsetzung sollte in den Händen von Karl Ristenpart liegen.
Den im Jahr 1900 geborenen Dirigenten hatten die amerikanischen Behörden 1946 mit dem Aufbau der Rundfunk-Klangkörper betraut. Ristenpart hatte in den 20er Jahren am Stern’schen Konservatorium in Berlin und an der Wiener Akademie der Tonkunst studiert und 1932 in Berlin ein eigenes Kammerorchester gegründet. Neben seinen musikalischen Qualitäten empfahl ihn nach dem Zweiten Weltkrieg sicher auch die Tatsache, dass er sich 1933 geweigert hatte, der NSDAP beizutreten, obwohl das seiner Dirigentenkarriere damals sicherlich dienlich gewesen wäre. Wie sein Vorbild Hermann Scherchen faszinierte Ristenpart die zeitgenössische wie die ältere Musik gleichermaßen – und in letzterem Bereich insbesondere Johann Sebastian Bach.
Beim RIAS Berlin baute Ristenpart neben dem Symphonierochester und dem Tanzorchester auch ein Kammerorchester auf. Es bildete für ihn das ideale Ensemble für seine Interpretationen barocker Musik, und das nicht nur im rein instrumentalen Repertoire: Auch in der Aufführung Bach’scher Vokalwerke ging Ristenpart in deutliche Distanz zu den seinerzeit gängigen Monumentalbesetzungen. Ebenso lehnte er aber jene sachlich-distanzierte Deutung dieser Musik ab, wie sie damals von vielen Vertretern der anti-romantischen Bach-Bewegung favorisiert wurde.
In der folgenden Aufnahme des Eingangssatzes aus der Kantate „Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedriget werdet“ mit seinen ausgedehnten Instrumentalritornellen lässt sich gut verfolgen, wie Ristenpart seinen Ansatz mit dem RIAS-Kammerorchester verwirklichte und wie er ihn auch auf den Vokal-Bereich übertrug.
Musik 2)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedriget werden“, BWV 47:
Eingangschor
In einer Aufnahme von 1952 hörten Sie den Eingangschor der Kantate „Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedriget werden“ von Johann Sebastian Bach, interpretiert vom RIAS-Kammerchor und -Kammerorchester unter Karl Ristenpart.
Als Aufnahme-Ort für die Kantatenproduktionen des RIAS Berlin etablierte sich die Jesus-Christus-Kirche im Stadtteil Dahlem, ein 1932 geweihtes Gotteshaus, das sich in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem Zentrum der Bekennenden Kirche entwickelt hatte. Bis heute dient die Kirche neben ihrer religiösen Funktion auch als Aufnahmestudio, unter anderem für Produktionen des DeutschlandRadios, zu dem sich der RIAS Berlin 1994 gemeinsam mit dem Deutschlandsender Kultur und dem Deutschlandfunk formierte.
Karl Ristenpart stellte den Chor mit etwa drei Dutzend Sängern für die Bach-Projekte zunächst immer wieder neu zusammen; erst im Oktober 1948 erhielt er seine institutionelle Form. Vereinzelt setzte Ristenpart neben den Erwachsenenstimmen des Kammerchores aber auch die jungen Sänger des RIAS-Knabenchores ein. Die Einstudierung der vokalen Ensemblesätze vertraute er den Chorleitern Herbert Froitzheim und Günther Arndt an.
Aus Ristenparts relativ kleinen Chor- und Orchesterbesetzungen spricht der Wunsch, Bachs Musik sehr detailgenau und doch in ihrer ganzen Expressivität hörbar zu machen. Dazu suchte er auch Vokalsolistinnen und –solisten mit klaren und flexiblen Stimmen, und schnell fand er im Ensemble der Deutschen Oper in West-Berlin zwei herausragende Sänger für die Tenor- und Bass-Partien: Helmut Krebs und Dietrich Fischer-Dieskau. Der 1913 in Aachen geborene Krebs konnte schon auf Vorkriegs-Erfolge an der Berliner Volksoper zurückblicken. Der 22-jährige Fischer-Dieskau hatte gerade mit der Einspielung von Schuberts „Winterreise“ für den RIAS Berlin sein Rundfunk-Debüt absolviert, als er im Februar 1948 erstmals in Ristenparts Bach-Projekt mitwirkte. Im folgenden Ausschnitt aus dem zweiten Teil der Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ BWV 76 sind nacheinander Fischer-Dieskau als Rezitativ- und Krebs als Ariensänger zu hören.
