Ihre Suchergebnisse (9960 gefunden)

Fono Forum

Rezension Fono Forum November 2016 | Marcus Stäbler | November 1, 2016 Mit seinen Schnörkeln und Trillerfiguren gibt sich Beethovens frühes Quartett...

Mit seinen Schnörkeln und Trillerfiguren gibt sich Beethovens frühes Quartett op. 18 Nr. 5 noch etwas neckischer, etwas rokokohafter als die Schwesterwerke aus demselben Zyklus. Das Quartetto di Cremona spielt diese Momente mit spitzer Artikulation – und mischt so eine Prise Ironie in seine Interpretation.

Auch das Menuett beginnt noch ganz leicht und unschuldig; die Bögen scheinen zunächst über die Saiten zu schweben. Doch dann bricht der leichtfüßige Tanz mit einer rabiaten Geste ab. Wie ruppig die italienischen Streicher diese Passage in die Saiten bürsten, ist eines von vielen Beispielen für die Prägnanz, mit der sie die musikalischen Charaktere ausformen. Auch im abschließenden Finale des A-Dur-Quartetts, das in Beethovens original aberwitzigem Tempo wie aufgeschreckt wirkt, als würden die Motive hektisch durcheinanderwirbeln.

Hier deutet sich bereits Beethovens Neigung an, die Interpreten an die Grenzen des Machbaren zu treiben: wie auch und gerade im B-Dur-Quartett op. 130. Der Presto-Satz etwa ist ein echter Fingerbrecher für den ersten Geiger. Manche Ensembles schalten deshalb einen Gang zurück. Das Quartetto di Cremona spielt das Presto dagegen mit extra durchgedrücktem Gaspedal. Die drei unteren Stimmen scheinen die erste Geige im Mittelteil unerbittlich voranzuhetzen – dadurch entsteht eine mitreißende Energie, der man sich kaum entziehen kann.

Das Tempo wird zum Ausdruck einer Rastlosigkeit, die die Musik immer weitertreibt. Dieser Tanz auf dem Vulkan ist jedoch nur eine von vielen Facetten des Stücks. Einen denkbar starken Kontrast bildet die Cavatina, sicher einer der schönsten und deshalb auch berühmtesten Sätze aus Beethovens Quartettschaffen. Der erste Geiger Cristiano Gualco und seine Kollegen spielen diesen Satz sehr anrührend und ausdrucksvoll, mit einem wunderbar gedeckten Klang, bevor das Stück mit dem nachkomponierten Finale temperamentvoll endet. Auch mit der sechsten Folge hält das Quartetto di Cremona das Spitzenniveau seiner Gesamtaufnahme.
Rheinische Post

Rezension Rheinische Post 13. Juli 2016 | Wolfram Goertz | July 13, 2016 Wer soll das alles hören?

Täglich erscheinen Berge von neuen Klassik-CDs. Wir haben ins volle Töneleben gegriffen und gelauscht. Bei einigen Platten fragt man sich, ob es Hörer für sie gibt. Oft macht man aber unerwartete und nicht selten schöne Entdeckungen.

Die Welt der Schallplatten schmeckt nicht nur nach Austern und Kaviar. Es will auch Schwarzbrot gegessen werden. Aber das kann ausgesprochen köstlich sein.

Im Laufe eines Jahres erscheinen einige wenige Hochpreisprodukte der Stars und unendlich viele Platten, deren Interpreten oder Komponisten man nie im Leben gehört hat oder denen man ein öffentliches Interesse an ihnen nur mit Mühe unterstellen darf – nennen wir nur mal das "Weihnachtsoratorium" der Kantorei Stralsund oder die 4. Sinfonie e-Moll von Johannes Brahms des Orchestre Philharmonique de Clermont-Ferrand. Sind das wirklich nur belanglose Produkte, allenfalls für lokale Bedürfnisse gepresst, oder verbirgt sich dahinter die eine oder andere Kostbarkeit?

Um das zu prüfen, haben wir uns in einer beliebigen Auswahl die Platten angehört, die binnen eines Monats auf unserem Schreibtisch gelandet sind. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es war viel Schönes und noch mehr Unerwartetes darunter. Nun der Reihe nach.

Das kleine Label: audite aus Detmold

Immer wenn ich eine Platte der Detmolder Firma audite bekommen, weiß ich: Das kann kein Schrott sein! Sie produzieren nicht wie die Karnickel, sondern mit Bedacht, und was aus dem Presswerk kommt, das kann man sich anhören. Die Frage ist halt nur, ob das auch Produkte für jedermann sind.