Musik 3)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“, BWV 76:
Rezitativ „Gott segne noch die treue Schar“
Arie „Hasse nur, hasse mich recht“
Der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und der Tenor Helmut Krebs sangen zwei Sätze aus Bachs Kantate 76, begleitet vom RIAS-Kammerorchester unter Karl Ristenpart. Die Aufnahme entstand im Mai 1950. Unmittelbar darauf spielte Fischer-Dieskau unter Ristenpart auch die Eingangsarie der Kantate 88 ein, „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“. Sie zählt zu den schönsten Soli, die Bach für die tiefe Männerstimme schrieb, auch wenn sie nicht die Berühmtheit seiner Solo-Kantaten oder der Bass-Partien aus den Passionen erlangt hat. Dem alttestamentlichen Text folgend führt sie dem Hörer zunächst eine Szene am Wasser und dann eine Jagdszene musikalisch vor Augen; in Dietrich Fischer-Dieskau und dem RIAS-Kammerorchester fand sie kongeniale Interpreten – wenn auch die Hornpartien in der Aufnahme merkwürdig diffus abgebildet sind.
Musik 4)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“, BWV 88:
Eingangsarie
Dietrich Fischer-Dieskau sang die Eingangsarie der Kantate „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“ BWV 88; es begleitete das RIAS-Kammerorchester unter Karl Ristenpart.
Während man Fischer-Dieskau und den Tenor Helmut Krebs fast schon als Stammsänger der damaligen Kantaten-Aufnahmen des RIAS Berlin bezeichnen könnte, war eine deutlich größere Zahl von weiblichen Solisten daran beteiligt. Unter ihnen ragte eine junge Sopranistin mit ihrer schlanken, hell timbrierten Stimme und ihrer natürlichen Deklamation hervor: Agnes Giebel. [Schnell erwarb sie sich den Ruf einer der besten Bach-Sängerinnen; der Oper verweigerte sie sich konsequent.] Mit ihr als Solistin gestattete sich Ristenpart im Juni 1951 auch einen Ausflug ins weltliche Vokalrepertoire Bachs, als er die Sopran-Solokantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ aufnahm.
Musik 5)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Weichet nur, betrübte Schatten“, BWV 202:
Arie „Sich üben im Lieben“
Agnes Giebel sang die Arie „Sich üben im Lieben“ aus Bachs Sopran-Solokantate „Weichet nur, betrübte Schatten“, BWV 202.
Nicht alle der Aufnahmen des Bach-Projektes beim RIAS Berlin sind erhalten geblieben. Viele der Produktionen aus den 40er Jahren wurden schon 1950 wieder gelöscht, vermutlich, um Aufnahmen auf höherwertigem Bandmaterial Platz zu machen. Auch war man wohl rein musikalisch auf einem Interpretationsniveau angelangt, das es nahelegte, das eine oder andere Werk noch einmal neu aufzunehmen – was dann mit 25 Kantaten geschah.
Auch für die Bach-Forschung stellte das Jahr 1950 einen Wendepunkt dar; es war die Geburtsstunde der Neuen Bachausgabe, die auf der Basis einer erneuten Analyse der überlieferten Notenquellen neue Erkenntisse für die Werkchronologie und die Aufführungspraxis gewann. Davon konnten Ristenparts Produktionen aber noch nicht profitieren, die mit dem Notenmaterial der einhundert Jahre zuvor initiierten „alten“ Bach-Gesamtausgabe arbeiten mussten. Der Dirigent stand aber im engen Kontakt zu Bach-Forschern wie Friedrich Smend und Gotthold Frotscher.