Im Fall der Neuaufnahme aller Streichquartette von Ludwig van Beethoven mit dem Quartetto di Cremona ist man zunächst unsicher, ob die Welt das braucht. Nach wenigen Takten ist dieses Gefühl wie weggepustet. Die vier Musiker lassen sich mit bewundernswerter Sicherheit auf den verschiedenen Alterssitzen des Komponisten Beethoven nieder. Im frühen A-Dur-Quartett aus Opus 18 erfreut die wunderbare Frische und Beschwingtheit, mit der die Musiker zu Werke gehen; im späten Streichquartett B-Dur op. 130 treffen sie die Aspekte eines fast schon bizarr klingenden Nachtschattengewächses atemberaubend sicher. Es gibt fraglos etliche hochrangige Einspielungen der Streichquartette Beethovens, trotzdem wird man mit dieser Aufnahme wirklich glücklich, zumal sie eine einleuchtende Konfrontation des späten mit dem jungen Beethoven bietet und uns auf die Fahndungsliste setzt, wie viel Revolutionäres auch schon im Frühwerk des Komponisten zu entdecken ist.

Ein Kaiser, der komponierte: Leopold I. schrieb ein "Requiem"

Im Gegensatz zu Beethoven ist – und das darf hier als Kalauer erlaubt sein – der Komponist Leopold I. eine wirkliche Entdeckung. Der 1640 in Wien als zweiter Sohn von Kaiser Ferdinand III. geborene Komponist war 1658 in Frankfurt zum Römischen Kaiser gekürt worden, doch seine 47-jährige Amtszeit bis zu seinem Tod im Jahr 1705 muss ausgesprochen unpolitisch gewesen sein. Leopold hatte es eher mit der Musik, mit Festlichkeiten, Religion und der Jagd, also mit weltlichen und spirituellen Genüssen. Dass er auch komponiert hat, dürften die wenigsten wissen.

Audite überrascht uns nun mit einer ausgewählten Sammlung von Kirchenmusik aus Leopolds Feder. Der ist natürlich kein Groß-, aber immerhin ein ansprechender Kleinmeister. Dass Leopold sich an große Formate wie ein "Stabat Mater" und ein "Requiem" wagte, darf man als den Versuch würdigen, mit den Kaisern der Tonkunst mitzuhalten. Dank vorbildlicher Interpreten wie Cappella Murensis und Les Cornets Noirs unter Leitung von Johannes Strobl darf das Ergebnis als gelungen gelten. Trotzdem würde ich mich wundern, wenn diese Platte in Nordrhein-Westfalen außer bei den eingefleischten Anhängern historischer Königshäuser mehr als zehn Mal über die Laden- beziehungsweise Internettheke geht.

Ebenfalls für historisch ausgerichtete Musikfreunde scheint eine CD vorgesehen zu sein, die an die Altistin Maureen Forrester (1933 bis 2010) erinnert. Sie war von Bruno Walter entdeckt worden und galt in ihren besten Jahren als grandiose Mahler-Interpretin. Das "Urlicht" auf Youtube ist eine Sensation. Jetzt bringt audite uns ausgewählte Liedaufnahmen (Mahler, Loewe, Wagner, Brahms, Schubert, Schumann, Britten und andere) – und man ist überwältigt vom flutenden Wohllaut einer imperialen Stimme.

[…] Dieses Ärgernis geigt man jedoch rasch wieder weg – und wieder mit dem Label audite: Franziska Pietsch und Detlev Eisinger bieten eine formidable Aufnahme der beiden bezaubernden und energetischen Prokofjew-Sonaten für Violine und Klavier.
SWR

Rezension SWR 04.03.2016 | Lotte Thaler | March 4, 2016 BROADCAST

[…] Auch die nächste Aufnahme ist Teil einer Serie. Das italienische Quartetto di Cremona hat bei Audite soeben die fünfte Folge seiner Gesamteinspielung der Streichquartette von Ludwig van Beethoven herausgebracht. Diese Fünfte ist auch insofern bemerkenswert, weil sie neben dem späten Quartett a-Moll op. 132 das Streichquintett op. 29 aus dem Jahr 1801 enthält. Da dieses Werk leider nur selten aufgeführt wird, möchte ich Ihnen den letzten Satz daraus vorstellen. Er ist echter Beethoven, tollkühn im rasenden Tempo, vibrierend und im Grunde ein Witz, denn Beethoven veranstaltet hier ein so unkonventionelles Finale – Theater, dass nicht nur dem Publikum, sondern auch den Spielern Hören und Sehen vergehen muss – plötzlich in fremder Tonart eine Fuge, dann eine Anspielung auf ein Menuett, die aber sofort wieder vom Tisch gewischt wird – wo sind wir eigentlich? Dass diese Musik so furios rüberkommt, liegt wahrscheinlich auch am zweiten Bratscher als Gast im Quartetto di Cremona: es ist Lawrence Dutton, Mitglied des amerikanischen Emerson-Quartettes – für mich war er lange Zeit der weltbeste Quartett-Bratscher: Fünf Streicher unter Einfluss: hier spricht Beethovens Geist persönlich durch das Quartetto di Cremona und den Bratscher Lawrence Dutton. Das war der vierte Satz aus seinem Streichquintett C-Dur op. 29, erschienen als Folge 5 der Quartetteinspielungen bei dem Label Audite.