Es fällt auf, dass Ristenpart durchgängig das Cembalo anstelle der Orgel als Generalbassinstrument einsetzt; vielleicht lag das aus rein praktischen Gründen nahe. Bemerkenswerter ist sicherlich seine Entscheidung, die Mehrzahl der Blockflöten-Partien in den Kantaten auch wirklich mit Blockflöten zu besetzen und nicht, wie viele andere Dirigenten damals, von Querflöten spielen zu lassen. Den Eingangschor der Kantate 39, in dem zwei Blockflöten im Wechsel mit zwei Oboen und den Streichern zu Anfang das Brotbrechen symbolisieren, hatte man zuvor im 20. Jahrhundert wohl kaum in einem entsprechend plastischen Klang gehört:
Musik 6)
Johann Sebastian Bach
aus der Kantate „Brich den Hungrigen dein Brot“, BWV 39:
Eingangschor
Das war der Eingangssatz der Kantate 39, „Brich den Hungrigen dein Brot“, in der Interpretation Karl Ristenparts von 1950; es handelt sich um eine der frühesten Kantaten-Aufnahmen, in denen die originale Blockflötenbesetzung zu hören ist.
So groß der Elan war, mit dem das Kantaten-Projekt beim RIAS Berlin vor allem im Bach-Jahr 1950 mit allein 47 Einspielungen vorangetrieben wurde, so stark erlahmte das Engagement in der Folgezeit: von 1951 bis zur letzten Produktion am 13. Februar 1953 wurden gerade einmal neun weitere Kantatenaufnahmen produziert. Die amerikanischen Behörden hatten aus finanzpolitischen Gründen die Auflösung der RIAS-Orchester verfügt. So ging Ristenpart im Sommer 1953 zum Saarländischen Rundfunk, und ihm folgten viele Mitglieder seines Kammerorchesters. Dort entstanden dann vor allem Einspielungen des instrumentalen Bach-Repertoires, teilweise in Kooperation mit einer französischen Schallplattenfirma und wohl auch mit Rücksicht auf deren Kundenkreis.
So blieb das Berliner Projekt unvollendet; noch mehr als drei Jahrzehnte sollte es dauern, bis der Dirigent Helmuth Rilling mit seiner Gächinger Kantorei und dem Bach Collegium Stuttgart die Kantaten Bachs in einer Gesamteinspielung auf Schallplatte vorlegte; Ende der 80er Jahre brachten dann auch Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt nach fast zwanzig Jahren ihr gemeinsames Einspielungsprojekt der Kirchenkantaten Bachs zum Abschluss – zum ersten Mal auf historischen Instrumenten.
Jede der erhaltenen Aufnahmen Ristenparts ist in sich künstlerisch geschlossen, und viele von ihnen wirken immer noch überraschend modern in ihrer detailreichen und recht flüssigen Interpretationsweise – mag man heute, da sich die historische Aufführungspraxis weitestgehend etabliert hat, auch schnellere Tempi und stärker von der schwingenden Rhythmik der Takthierarchien geprägte Klangbilder barocker Musik gewöhnt sein.
Am Beispiel der Bach-Kantate zum Trinitatisfest 1725, „Es ist ein trotzig und verzagt Ding“, soll am Ende unserer Sendung deutlich werden, wie es Ristenpart verstanden hat, die Binnendynamik und die innere Dramaturgie einer solchen mehrsätzigen und entsprechend vielgestaltigen Komposition zur Geltung zu bringen. Die Aufnahme stellt Ihnen zugleich noch drei weitere Vokalsolisten des RIAS-Projektes vor: Gerda Lammers (Sopran), Charlotte Wolf-Matthäus (Alt) und Gerhard Niese (Bass).
Musik 7)
Johann Sebastian Bach
Kantate „Es ist ein trotzig und verzagt Ding“, BWV 176:
Mit Johann Sebastian Bachs Kantate 176, „Es ist ein trotzig und verzagt Ding“, gingen die „Historischen Aufnahmen“ zu Ende, in denen wir Ihnen heute das Bach-Kantatenprojekt des RIAS Berlin aus den späten 1940er und frühen 1950er Jahren vorstellten. Sie hörten den RIAS-Kammerchor und das RIAS-Kammerorchester unter der Leitung von Karl Ristenpart; die Solisten in der Kantate 176 waren Gerda Lammers (Sopran), Charlotte Wolf-Matthäus (Alt) und Gerhard Niese (Bass). Im Studio verabschiedet sich Bernd Heyder mit Dank für Ihr Interesse.