Sendebeleg siehe PDF!
www.pizzicato.lu

Rezension www.pizzicato.lu 24/08/2016 | Guy Engels | August 24, 2016 Spannend bis zum Schluss

Die Beethoven-Reise des ‘Quartto di Cremona’ neigt sich ihrem Ende zu, die Spannung bleibt hingegen unvermindert hoch. Auch nach sechs Etappen verliert diese Gesamteinspielung nichts an ihrem Reiz, an der hohen Dichte interpretatorischen Könnens. Die vier Musiker erreichen einen Grad wortloser Kommunikation, der kaum noch zu übersteigen ist. Nur so können sie derart unverkrampft an Beethovens Musik herangehen, die vor allem im Opus 18 immer vorwärts drängt, in der sich der widerspenstige junge Komponist schon deutlich bemerkbar macht. Die Noten vibrieren in allen Saiten, Ecken und Kanten bleiben wissentlich ungeschliffen.

Im Impetus gleich, in der Sprache allerdings forscher begegnen wir dem Bonner Meister anschließend in Opus 130. Das ‘Quartetto di Cremona’ lässt uns die Musik noch wesentlich intensiver erleben, sie wirkt schroff und zerklüftet, dann aber wiederum zart und intim. Selten zuvor haben wir die Cavatine derart rein und packend gehört, mit diesem leisen, wehmütigen Unterton. Ein Leben in Musik, das Beethoven gerade in der Schlusstrias seiner Streichquartette verdichtet hat und das kaum packender in Szene gesetzt werden kann, als dies das ‘Quartetto di Cremona’ macht.

Compelling, highly communicative and vibrant performances showing the great talent of the four musicians forming one of Italy’s best quartets, Quartetto di Cremona.
Fono Forum

Rezension Fono Forum Januar 2018 | Marcus Stäbler | January 1, 2018 Die Gesamtaufnahme aller Beethoven-Streichquartette war für das Quartetto di...

Die Gesamtaufnahme aller Beethoven-Streichquartette war für das Quartetto di Cremona mehr als ein musikalisches Anliegen. "Wir möchten zeigen, dass so ein großes Projekt auch 40 Jahre nach dem Quartetto Italiano bei uns noch möglich ist. Dass Kultur und Musik in Italien immer noch am Leben sind", sagte der Bratscher Simone Gramaglia vor vier Jahren im FONO FORUM (FF 12/13).

In der Tat präsentiert sich das Quartetto di Cremona im Beethoven-Zyklus als hervorragender Botschafter der italienischen Quartett-Kultur und untermauert zugleich seine eigene Position als Ensemble der internationalen Spitzenklasse. Mit einem hohen interpretatorischen Niveau, das auch die achte und letzte Folge prägt.

Sie vereint das mittlere Quartett op. 74 mit dem Quartett op. 18/3, das von manchen Formationen vielleicht einen Tick zu leicht und verspielt genommen wird. Dagegen geben die italienischen Streicher dem Stück etwas mehr Gewicht als oft üblich und finden auch hier, wie bei allen ihrer Beethoven-Interpretationen, einen eigenen Zugang. Der manifestiert sich etwa in den Akzenten im Kopfsatz, die sie schon ziemlich rau herausschießen lassen und in den Achtelfiguren gleich zu Beginn, die nicht als bloßes Beiwerk erklingen, sondern mit einer starken Ausdrucksenergie aufgeladen sind.

Dieses expressive Spiel gehört zu den Markenzeichen des Ensembles und beseelt etwa das Andante con moto mit einem innigen Sotto-Voce-Gesang, während im Finale die spritzige Virtuosität der vier Italiener aufblitzt. Mit ihrem lebendigen Zugriff schärfen sie die Charaktere von Beethovens Musik. Auch im Es-Dur-Quartett op. 74, in dem sie etwa den Kontrast aus neckischen Pizzicati – die dem Stück seinen Beinamen "Harfenquartett" beschert haben – und gestrichenen Sforzati herausstellen. Oder im Presto, dessen Oktavmotiv sie kantig in die Saiten meißeln, bevor ein facettenreicher Variationssatz die SACD und das ganze Projekt beschließt.

Suche in...

...